Parallel zur Hochzeit des Katastrophenfilms entstand 1974 der durchaus artverwandte Geiselthriller „The Taking of Pelham One Two Three“, der in Sachen Actionkino schon als Vordenker gedacht werden kann.
Wenn vier Männer nach und nach im gleichem Outfit, bestehend aus langem Mantel, Hut, Hornbrille, Schnörres und großem Paket unterm Arm, in die U-Bahn 123 einsteigen, dann wirkt das auf die Passagiere nicht verdächtig, wohl aber für den Zuschauer, der in Erwartung eines Genrefilms vor dem Bildschirm setzt und dem die Montage schon die verdächtigen Parallelen und die Blickkontakte zwischen den Männern offenbart. Doch Regisseur Joseph Sargent lässt langsam die Spannung hochkochen, ehe die Truppe aus Mr. Blue (Robert Shaw), Mr. Green (Martin Balsam), Mr. Grey (Hector Elizondo) und Mr. Brown (Earl Hindman) die U-Bahn in ihre Gewalt bringt. Die Farbdecknamen der Gangster inspirierten später auch Quentin Tarantino bei seinem „Reservoir Dogs“-Script.
Während das gut vorbereitete Quartett mit Präzision seinen Coup durchführt, gewährt Sargent auch Einblick in den Alltag anderer New Yorker: Während Bürgermeister Al (Lee Wallace) weinerlich mit einer Erkältung kämpft, führt der leitende U-Bahn-Polizist Zachary Garber (Walter Matthau) eine Gruppe japanischer Kollegen durch seinen Arbeitsbereich und erläutert die Vorgänge in der Zentrale – bis schließlich die Nachricht der Entführung eintrifft. Bis dahin hat sich allerdings bereits der humorvolle Tonfall etabliert, vom Running Gag der Darstellung des Bürgermeisters als opportunistische Lusche bis hin zum Brüller, der die Japaner-Szenen abschließt.
Mr. Blue, der Anführer der Gang, stellt eine klare Forderung: Eine Million Dollar Lösegeld innerhalb einer Stunde, andernfalls wird eine Geisel pro Minute exekutiert. Während dies die Behörden unter Druck setzt, muss Garber als Verhandlungsführer auftreten und versucht gleichzeitig mehr über die Geiselgangster zu erfahren…
Was Sargent und Drehbuchautor Peter Stone aus dieser Prämisse, basierend auf einem Roman John Godeys, machen, ist reduziertes, funktionales Kino, das die meisten Figuren in kurzen, aber effektiven Pinselstrichen zeichnet. Mr. Blue ist der charismatische Chef und Planer der Truppe, Mr. Green der Bahnfahrer und am wenigsten zum Kriminellen geeignet, Mr. Grey ist eine tickende Zeitbombe und Mr. Brown ein loyaler Mitläufer. Unter den Geiseln befinden sich gut eingesetzte, aber nicht überzeichnete Stereotypen wie der flamboyante Schwarze, die junge Mutter mitsamt Kindern oder die betrunkene Frau, welche glatt die Geiselnahme verpennt. Kaum anders sieht es bei den Vertretern der Behörden aus, die der Film als Archetypen zeichnet ohne sie dabei zu reinen Klischees verkommen zu lassen. Selbst über Garber erfährt man wenig, doch der Film lässt seine Taten charakterisierend sprechen: Ein überlegter Mann der Tat, aber auch kein Actionheld, sondern ein Denker und ein Pragmatiker mit trockenem Humor.
Dabei erweist sich die ungewohnte Besetzung mit Walter Matthau als Glücksfall. Der sonst als Komiker bekannte Schauspieler schafft es der Hauptfigur die nötige Entschlossenheit glaubwürdig zu verleihen und trotzdem ironische Brechungen zuzulassen, wobei man Garber, wenn er in einer Szene mal zur Waffe greift tatsächlich die nötige Tatkraft abkauft. Und Matthaus Blick in der letzten Einstellung des Films, der brennt sich ein. Dagegen ist Robert Shaw in seiner Rolle als Gentlemangangster, der trotzdem entschlossen ist, ein großartiger Antagonist, während ansonsten noch Hector Elizondo als Ekelpaket, Martin Balsam als ungewöhnlicher Verbrecher und Jerry Stiller als loyaler Kollege Garbers Akzente zu setzen wissen.
Das ist auch durchaus nötig in diesem Film, der seine Prämisse einfach und schnörkellos durchspielt: Es wird wenig gefeilscht mit den Kidnappern, schnell ist klar, dass man zahlen wird, sodass die Spannung in erster Linie im letzten Drittel anzieht, wenn sich die Frage stellt: Wie will das Gangsterquartett aus dem umstellten Tunnel entkommen? Hier wird das Fernduell zwischen Cop und Verbrecher, das auf psychologischer Kriegsführung, meist über Medien wie das Telefon hinweg, basiert, voll ausgespielt, was nicht bedeutet, dass der Mittelteil gänzlich unspannend wäre. Gerade durch die Montage kann Sargent hier punkten, teilweise auch mit pointierten visuellen Gags, etwa wenn er dem hektischen Durchzählen des Lösegelds unvermittelt eine Szene gegenüberstellt, in der Mr. Blue ruhig liest und auf das Verstreichen des Ultimatums wartet.
Wenn dann im Finale die vom deutschen Titel reißerisch und nicht ganz zutreffend angekündigte Todesfahrt stattfindet, dann wird auch etwas für die Schauwerte-Fraktion geboten, einprägsamer sind jedoch der Thrilleraspekt und das Geiselszenario, das Filme wie „Speed“, „Stirb langsam“ und dessen zahlreiche Kopien bereits in Grundzügen andeutet. Auch der selbstironische Ton, den „The Taking of Pelham One Two Three“ anschlägt, wurde gerade im Actionkino der 1980er immer mehr en vogue, welches häufig mit ironischen Brechungen und entsprechenden Onelinern arbeitete.
So ist Sargents kleiner Klassiker schon als Geschichtsstunde für Actionfans interessant, aber auch ein spannender und stimmiger Geiselthriller, der aus seiner simplen wie interessanten Prämisse vor allem durch kompetente Inszenierung Einiges herausholen kann. Dass der Film seine Figuren eher funktional einsetzt und das Fernduell erst im letzten Drittel so richtig anzieht, kann man durchaus anmerken, gelungen ist „The Taking of Pelham One Two Three“ dennoch und gerade in vielen amüsanten Details ebenso gewitzt wie einprägsam.