Kein Gesicht verbindet man eher mit dem frühen Stummfilm als jenes dieser dunkelhaarigen Dänin, die in den frühen 10er Jahren des 20. Jahrhunderts den Schritt von der Theaterbühne zum Film und einige Jahre später nach Deutschland ging, wo sie mit ihren Rollen wie in Hamlet (1921) bekannt werden sollte. Wenn es darum geht, starke Persönlichkeiten des frühen Stummfilms zu nennen, wird man an Asta Nielsen nicht vorbeikommen. Jener Schauspielerin, die seit Beginn ihrer Filmkarriere ein emanzipiertes Frauenbild zeichnete, gleichsam um ihre individuelle Autonomie wie ihre künstlerische Selbstbestimmung bemüht war. Sie wollte ihre Tochter Jesta allein erziehen und lehnte Rollenangebote und Drehbücher ab, wenn sie sie für zu wenig anspruchsvoll erachtete - in den frühen 10er Jahren mit den tradierten Rollenbildern von der „unterwürfigen Frau" und dem „mächtigen Mann" eine Ungeheuerlichkeit.
So verwundert es kaum, dass ihr erster Film, Afgrunden, einen ähnlichen Eklat auf den Plan rief. Wie das Publikum 1896 von The Kiss (dem ersten Filmkuss überhaupt) vom William Heise regelrecht angeekelt war, schrie es nun bei der anstößigen, 2-minütigen Sequenz auf, als Magda (Asta Nielsen) den Zirkuskünstler Rudolf Stern (Poul Reumert) fesselt und ihn schließlich unter einem stürmischen Kuss zu Boden reißt. Nicht nur, dass die ehemals sittsame Magda ihr Leben als Verlobte eines angesehenen Mannes (Robert Dinesen) und Klavierlehrerin aufgab: In dieser Szene des Tanzes und Fesselns trägt sie ein hautenges schwarzes Kleid, welches man mit Verruchtheit und (damals) profaner Erotik schlechthin konnotieren kann.
Der Titel ist dabei kein Zufall: Afgrunden, in Deutschland unter dem Titel Abgründe mehr oder minder bekannt, handelt von der Auflösung der klaren Ständeschranken, vom Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft. Der Auslöser für den Ausbruch aus den tradierten Lebensumständen ist dabei die Emanzipation der Frau, eine Bewegung, als deren Wegbereiterin durchaus auch Asta Nielsen angesehen wird. Im Film strebt ihre Figur nach Selbstverwirklichung, sucht ihre Erfüllung da (als Theaterschauspielerin), wo sie sie zu finden glaubt und strebt nach ihrer sexuellen Befreiung, die im Subtext durch die Abkehr von ihrem langweiligen Verlobten und der Sehnsucht nach einem Abenteuer mit einem bis dahin fremden Mann anklingt; bloße Rolle und autobiografische Züge verschwimmen hier wie auch in ihrem späteren Film Die Filmprimadonna (1914) und gehen ineinander über. Asta Nielsen pfiff in ihrem Leben auf gesellschaftliche Konventionen, heiratete den Vater ihrer Tochter nicht, jedoch insgesamt fünf andere Männer. Einer davon: Urban Gad, ihr Entdecker sowie Regisseur und Drehbuchautor von Afgrunden.
Am Ende von Afgrunden steht der Tod eines der Teile der sich entspinnenden, erotisch aufgeladenen Dreiecksgeschichte um Liebe - und die filmhistorische Relevanz dieses Films wird ersichtlich. Filme wie Jules et Jim um tragisch verlaufende Dreiecksgeschichten oder generell die weibliche Filmfigur des vamp mit anrüchiger Attitüde wären ohne diesen Film nicht möglich gewesen. Zudem bewies Asta Nielsen als Erste überhaupt, dass der Übergang von Schauspiel im Theater zu jenem im Stummfilm möglich ist; dass „Gedankengut und Stimmungen ohne Sprache zu schaffen" (wie sie es formulierte) zwar eine Herausforderung ist, aber diese eine ausdrucksstarke und ungemein präsente Schauspielerin - wie sie es zweifelsohne war - meistern konnte. Nielsens Mimik und Gestik, ihre nahezu perfekte Schauspielkunst, die Empathie für die von ihr verkörperten Figuren mit sich brachte, wurde nicht zuletzt von der zeitgenössischen Filmkritik bewundert. Und so wirkt sie auch in Afgrunden aufgrund ihrer zierlichen Figur, ihrer zarten Gesichtszüge und ihrer Verletzlichkeit nie wie die Schuldige an dem unhappy end, die sie aufgrund ihrer passiven Attraktivität und Verführungskunst eigentlich ist, sondern wie eine Leidende; die verletzliche Fee, welche den Zuschauer zu jeder Sekunde ihrer Anwesenheit zu verzaubern weiß.
Einhergehend mit Nielsens Präsenz entfaltet die Liebesgeschichte in Afgrunden eine Intensität, die sonst nur im Theater möglich schien. Einige Zwischentitel wurden in den 37-minütigen Film eingefügt, aber die Kamera bleibt starr und gibt somit den Akteuren den Raum, den sie brauchen, um ihre Charaktere und somit ihre Geschichte zu entfalten. Urban Gads Bemühen um dramatische Tiefe ist es zu verdanken, dass Afgrunden jene Bedeutung für die Filmgeschichte erlangte, welche dieser Film heute hat. Nach dem großen Erfolg des Films ging es mit Gads und Nielsens Karrieren steil bergauf. Mit dem dänischen Kino, dessen Blütezeit von 1911 bis 1917 - das mit seinem System um Erotik, Stars und aufwendige Dekors häufig als Vorläufer Hollywoods angesehen wird - sie zusammen einläuteten, ebenfalls (9/10).