Review

Was ist Kunst? Ist es eine zuweilen sehr schwer zugängliche Form der Kunst, täuschend real zu zeigen, wie ein Mensch Qualen erleidet? Wie er in kaum vorstellbarer Weise malträtiert wird? Die Kunstgeschichte lehrt uns, dass nicht nur Ästhetik und die visuelle Poesie, nicht nur Zeitlupenstudien von Regentropfen, die geschmeidig auf einer Wasseroberfläche aufschlagen, sondern auch das Unschöne, das Hässliche einen künstlerischen Wert haben kann.

Dieser erste, mythenumrankte, etwa vierzig Minuten andauernde Film der berüchtigten "Guinea Pig"-Reihe ist zweifellos ein hässliches Stück Zelluloid, ein Widerling - aber ebenso die cineastisch perfekte Illusion. Dokumentiert werden die in einem verdunkelten Raum an einer Frau begangenen Schandtaten einer Gruppe junger maskierter Männer. Sie schlagen, sie treten. Sie verbrühen ihr Opfer mit kochend heißem Öl, sie werfen Innereien auf den gefesselten Körper und schieben der wehrlosen Frau schließlich eine geschliffene Nadel seitlich in den Augapfel. Beinahe wie bei einer in Kapitel gegliederten Erzählung wird auf schwarzem Hintergrund angekündigt, was als nächstes folgen wird. Doch "Guinea Pig - Devil's Experiment" hat nichts zu erzählen und lässt nur schaurige Bilder für sich sprechen. Zwischenzeitliche Einblendungen zeigen Ziffern. Ziffern, die veranschaulichen, wie viele Schläge und Tritte dem Opfer zugeführt wurden oder wie lange es das beißende Geräusch eines Zahnarztbohrers mittlerweile erdulden musste.

Die Tortur wird in dokumentarisch-dilettantischer Optik präsentiert und gibt vor, wahrhaft zu sein. "Dies sind die Aufzeichnungen eines Experimentes, wie viel Schmerz eine normale, menschliche Seele aushalten kann, bevor sie zerstört wird" heißt es im Vorwort. Die Bilder sind authentisch, die Akustik ist authentisch. Die gesamte Inszenierung nährt bewusst den Mythos des Snuff-Filmes, der "Devil's Experiment" umgab. Das Making Of der ersten drei Teile der Reihe gibt ansatzweise Aufschluss, wie die Effekte realisiert wurden. Ohne üppiges Budget wurden die Grausamkeiten betäubend echt in Szene gesetzt. Ob blaue Flecken auf der geschundenen Haut der Gefolterten oder schwerste, ihr zugeführte Verbrennungen - so makaber es klingt, all dies sind die Zeugnisse virtuoser Make-Up-Arbeit. Zweifelsohne, "Devil's Experiment" ist eine unglaublich überzeugende Täuschung, so verblüffend realistisch ist die düstere, krankhafte Atmosphäre.

Sie ist geradezu so authentisch, dass ein äußerst fader Beigeschmack dabei entstehen muss. Denn "Devil's Experiment" dokumentiert unerträgliche Qualen, das Werk unmenschlicher Sadisten in schockierend detailreichem Realismus. Die Folter bildet die spärliche Handlung. Die geschändete Frau bleibt identitätslos, ein bloßes Versuchskaninchen, das völlig ausgelieferte Objekt wahnsinniger Experimentatoren. Warum geriet ausgerechnet sie in die Fänge der maskierten Gruppe, die offensichtlich von der reinen, perversen Freude an der grausamsten Grausamkeit angetrieben wird? Und welche Intention steckt überhaupt hinter solch einem Werk? Fragen, für die es keine klaren Antworten geben wird. Das Mysteriöse ist schlichtweg allgegenwärtig; dafür wird der Zuschauer am Ende auch mitten im Regen stehen gelassen.

Und dieser unangenehme Regen versetzt einen in Schrecken; in Schrecken über die in den rund vierzig Minuten gesehene, verstörende Visualisierung perfider, extremer Fantasien; aber auch in Schrecken über das eigene Zugeständnis, dass diesem zweifelsfrei nicht massentauglichen und ethisch verabscheuungswürdigen Japan-Schocker angesichts seiner ausgesprochen realistischen Inszenierung doch unweigerlich eine gewisse künstlerische Anerkennung zu zollen ist.

Details
Ähnliche Filme