Review
von Alex Kiensch
Er ist einer der berüchtigsten Gewaltfilme aller Zeiten, er inspirierte angeblich einen japanischen Kinderserienmörder zu seinen schrecklichen Taten und seine Macher mussten sich zeitweilig sogar gegen den Vorwurf wehren, hier tatsächlich unmenschliche Verbrechen begangen zu haben. Dabei legt es der japanische Hardcore-Streifen "Guinea Pig - Devil's experiment" auf genau solch eine realistische Wirkung an: Er gehört zur mehr als fragwürdigen Horror-Splittergruppe der Pseudo-Snuff-Movies.
Als solcher zeichnet ihn einerseits der Verzicht auf eine ausgefeilte Geschichte aus - hier geht es schwer erträgliche 42 Minuten nur um drei Männer, die eine junge Frau entführt haben und sie mit sadistischen Folterspielen quälen, demütigen und verstümmeln. Damit hängt auch das zweite typische Attribut dieses Subgenres zusammen: der Anspruch einer möglichst authentisch wirkenden Inszenierung. So gibt es weder richtigen Vor- noch Abspann, einleitend erklärt eine Texttafel, der Film sei dem Herausgeber aus anonymer Quelle zugekommen, und am Ende wird erwähnt, die Polizei ermittle noch nach den genauen Hergängen der Tat. Auch die Darstellung der Folter wirkt in höchstem Maße authentisch: Mit verwackelter Kamera, die nah an den Figuren bleibt, in grobkörnigen Videobildern gehalten und nur an wenigen Stellen durch künstliche Mittel wie leise Hintergrundmusik oder Zeitlupe als filmische Inszenierung erkennbar, geht "Guinea Pig - Devil's experiment" der Frage nach, auf welche Weise man einen Menschen am schlimmsten peinigen, erst seinen Geist und dann seinen Körper zerbrechen kann.
Diese Frage ist wahrlich von sehr zweifelhaftem Interesse. Unbekümmert suhlt sich der Film im Leiden der jungen Frau, zeigt ihre körperlichen Schmerzen - durch endlose Schläge, siedendes Öl oder Skalpell-Schnitte hervorgerufen - ebenso wie die psychischen Grausamkeiten, wenn sie etwa minutenlang mit Maden überschüttet oder mit glibberigen Fisch- und Molluskenabfällen beworfen wird. Als Pseudo-Snuff ist der schamlose Voyeurismus, mit dem hier extremste Grausamkeiten vorgeführt werden, zwar selbstverständlich. Wer aber nicht schon einiges an harten Horrorfilmen hinter sich hat, dürfte hier eher früher als später zu dem Punkt kommen, an dem er ausschalten muss. Und die Frage nach der moralischen Beschaffenheit dieses Werkes ist äußerst grenzwertig und müsste wohl Gegenstand einer viel ausführlicheren filmtheoretischen Besprechung sein.
Über alle primitiv-gewalttätigen, voyeuristischen und moralisch bedenklichen Aspekte hinweg kann man dem Film aber eines nicht absprechen: einen gewissen Grad an künstlerischer Fülle. Die erbarmungslose Inszenierung mit ihren verwackelten, groben Bildern, der leisen, aber sehr bedrohlichen Musik und der sich steigernden Gewaltdarstellung lässt eine extrem düstere Atmosphäre entstehen, die den Sog eines Albtraums entwickelt. Und die Spezialeffekte, mit denen vor allem am Ende brutalste Verstümmelungen in Szene gesetzt werden, suchen im Horrorgenre ihresgleichen (diesen Effekten galt später auch ein Making-of, das beweisen sollte, dass es sich hier wirklich nur um einen inszenierten Film handelt). Man kann also sagen, dass die Filmemacher rein formal wussten, wie sie ihr Ziel erreichen konnten. Inwieweit dieses Ziel aber - insbesondere angesichts der aussagelosen Position des Films gegenüber der dargestellten Gewalt - vertretbar ist, das bleibt wohl eine Frage des Gewissens. Denn auch wenn hier alles nur inszeniert ist, stellt sich doch die Frage, was mit einem solchen Werk erreicht werden soll, abgesehen von der Befriedigung ekelhaftester Triebvorstellungen. Für mehr fehlt hier eindeutig eine reflexive Bearbeitung des Films bezüglich des Gezeigten. So ist "Guinea Pig - Devil's experiment" wohl nur für die allerabgebrühtesten Splatter-Fans ein Klassiker - alle anderen wenden sich schaudernd ab. Oder rufen gleich die Polizei.