Review

Diese Kritik und Bewertung beziehen sich ausschließlich auf BOX von Takashi Miike. Die beiden anderen Kurzfilme der Kompilation sollen hier nicht besprochen werden - das haben andere an anderer Stelle bereits ausführlich getan.

BOX ist ein Meisterwerk. Einer der bewegendsten Filme überhaupt. Poetisch und von einer visuellen Kraft wie kaum ein anderer. Und mit einem brissanten Thema, an das sich nicht viele Regisseure heranwagen: Kindesmissbrauch und seine Folgen für die Betroffenen - in diesem Fall die junge Frau Kyoko. Miike hat die Bereitschaft zum Tabubruch, welche viele an ihm schätzen und von ihm erwarten, hier nicht auf der Ebene der Bilder, sondern auf inhaltlicher Ebene gewagt und sich damit als ernstzunehmender Filmemacher weiter etablieren können.

Auf den ersten Blick scheint Miike die Geschichte einer jungen Frau - Kyoko - zu erzählen, die in ihrer Kindheit aufgrund von massiver Eifersucht auf die Zwillingsschwester Shoko dieselbe durch eine Verkettung von Zufällen tötet und an dieser Schuld verzweifelt. Eine Tiefenanalyse der Bildsprache und Symbolik lässt allerdings eine andere Deutung des Films hervortreten: Schuldig ist Kyoko in jedem Fall, aber nicht am Tod ihrer Schwester, sondern an der Tötung eines Teils von sich selbst. Shoko und Kyoko sind ein und dieselbe Person (das deutet Miike mehr als einmal an) - Shoko ist der Teil von Kyoko, den sie in ihrer Kindheit von sich abspalten musste, der sich dem Vater sexuell hingegeben hat (die Szene, wo sie neben Shoko und dem nackten Vater an dessen Bett steht) und den sie daher nicht nicht in ihr Selbst hat integrieren können und umbringen musste (Spaltung als Form der Abwehr ist typisch für missbrauchte und traumatisierte Menschen). Kyoko ist dadurch eine Gefangene ihrer selbst und ihres abgespaltenen alter Ego Shoko geworden und eine Gefangene der väterlichen, inzestuösen Zuwendungen (deshalb begräbt sie der Vater als Rächer und Täter zugleich im Schnee - ein Symbol für den psychischen Tod der Protagonistin und ihre innere Leere einerseits und die Täter-Opfer-Umkehrung, die für missbrauchte Menschen typisch ist, die sogenannte Identifikation mit dem Aggressor). Sie ist seelisch deformiert (auf der Eben der Bildsprache wird das in der vorletzten Einstellung des Filmes durch das Zeigen ihrer körperlichen Deformität deutlich). Ihre Gefühlswelt ist zutiefst ver-rückt und ambivalent: einerseits sucht sie die Nähe (Körperlichkeit) des Mannes (des Vaters), andererseits erträgt sie diese nicht und muss sich abwenden.
Der Film zeigt in symbolhafter Weise - und aus der Innenperspektive der traumatisierten Protagonistin (was auf formaler Ebene durch Risse und Sprünge im Bildfluss, durch die vielen traumartigen Sequenzen und die grandiose Tonspur erreicht wird) - den Versuch Kyokos, ihren abgespaltenen Teil zu integrieren und sich mit sich selbst zu versöhnen und eine Liebesbeziehung zu einem Mann einzugehen, nach der sie sich sehnt, die aber unerreichbar für sie ist (weil das bedeuten würde, den Vater gleichzeitig lieben und hassen zu können - etwas, was Kyoko niemals können wird, denn das bedürfte einer Integrationsleistung, zu der ein Mensch wie sie nicht fähig sein kann). Dass sie dabei unweigerlich scheitern muss, zeigen die letzten, deprimierenden Einstellungen des Films. Hier ist keine Aussicht auf wirkliche Heilung. Kyoko wird nicht eins mit sich - sie ist für immer deformiert und, symbolisch gesehen, im Schnee begraben und von ihrem Vater verlassen, unfähig, den Hass auf ihn zu richten und somit sich selbst gerecht zu werden. Sie wird für immer Opfer und Täter zugleich bleiben - eine trauriges, tragisches, aber durchaus realistisches Ende.

Für alle diejenigen, denen Film als Medium dient, das über sich selbst hinausweisen kann und eine Auseinandersetzung mit unserer Innenwelt und Aussenwelt wagt, denen der Unterhaltungscharakter eines Filmes nicht wichtiger ist als seine tieferen Bezüge zur menschlichen Realität und Emotionalität, dürfte BOX eine Offenbarung sein, ähnlich der Filme David Lynchs oder Ingmar Bergmans. Für alle die, die in einem Film in erster Linie Unterhaltung sehen oder die eine klar strukturierte und in sich geschlossene, lineare und logische Erzählung brauchen (ich meine das in keinster Weise wertend), muss BOX unverständlich und kryptisch bleiben und ist ihnen daher nicht zu empfehlen. In diesem Sinn hat er auf der Kompilation THREE EXTREMES nichts verloren, hat er mit dem grotesken DUMBLINGS (5/10 Punkten) und dem sinnentleerten, formal interessanten, aber in seiner Bedeutungslosigkeit zutiefst enttäuschenden CUT (4/10 Punkten) nichts gemeinsam und kann weder neben den beiden Filmen noch diese neben ihm bestehen.

BOX ist für mich einer der wichtigsten Filme überhaupt.

10/10 Punkten

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