Review

Stadt ohne Engel

"In L.A. berührt dich niemand. Wir sind doch immer nur hinter Metall und Glas. Ich glaube diese Berührung fehlt uns so sehr, dass wir miteinander kollidieren müssen, um überhaupt etwas zu spüren." Als Detective Waters (Don Cheadle) diese gewichtigen Sätze spricht, hat es in der Geschichte zum ersten Mal geknallt. Eine Asiatin hat mit ihrem Wagen das Auto der Kriminalbeamten gerammt.

Waters Assistentin (Jennifer Esposito) will die Unfallverursacherin zur Rede stellen, da schallt ihr auch schon das erste Vorurteil entgegen:" Alle Mexikaner können nicht Auto fahren, das weiß man ja!" Statt Reue zeigt die Asiatin Ressentiments. Verglichen mit dem, was im folgenden zu erleben ist, nimmt sich das Klischee um fahruntüchtige Mexikaner harmlos aus. Schlimmer als der Autounfall ist der Fund am Straßenrand. Die Leiche eines jungen Mannes zwingt zum Rückblick auf die letzten 36 Stunden.
Man erlebt eine Vielzahl verschiedener Menschen bei ihrem Tun, beobachtet Leute aus der Oberschicht, Gangster, illegale Einwanderer und Polizisten. Die Episoden hängen auf komplexe Weise miteinander zusammen. Regiesseur Paul Haggis gestattet dem Zuschauer eine souveräne Sicht, die seinen Protagonisten verwehrt bleibt. Sie sind befangen. Befangen in festgefahrenen Denkmustern, in Angst und Misstrauen. Manches ist so schwer erträglich, dass man am liebsten eingreifen möchte. Andererseits ertappt man sich selbst bei Vorurteilen. Etwa dann, wenn man einen Latino als Dieb verdächtigt, noch bevor es von einer Filmfigur geäußert wird. Die Wahrheit ist nicht leicht zu haben in diesem Drama. Der rassistische Streifenpolizist Ryan (großartig verkörpert von Matt Dillon) spielt in einer Episode auf ekelhafte Weise seine macht aus und tritt in der nächsten Szene als Lebensretter auf. Detective Waters, den man lange für einen lauteren Ordnungshüter gehalten hatte, lässt sich plötzlich auf einen erbärmlichen Handel ein. Der Film zeigt die angegriffene Substanz einer Gesellschaftsordnung, die von seinen Machthabern noch immer als vorbildhaft reklamiert wird. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: "L.A. Crash" ist kein Thesenfilm, eher ein Stimmungsbild. Doch die Stimmung ist schlecht.

Fazit: Der vielleicht ehrlichste Film aller Zeiten.

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