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Ein Schwarzer, ein Weißer, ein Araber, ein Latino, ein Chinese – beim Lesen dieser blanken, rohen Auflistung von Hautfarbe und kultureller Herkunft treffen unzählige Vorurteile in Gedankengängen aufeinander. Ein „Crash“ sozusagen. Der Zusammenprall von vorgefertigten Meinungen, die schwerer als Atome zu spalten sind.

Paul Haggis zeigt in dem oscarprämierten Film „Crash“ in verschiedenen Episoden das erschreckende Selbstbild unserer Gesellschaft, verlagert auf die Metropole Los Angeles. Ein Konstrukt des normalen Wahnsinns, zeitlich erfasst in 24 Stunden, erzählt in mehreren, scheinbar unabhängigen Episoden.

Vorurteile als Vorboten von Angst und Selbstschutz, um sich gewisse Dinge vom Leib zu halten. Dabei seziert Haggis alle Gesellschaftsschichten, fernab der Klischeefalle, tief wirkend bis zur Magengrube. Es geht vordergründig gar nicht um tief empfundenen Rassismus, Schwarz oder Weiß – der bei einer Routinekontrolle sexuell diskriminierend handelnde Streifenpolizist Ryan (Matt Dillon), rettet der gleichen Frau später bei einem Autounfall das Leben. Er ist kein überzeugter Rassist, vielmehr nutzt er einfache Antworten, um soziale und dadurch resultierende, persönliche Missstände zu erklären. Opfer werden zu Täter. Täter zu Opfer. Die zuvor von zwei Schwarzen überfallene Staatsanwaltsgattin (Sandra Bullock), misstraut einem Latino (Michael Pena), der neue Schlösser einsetzen soll, weil er ein potenzielles Gangmitglied ist. Der Iraner Farhad (Shaun Toub) ist an anderer Stelle ohnehin ein potenzieller Terrorist – und wendet wiederum die gleiche Vorverurteilung an. Haggis spielt mit der Erwartungshaltung des Betrachters und lässt seine Hauptpersonen oftmals anders handeln, als man erwartet hätte.

Querbeet durch alle Gesellschafts- und Bildungsschichten zeichnet sich das gleiche Bild ab. Zusammenhänge, die Verflechtung von Episoden ergibt ein Konstrukt, das sie fehlende Selbstkenntnis zeigt und Entfremdung manifestiert. Zu Beginn sinniert Detective Graham Waters (Don Cheadle), über die fehlende Berührung, durch die das Bedürfnis des „Crashs“, damit man überhaupt etwas fühlt, entsteht. Sinnbildlich aus einem verbeulten Auto heraus. Seine Episode zeigt, was er damit meint, wie sehr er an Selbstverzweiflung nagt – letztendlich ist der Beginn das passende Fazit zu dem, was Haggis uns als Rückblenden in Episodenform erzählt.

Los Angeles dient dem Regisseur nur als variabler, prädestinierter Ort, um die Einzelschicksale zu beleuchten. Hier sind alle Kulturen, Gesellschaftsschichten und Vorurteile in einer Smoghülle vereint. Der düster und dreckig inszenierte Mikrokosmos in der eigentlich besinnlichen Weihnachtszeit, stellvertretend für ein menschliches Problemfeld.

Das Drehbuch an sich ist ein Konstrukt, das auf die Intention hinarbeitet. Haggis baut trotzdem ein narratives Gebilde, das zu unterhalten weiß. Klischees umgeht man geschickt, indem man nicht zu sehr im statischen verbleibt und den Charakteren einen Wandel zugesteht. Niemand der gezeigten Personen wirkt wie ein überzeugter Rassist – auf diese melodramatische, menschenfeindliche Darstellung zielt der Regisseur gar nicht ab. Das Starensemble um Don Cheadle, Sandra Bullock und Matt Dillon kann diese Freiheiten auch nutzen, um die notwendige, emotionale Nähe zu erzeugen. Szene um Szene verfolgt man mit einer gewissen Überraschungshaltung, da die Klischeehaftigkeit nicht gegeben ist und keine latent rassistischen Stereotypen gezeichnet bzw. verkörpert werden.

Melancholisch vereinen sich die Episoden in Bild und Ton. Emotionale und pessimistische Klänge untermauern das Gezeigte, als etwas Problematisches, das zeitlos und allgegenwärtig erscheint. Der Titelsong „In the Deep“ von Kathleen York, fasst musikalisch die vorherrschende Stimmung zusammen. Die Tiefe als Ausdruck von dem, woraus der latente Rassismus faktisch entspringt. Probleme tief im Inneren werden nach außen delegiert und in vorgefertigten Meinungen zum Ausdruck gebracht.

Es ist heutzutage, im modernen Kino, nicht immer wichtig neue Themen zu verarbeiten bzw. innovativ damit umzugehen. Haggis greift im Rassismus ein altes Motiv auf und verfeinert es in Episodenform, als narratives Konstrukt, das eine klare Intention vermittelt. Man sieht kein Meisterwerk, aber durchaus einen wichtigen Film mit Substanz. (8/10)

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