Review

Als im Jahr 2006 der Episodenfilm "L.A. Crash" bei den Oscars u.a. in der Sparte "bester Film" ausgezeichnet wurde, war die Überraschung groß. Kaum einer hatte damit gerechnet, dass dieses zwar hochkarätig besetzte, aber vergleichsweise niedrig budgetierte Drama der eigentliche Sieger des Abends sein würde. Ich hatte das Glück, den Film unmittelbar vor der Veranstaltung zu sehen, die ja live im TV übertragen wurde. Somit waren meine Eindrücke noch sehr frisch- und am Ende war ich höchst zufrieden mit dem Ausgang der Academy Awards.
Nur soviel vorweg: der Film hat jede seiner Auszeichnungen vollends verdient.

Zum Inhalt: Detective Graham Waters (Don Cheadle) und seine Kollegin Ria (Jennifer Esposito) haben einen Autounfall. Ihnen beiden ist nichts geschehen, doch Graham sinnt darüber nach wie sehr sich die Menschen in Los Angeles voneinader entfremdet haben. Ria ist sichtlich besorgt. Sie verlassen den Wagen und betreten einen anliegenden Tatort. Graham erfährt, dass ein Junge getötet wurde. Sein Blick wird starr...
Ein Tag zuvor: Während Graham und Ria einen offenbar rassistisch motivierten Mord an einem Polizisten untersuchen, spielen sich zur gleichen Zeit mehrere Dramen größerer wie kleinerer Art ab. So werden der Filmregisseur Cameron (Terrence Dashon Howard) und seine Frau Christine (Thandie Newton) von dem Cop Ryan (Matt Dillon) und seinem jungen Kollegen (Ryan Phillipe) angehalten. Was harmlos beginnt, nimmt schnell eine bittere Wendung, als einer der Officers zu weit geht...
Rick Cabot (Brendan Fraser), ein erfolgreicher Anwalt, und seine Frau Jean (Sandra Bullock) werden Opfer eines Überfalls durch zwei junge Schwarze, die ihren Wagen stehlen. Obwohl dem Pärchen weiter nichts geschieht, hält dies Jean nicht davon ab, in Gegenwart des Schlossers (Michael Pena), der ihre Türschlösser auswechselt und eine auffällige Tätowierung hat, hysterisch zu werden und dabei ihre eigenen Vorurteile zu offenbaren...
Der Perser Farhad (Shaun Toub) wiederum besorgt sich eine Waffe, um seine Familie, die in der Stadt einen kleinen Laden betreibt, beschützen zu können. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er nicht, was noch auf ihn zukommt...
Die Wege dieser Menschen werden sich im Laufe dieses Tages kreuzen, wobei es zu folgenschweren Kettenreaktionen kommen wird, die das Leben aller Beteiligten für immer verändern...

Mehr sollte man gar nicht verraten, denn auch wenn "L.A. Crash" kein Thriller ist, der von seinen überraschenden Wendungen lebt, so hat man es doch zumindest mit einem Film zu tun, der durch die Handlungen seiner  Charaktere besticht. Und die sind nicht selten erschütternd und aufwühlend!
Es ist schon erstaunlich wie es Paul Haggis gelungen ist, mit seinem vielschichtigen Meisterwerk den vermutlich besten Film des Jahres abzuliefern. Seine Inszenierung ist, unterstützt durch eine erstklassige Kameraarbeit und den herausragenden Score von Mark Isham, eine ausgesprochen atmosphärische Angelegenheit geworden, sodass den Zuschauer im Grunde eine Dauer-Gänsehaut befällt. In einigen Momenten scheint der Film vor Intensität beinahe zu bersten, wie z.B. in der atemberaubenden Unfall- und Rettungsszene im Mittelteil. Daneben ist auch das Drehbuch klasse gestrickt und weist so gut wie keine störenden Mängel auf. Das Beste ist hier aber die Charakterzeichnung, der es eindrucksvoll gelingt, die gängigen Stereotypen zu vermeiden und die Figuren stattdessen zu Unikaten zu machen, die nie an Glaubwürdigkeit verlieren. Dabei betont Haggis, zusammen mit seinem Co-Autor Bobby Moresco, die Entwicklung dieser Charaktere, von denen am Ende des Films kaum noch einer derselbe geblieben ist. Dargestellt werden sie von einem Ensemble, das mit überragend fast noch untertrieben beschrieben wäre. Egal ob Sandra Bullock, Terrence Howard oder gar Rapper "Ludacris"- jeder von ihnen spielt auf höchstem Niveau. Besonders hervorstechen tun dabei allerdings noch Don Cheadle als heimliche Hauptfigur, Matt Dillon in der vielleicht besten Rolle seiner Laufbahn und der sehr sympathische Michael Pena, der wohl auch Oliver Stone überzeugt haben dürfte, sodass dieser ihn gleich für sein Drama "World Trade Center" engagiert hat.

In der Summe seiner Teile ist dies einer der Filme, die mitten ins Herz treffen und dort auch bleiben. Denn wo andere Filmemacher in ihren Episodenstreifen auch schon mal gerne den Zynismus triumphieren lassen (so z.B. Robert Altman in seinen "Short Cuts"), vergisst Paul Haggis nie die befreiende Kraft des Optimismus. Nicht jede der Geschichten mag ein gutes Ende nehmen, aber die Hoffnung überwiegt. Dass Haggis in diesem Zusammenhang zu keinem Zeitpunkt in Kitschgefilde abdriftet, ist ihm hoch anzurechnen und zeigt nur wie gut emotionale Filme sein können, wenn sie über ein tolles Drehbuch verfügen.
Selten wurde der Glaube an das Gute im Menschen tröstlicher und wahrhaftiger dargestellt als hier, was "L.A. Crash" (der Originaltitel "Crash" wurde für die deutsche Version umgeändert, weil man wohl Verwechslungen mit David Cronenbergs verstörendem Psychodrama "Crash" vermeiden wollte) nicht nur zu einem bewegenden Plädoyer gegen den Rassismus macht, sondern sich auch für die Nächstenliebe im Allgemeinen ausspricht.
Es bleibt abzuwarten, ob Haggis diese Meisterleistung auf nahezu allen Gebieten toppen kann. Im Genre des "Episodenfilms" dürfte ihm jedenfalls keiner mehr so leicht was vormachen. Unbedingt ansehen!
10/10 Punkten

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