Review

-Kollision-

''Der Tastsinn ist ausschlaggebend. In jeder anderen Stadt wird man beim Geben angerempelt und streift automatisch andere Passanten. In L.A. berührt dich niemand. Man befindet sich dauernd hinter Stahl und Glassbarrieren. Ich denke die Leute vermissen die Berührungen so sehr, das sie Kollisionen verursachen, nur um etwas zu spüren.''

In diesem Sinne konzipiert der Film sein eigenes Schweizer Uhrwerk. Dabei handelt es sich um einen Episodenfilm, bei dem es viele handelnde Personen braucht, die durch tragische Ereignisse zusammen finden.Wir tauchen in wenige Stunde des Lebens von 14 Personen ein. Davon stehen sich einzelne Personen sehr Nahe. Der Rest findet im Konstrukt der Handlung zusammen.

Eine Aneinanderreihung der Themen Mord, Humanität, Verzweiflung, Rassismus und zufälliger Begegnung finden im Film Platz.
Hierbei sehen wir Personen, wie Detective Graham Waters, der so etwas wie den roten Faden der Geschichte verkörpert.
Der Rassismus wird vermenschlicht, keinem aufgezwungen und dennoch ist er und die die Beleidigung an die Gleichheit der Individuen ein fortlaufendes Motiv des Films. So ist zum Beispiel Officer Ryan nicht von Natur aus ein Rassist.Er ist unzufrieden, muss sich um seinen kranken Vater kümmern, die Versicherung lässt sie dabei im Stich und er versucht für seine Situation schuldige zu finden. Da kommen die Vorurteile und rassistischen Züge gerade gelegen. Damit findet man schnell schuldige, mit denen man sich sein angekratztes Image aufpolieren kann.
So belästigt er im Film Christine und ihren Freund, den Regisseur, weil er unzufrieden ist und seine Unzufriedenheit auf jemanden projizieren muss. Dass andere Menschen glücklich sind erscheint ihm keineswegs gerecht.Wenn Christine und Ryan sich später bei einer Unfallstelle wieder begegnen und Ryan plötzlich der einzige ist, der sie aus dem Auto befreien kann, dann ist das herzzerreißend, denn sie will sich von ihm, der sie belästigt hat, nicht helfen lassen. Aber er ist der einzige, der sie noch vor der Explosion retten kann. So bekommt Ryan plötzlich Menschlichkeit und zunehmend humanitäre Charakterzüge.

Der Film zwingt einem die Konflikte keineswegs auf. Andere werden die Konflikte unberührt lassen. Aber es geht nicht einfach nur um Rassismus, Unzufriedenheit und Verzweiflung, sondern um die Humanität, die in dieser 113 minütigen Kettenreaktion manchmal nicht genug Platz findet.

Was bedeutet ''schwarz''? Was bedeutet ''weiß''?
Haben wir nicht alle die selben Strukturen, die selben Organe, die selbe Kraft in unseren Beinen, die uns trägt? Den selben Willen nach Anerkennung und Bestätigung? Die Suche nach Liebe?
Weshalb aber sind Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Hautfarbe sowohl gesellschaftlich als auch Ethisch anders einzuordnen ?
Sind wir alle gleich? Oder sind wir doch von Grund auf verschieden, nur weil wir einen anderen Glauben und eine durch unsere Kultur unterschiedlich gefestigte Meinung von Sitte und Moral haben?

Wer L.A. Crash gesehen hat, bekommt einen emotional aufreibenden und fein konstruierten Episodenfilm der anderen Art zu sehen. Jede einzelne Figur spielt eine wichtige Rolle. Jeder Charakter fügt der Geschichte einen roten Faden hinzu, bis alles ein großes Ganzes ergibt.

Keine der Figuren kommt dabei ungeschoren davon.
'Jean Cabot' ist hysterisch, übervorsichtig und paranoid und ist davon überzeugt, dass der ausländische Schlosser, der übersät ist mit Knast Tätowierungen, ein Betrüger und Krimineller ist. Ebenso wie Farhad, der selber ausländischer Abstammung ist. Und trotzdem muss sich Jean bei einer Mutmaßung ihrerseits ertappen, die ihr die Unmenschlichkeit ins Gesicht schreibt.
'Rick Cabot' ist Bezirksstaatsanwalt und versucht negative Presse, in der womöglich ein ''schwarzer'' involviert ist, von sich fern zu halten. Er ist ebenfalls kein schlechter Mensch, aber die Hautfarbe und Abstammung ist dennoch ein entscheidendes Mittel zum Zweck.
'Ria' ist eine ehrliche Polizistin, bekommt aber ständig Mexikaner-Witze entgegengebracht, obwohl ihre Abstammung eine ganz andere ist. Hier werden verschiedenste Abstammungen und Kulturen über einen Kamm gespannt.
'Officer Hansen' ist die meiste Zeit die einzige Figur, mit der man sich identifizieren kann, bis zum Schluss, an dem er selbst den Vorurteilen verfällt, die er im ganzen Film so gerne verneint hat und den Glauben an die Menschheit bewahrt hat.
'Detective Waters' schläft mit einer ''weißen'' und hat es ebenfalls schwer mit seiner Hautfarbe in der Gesellschaft klar zu kommen. Er verspricht des öfteren im Film seiner Mutter, dass er seinen Bruder, einen schwarzen, der schon öfter straffällig geworden ist, zu finden, nur um am Ende seinen toten Bruder an einem Tatort zu finden, dessen Tot von Officer Hansen ausgeht, da dieser gedacht hat, der ''schwarze'' hat grundsätzlich eine Waffe dabei. Das mag Klischehaft vorkommen, ist es wahrscheinlich auch, aber es wird einem nach wenigen Minuten klar, welche Karten der Film austeilt um auch eine Konsequenz zu erzielen.
Farhad, der selber Vorurteile gegen andere kulturelle Gemeinschaften hegt, macht den Schlosser Daniel für die Plünderung seines Ladens verantwortlich. Dieser hat ihm empfohlen, die Tür reparieren zu lassen. Auf diesen Vorschlag stieg Farhad nicht ein, er wird ausgeraubt und alles was er hat geht verschwunden. Die Versicherung will ihm natürlich nichts erstatten, weil er aufgrund seiner Vorurteile nicht auf den Schosser hören wollte, der ihm nur helfen wollte. In der Konsequenz will er Daniel konfrontieren und hätte im Affekt des Streits beinahe Daniels kleine Tochter umgebracht. Eine Szene, die mir urplötzlich Tränen in die Augen katapultierte. Urplötzlich und vollkommen ungeahnt.

Der Film führt Personen ein, führt sie zusammen und verändert im Laufe des Films ihre eigene persönliche Weltanschauung und setzt maßgebliche Aspekte und Gefühle. Gefühle die natürlich rüber kommen, eben weil wir es nicht mit schlechten Menschen zu tun haben, sondern mit Menschen, wie du und ich.

''Ich nenne so etwas eine 'graue' Komödie. Sie ist nicht völlig schwarz. Ich liebe solche Filme, weil sie zum Nachdenken und Lachen anregen, und man sich dennoch eingestehen muss ''Ich bin einer von denen''.'' - Produzent Mark R. Harris

Tatsächlich sehen wir nichts, was wir nicht auch von uns selber kennen. Auch wenn ungewollt ertappen wir uns oft genug dabei, wie uns etwas rausrutscht, dass einen rassistischen Hintergrund hat. Manchmal verharmlosen wir es, weil es einfach normal ist. Auch wenn es nichts schlimmes ist, vielleicht nur ein kleiner ''Schwarzen-Witz'. Dennoch hat dieser gesellschaftlich anerkannte Rassismus einen Ursprung und kein sichtbares Ende.
Rassismus kann überall gebraucht werden. Um Bezirksstaatsanwalt zu werden, Morde schnell aufzuklären oder einfach ein paar ''schwarze'' loszuwerden, ohne dafür eine Strafe erwarten zu müssen.
Der Film kritisiert gekonnt und pikant sein eigenes Land. Ein Land, indem schwarze noch heute diskriminiert und herabwürdigend behandelt werden.

Es scheint irgendwo in unserer tiefsten Natur verankert zu sein, Macht auszuspielen und vor nichts Halt zu machen.
Im Film sehen wir Klischeehafte Gangster und Klischeehafte weiße ''gelackte'' Bürger der Gesellschaft. Auf beiden Seiten findet Rassismus und Ungleichheit gleichermaßen Platz. Und das führt zu einer unaufhaltsamen Kettenreaktion.

''L.A. Crash'' ist ein Episodenfilm mit grandiosem Drehbuch von Paul Haggis (Million Dollar Baby), der an tiefste Menschsein appelliert, dabei ein Thema aufgreift, dass auch nach Ghandi, Malcolm X oder Martin Luther King, nicht mal das kleinste bisschen an Aktualität verloren hat. Gerade das Entstehungsland des Films ist gezeichnet von den Gesellschaftsschichten, den unterprivilegierten und des Rassismus. Betrachtet die aktuellen Ereignisse in der U.S.A. Die Menschheit bessert sich einfach nicht. Und das wird sich auch in nächster Zukunft nicht ändern.

Was fällt uns Menschen so schwer, in jedem Menschen, einen Menschen zu sehen?

''Man kann den Film in kleine Schubladen stecken, weil er sich auch jeder Stimmungskategorie entzieht. Der Film dreht sich um das wahre Leben. Aber er besitzt auch Elemente der Fabel und der Sittenbeschreibung. Darüber hinaus verbreitet L.A. Crash Hoffnung. Wir erleben Leichtsinn und Herzschmerz, Tragik, Schönheit und Komik. All diese Elemente rufen Anklänge an verschiedene Genres wach, verhindern aber auch eine klare Einordnung.'' -Cathy Schulmann Produzentin-

'' Wer nach diesem Film aus dem kino geht und sich nicht selbst in den Protagonisten wiedererkennt, ist ein absoluter Lügner''-Sandra Bullock''.

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