Je länger die Haare desto kürzer die Moral: die 60er und 70er haben neben so manchem Klassiker des Alternativkinos ebenso viel Anti-Hippie-Propaganda auf die Leinwand gebracht und manchmal wurde dafür Sorge getragen, dass besagte Filmbewegungen einander überschneiden, frei nach dem Paracelsusleitspruch "Die Dosis macht das Gift" : ein Bißchen Woodstock mag okay sein, aber es gibt immer Typen, die gnadenlos übertreiben.
"Wilder Honig" täuscht zu Beginn an, auf der gesellschaftskritischen "Easy Rider" - Route zu reisen, biegt ein paar verstaubten Landstraßen später auf Barbet Schroeders "More" ein, den er dann komplett verfehlt und stattdessen auf den letzten paar Metern mit durchgetretenem Gaspedal auf "American Cannibale" zubrettert. Ich hatte Spaß an dem Film, aber der beste Werbestreifen für den Sommer der Liebe ist "Wilder Honig" nun wirklich nicht.
Eintönigkeit, Perspektivlosigkeit, Onanie: Wenn man (oder eher Frau) auf einer maroden Farm unter dem Kommando eines versoffenen Jim Henson-Doppelgängers mit einer Vorliebe für Bible Belt - Propagandaradio und Frauenfeindlichkeit aufwächst, dann hat man kaum eine Wahl, als sich diesen drei Extremen hinzugeben. Erst das Auftauchen des motorradfahrenden Halbtagshippies Mac ändert dies für unsere namenlose Protagonistin (die sich nunmehr mit Hippiealias "Gypsie" nennt) alles und mittels Sex und Road Trips erweitert sich das Bewusstsein unserer Protagonistin auch oberhalb des begürtelten Intimäquators.
Nach einer kurzen orgiösen Eskapade bei einer anderen Hippie Truppe und deren Leader, einer unausstehliche Mischung aus Mike Krüger und Christian Anders, entscheidet sich Mac zum Beziehungsende, während die nun mittellose Gypsie langsam die explosive Sprengkraft ihrer Schmuckdose als sozialen und finanziellen Tür Öffner zu entdecken beginnt, der ihr nicht nur einen Sportwagen, sondern auch eine Beziehung zu einer lesbischen Geschäftsfrau einbringt. Am Ende kommt aber doch die Kehrtwende zurück zu alten Hippieidealen, nur dass die Besinnung gefesselt auf dem Altar einer Satanssekte endet. Nun, einige brauchen halt mehr als nur einen Schlag auf den Hinterkopf, um zu begreifen...
"Mir reicht's, ich verbrenne meine Pink Floyd-Alben!0" war mein Fazit nach Erstsichtung des Filmes. Auch ergriff das Verlangen nach einen Haarschnitt und einer Bundeswehrkarriere. Nachdem zuvor Russ Meyers "Im Garten der Lust" mir die Bestätigung lieferte, dass das Spießertum eine tödliche Sackgasse ist nahm mir "Wilder Honig" die Illusion von einer alternativen Lebensweise. Die Warnung des Filmes ist eine eindringliche: wilder Hippiesex mag zunächst eine gute Alternative, zu ländlicher Langeweile und väterlichen Slutshaming zu sein, aber der eigene Terroroatriarch meint es mit einen letzten Endes besser als die sog. freie Welt da draußen.
Dort lauern menschgewordene Raubtiere im Patchoulinebel arglosen Landpomeranzen auf und intoxikieren sie mit LSD, damit auf der anschließenden Orgie ein paar Schenkel mehr begierigen Haschbrüdern und - Schwestern offen steht und gelangweilte Schickimicki-Oberschichtlesben warten mit ihren Rotlicht-Masseusen und dem Handtaschenherkules im Gepäck auf fleißige Mitstreiterinnen für Dildosex in Übergrößendimensionen. Und wer wider besseren Wissens noch tiefer in diesen glitschigen Acid-Abgrund der Lust eintaucht, der findet zwischen ficken den Hippies, übergewichtigen Fetischisten, die Sprühsahne von den Körpern afroamerikanischer Liebesdienerinnen schlecken und Nazis, die beim heiteren Pettingsempfang durch ein lesbisches Paar lieber "Mein Kampf" lesen als Hände und Blicke schweifen zu lassen, sein mit Sicherheit schmerzhaftes Ende als feuchtes Lustschaschlik auf einem todbringenden Riesendildo.
Technisch ist das alles sehr nüchtern festgehalten, es sei denn, es geht ans Eingemachte, dann dürfen gerne mal psychedelische Tuchkulissen, Überblenden und Weichzeichner ihres Amtes walten oder es regnen in Zeitlupe Geldscheine als Drogen - und Erleuchtungsersatz vor die Linse. Gypsies mal munteres, mal desillusioniertes Zwischengelaber verleiht den Geschehnissen den Charakter eines Tatsachenberichtes und lässt hier und da die Gedankenwelt der Nachwuchshippietrulla poetisch aufblitzen. Der künstlerische Gehalt ihrer Ergüsse geht dabei selten über "Rosen sind rot, Veilchen sind blau..." hinaus und zeigen, wie naiv und weit weg von der eigentlich sehr gebildeten und spirituellen Bewegung sie eigentlich noch ist. Aber was soll man auch machen, wenn der motorisierte Life Coach sich nach der ersten Film hälfte wieder gen Highway verpieselt und einen in der Obhut offenkundig Schwachsinniger zurück lässt? So oder so ist der Titel Programm, denn so süß unsere Protagonistin ist, so zäh kriecht ihr Weg hier voran: "Wilder Honig" in jeder Hinsicht also.
Ja, das liest sich doch sehr vernichtend, aber wer mehrere meiner Texte gelesen hat kennt meine Vorliebe für eigentümliche Filme und der Film hier, an dem einer der Zelluloidkriminellen beteiligt war, der auch Nazischergin "Ilsa" auf die Filmwelt los ließ, ist sehr eigentümlich in seiner Schizophrenie Aussage. Oder ist dies gar nicht schizophren, sondern eine gerade zu buddhistische Mahnung, im Leben den Mittelweg zu gehen? Wahrscheinlich würde dies auch das Mittelmaß der Produktion erklären. Aber dennoch ist dieser Film eine genüssliche kleine Gemeinheit wider der Gegenkultur und ihrer Jugendlichen mit ihrer verdammten Rockmusik. Denk nicht drüber nach, sondern schalt einfach innerlich ab und dir, lieber Zuschauer, kann auch nichts schlimmeres passieren als unserer lieben Gypsie.