Nach dem Flop von „Revolution“ nahm Al Pacino eine vierjährige Auszeit vom Kino, ehe er sich mit „Sea of Love“ kommerziell erfolgreich zurückmeldete.
Im Mittelpunkt des Films steht der Cop Frank Keller (Al Pacino), der ausgefuchst ist, was man schon daran sieht, dass er gesuchte Verbrecher (einer davon gespielt von Samuel L. Jackson) durch eine Einladung zu einem nichtexistenten Treffen mit den Yankees ködert, jedoch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat: Einen verspätet auftauchenden kleinen Fisch, der seinen Sohn dabei hat, lässt er laufen. Weniger gut bekommen ist Keller allerdings seine Scheidung, zumal die Ex jetzt mit seinem Kollegen Gruber (Richard Jenkins) zusammen ist, was Keller nicht ruhen lassen kann: Andauernd muss den Gruber darauf ansprechen oder ihm querkommen, vor allem unter Alkoholeinfluss.
Kellers neuester Fall ist ein Mord, bei dem das Opfer nackt auf dem Bett liegt, erschossen, während eine Schallplatte den Song „Sea of Love“ in Dauerschleife spielt und Lippenstift an Zigarettenstummeln auf eine weibliche Besucherin hinweist. Sherman (John Goodman), Cop in einem anderen Revier, hat einen quasi identischen Fall, worauf die Cops sich zusammentun und herausfinden, dass beide Opfer über Kontaktanzeigen nach weiblicher Bekanntschaft gesucht hatten. Für den Zuschauer ist die sexuelle Komponente dieser Morde bereits klar, wird einem der erste Mord schließlich gezeigt, natürlich ohne den Täter oder die Täterin zu enthüllen.
Als ein drittes Opfer tot aufgefunden wird, stimmt der Polizeichef der Taktik von Keller und Sherman zu: Die beiden inserieren eine Anzeige in einem Single-Magazin, nehmen bei Dates mit Interessentinnen deren Fingerabdrücke und versuchen damit den Damenbesuch der Opfer zu ermitteln. Dabei interessiert sich Frank bald für die Verdächtige Helen Cruger (Ellen Barkin)…
Ein früher Vertreter der Hollywood-Erotikthriller der späten 1980er und frühen 1990er, der allerdings im Gegensatz zu „Basic Instinct“, dem Aushängeschild dieses Trends, regelrecht brav bleibt. Ein paar zurückgenommene Bettszenen, die sexualisierten Morde, das war schon damals kaum skandalös und dürfte für den richtigen Hauch an Verruchtheit gesorgt haben, damit die Zuschauerschaft ansatzweise neugierig wurde. So hundertprozentig prickelnd kommt die Liebschaft zwischen Cop und Hauptverdächtiger allerdings nicht daher, zumal Becker immer wieder zu den verschiedenen Subplots und Nebenschauplätzen schwenkt, sodass sich die noirige Komponente um den besessenen Cop und die (eventuelle) Femme Fatale kaum entfalten kann.
Den Hauptdarstellern ist dabei kaum ein Vorwurf zu machen, gerade Al Pacino hält seine Temperament ausnahmsweise mal im Zaum und spielt den Cop überzeugend unterkühlt, sodass dessen gelegentliche Ausraster ihre Wirkung zeigen. Ellen Barkin schlägt sich solide als alleinerziehende Mutter, Schuhverkäuferin und Mordverdächtige, kommt aber selten so richtig zum Zuge. Nebendarsteller wie Richard Jenkins und Michael Rooker kommen in kleinen Rollen nur teilweise zur Geltung, während immerhin John Goodman als gut gelaunter Lebemann-Cop so richtig punkten kann.
Es ist das Zusammenspiel von Keller und Sherman gehört zu den Highlights von „Sea of Love“: Der gewohnte Trash-Talk unter Cops wird hier pointiert dargeboten, mit reichlich lockeren Sprüchen und dreckigen Witzen, gerade wenn Sherman seinen Kollegen ob des Anbandelns mit der Verdächtigen auf die Schippe nimmt: „Shall we dust your dick for prints?“ Es sind Szenen wie diese, die verschiedene Standardsituationen des Copthrillers etwas aufpäppeln, doch gleichzeitig riskiert Becker, dass Pacino und Goodman den Film in diesen Momenten an sich reißen und damit durchbrennen.
Das ist dann auch ein Problem des Mainplots um die Mördersuche, die im Mittelteil fast einzuschlafen droht – wie die Deleted Scenes auf der DVD zeigen wurde sogar die Auflösung eines Handlungsstrangs zu einem Tatverdächtigen entfernt. Dafür werden in unregelmäßigen Abständen Verdachtsmomente bezüglich Helen herbeigeführt und dann wieder zerschlagen, zumal diese gelegentlich etwas abstrus konstruiert wirken, etwa wenn Frank in Helens Plattensammlung „Sea of Love“ findet, einen Song, der anscheinend so bekannt ist, dass seine Kollegen ihn direkt mitsingen können, wenn er ihn erwähnt, doch Frank kriegt fast einen Herzkasper deswegen. Im Finale gibt es dann eine etwas an den Haaren herbeigezogene Auflösung, die immerhin in einem kleinen, aber effektiven, recht hohem Showdown endet.
So versteht sich „Sea of Love“ dann doch in erster Linie als Portrait eines Cops auf dem absteigenden Ast, doch ist da nie abgründig wie sich der Drehbuchautor das einmal gedacht haben mag: Franks Neigung zum Alkohol erscheint nie so wirklich schlimm, trotz einiger peinlicher Momente, der Femme Fatale ist er nie so ganz verfallen, auch wenn er die Verdachtsmomente immer wieder verwirft, und im Kollegenkreis ist Frank auch beliebt. Nur bei Gruber nicht, was aber weniger an diesem, sondern an den erwähnten Anfeindungen Franks liegt.
Insofern mag es für den ursprünglichen Regisseur Gregory Hoblit nicht so tragisch sein, dass er hier durch Harold Becker ersetzt wurde und sein Kinodebüt erst sieben Jahre später mit „Zwielicht“ gab, denn der konnte mehr Eindruck schinden. „Sea of Love“ dagegen ist ein gut gespielter Mix aus Drama und Copkrimi, der von Pacino, Goodman und Barkin lebt, doch nie so richtig durchstartet, nie mehr als braves Spannungskino der gehobenen Mitteklasse bleibt.