Review

Als sich der Regisseur von Gun Affinity an die Dreharbeiten machte, war er sich sicherlich mehrerer Tatsachen bewusst:
- Dass sein Film weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen würde und keine Weltkarriere lanciert.
- Dass nicht nur deswegen auch das vorhandene Budget stark begrenzt ist und man mit dem Wenigen auskommen muss, dass einem zur Verfügung gestellt wird.
- Dass dazu auch das Skript gehört und dies eher nach dem Motto „wenigstens so zu tun als ob“ funktioniert, aber dennoch „nur gewollt statt gekonnt“ zu sein.
Diese niedrigen Erwartungshaltungen hat der aufgeweckte Zuschauer ebenso; die Hoffnung auf etwas wirklich Gutes ist bei einem no – name – Titel ohne jeglichen Ruf und einer ziemlich bescheidenen Besetzung schon im speziellen Falle nicht gegeben. Kommt dazu noch die allgemeine Betrachtung der gegenwärtigen Lage für B – und C – Actioner, so weiss man ohne vorheriges Sichten schon ungefähr, man man geliefert bekommt und wovon man ausgehen kann.

So rosig sind die Zeiten für kostengünstig produzierte Reisser nämlich schon seit gut einem Jahrzehnt nicht. Das Stammpublikum hat sich aufgelöst und ist zu anderen Genres gewechselt, die ehemaligen Regisseure wie Wong Jan Yeung, Andrew Kam, Johnny Wang Lung – wei, Phillip Ko, Godfrey Ho und Chris Lee sind entweder aus dem Filmgeschäft raus oder noch tiefer abgesackt und für die Stars vor allem im Girls with Guns Bereich gilt exakt dasselbe. Die Finanzierungsmöglichkeiten selber sind deswegen rapide gesunken; während man 1988 – 1993 auch mit wenig Geld auskommen musste, so war es doch zumindest für die Action selber da. Oder man hatte die Gabe besessen, aus Wenig viel Herauszuholen und es reichlich explosiv aussehen zu lassen.
Heute ist der HK Dollar versiegt und das Talent gleich mit; also bekommt man statt Schussgefechte und Handkantenwechsel nur das Gerede darüber vorgesetzt. Mehr ist einfach nicht drin.

Diesen eingeschränkten Rahmen und das daraus hergeleitete Problem hat dann schon allein das Skript. Es wäre ja gerne ein Film über die Affinität zu Schusswaffen, aber es kann sich selber nicht erlauben, dieser besonderen Liebe zu frönen. Es kann nur davon schwärmen; ebenso wie es davon träumt, mal ein guter Film zu werden, wenn er gross und stark ist. Bis dahin kommt es aber nicht, da die Lebensphase nur 87min anhält und sich in dem Zeitraum wenig Positives und schon gar keine Anzeichen für etwas wirklich Gescheites ergibt.
Der Ausgangspunkt mag vielleicht in der Geschichte vorhanden sein, aber die feststehende Restriktion von Anlage, Handwerkliche Begabung und Produktionsvolumen verhindert automatisch Besseres.
Dabei dreht sich der Plot nicht allzu schlecht um einer Dreiergespann und bringt dieses sowohl in einem kleineren Umkreis als auch einer grösseren Rotation in Umlauf. Im Zentrum steht die Polizistin Tian Lei [ Loletta Lee ], die Ärger mit ihrem Halbbruder Xiao Fei [ Sam Lee ] hat. Dieser ist das schwarze Schaf der Familie; kriegt sein Leben nicht richtig auf die Reihe und hat auch gar nicht wirklich das Bedürfnis dazu. Stattdessen vertreibt er sich den Tag, schwänzt hier und da mal aus Vergnügungssucht den Job und gerät dazu noch auf die schiefe Bahn.
Xiao arbeitet nämlich eigentlich als Automechaniker, ist aber ein Fachmann im Ummodellieren von Waffen. Die Neigung zu Pistole und Gewehr bestimmt sein Leben; er beschäftigt sich zu jedem Zeitpunkt mit der Materie und steckt dort seine ganze Energie hinein. Das kann er und das will er; nur leider ist das Umbauen und Führen und Handeln damit verboten.
Was ihn aber wenig kümmert; nur seine Schwester muss es von Berufswegen tun.

Dann kommt noch Captain Li hinzu, der ebenfalls einen Eid geschworen hat, Verbrecher dingfest zu machen und den Bürger zu dienen und zu schützen. Li und Tian werden erst auf einen mysteriösen Waffenhändler angesetzt, der seine Tarnung wechselt wie andere ihre Kleidung und zudem noch seinen modus operandi sehr flexibel hält. Ausserdem werden bei einem fingierten Unfall eines Armeetransporters drei MP5A5 gestohlen; eine hocheffektive, neueinführte Superwaffe.
Li und Tian schlussfolgern irgendwann [ ! ], dass beide Zusammenhänge vielleicht etwas miteinander zu tun haben könnten; ausserdem ist Li nach einem Attentat auf seine Frau spitz auf einen Sündenbock und nimmt Tians Bruder ins Visier.

Klingt soweit ganz angenehm. Reisst keine Bäume aus und pflanzt an der Stelle nicht die Kreativitätsblume schlechthin an, aber kann sich durchaus pitchen lassen und ist zumindest in der Situation, etwas leisten zu können. Optionen dafür sind reichlich offen; man könnte einen Thriller anpeilen, einen Krimi, eben auch einen Actionfilm. Oder halt auch ein Drama; „affinity“ auch primär als Wort für Verwandtschaft ins Spiel bringen und den Konflikt zwischen den ungleichen Geschwistern und ihrer alleinstehenden Mutter anschärfen.
Rein materiell gesehen hatte Law Chi Leungs Double Tap [ 2000 ] keine bessere Schusssposition. Und Filmemachen [ to shot a movie; einen Hit = Treffer abliefern ] hat ja nicht nur etymologisch viel mit Schiessen zu tun, sondern auch von der Perfektion her.
Während des Drehens / Abdrückens hat sich der Regisseur / Schütze auf dreierlei Sachen zu konzentrieren:
ZIELEN, ABZUG BETÄTIGEN und STABILES HALTEN DER WAFFE.
Dabei hat Double Tap seine Möglichkeiten wahrgenommen und punktgenau verwandelt; hierbei geht das Meiste meilenweit daneben und hört sich schon bei der Zündung eher nach einem Rohrkrepierer an.

Eine etwaige Anspitzung der Charaktere erfolgt nur dem Namen nach; die Figuren interessieren einen trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer Probleme so gut wie nicht. Man bekommt zwar die Themen vorgelegt, aber selbst diese nur als Register; dazwischen wird nichts ausgesagt, was Hand und Fuss besitzt oder auf irgendeine Weise mehr Neugier erweckt. Wenigstens bekommt die Regie aufgezeigt, dass Xiao Fei ein Faible für Waffen hat; man setzt ihn aber auch genug Komponenten aus, die damit zu tun haben. So liest er Journale darüber, spielt fleissig Egoshooter, besucht im Internet die entsprechenden Seiten, in Realität die Schießstände und bastelt auch nächtelang daran herum. Den Grund dafür hält man allerdings ebenso im Verborgenen wie die Gedanken. Eine Diskussion oder Analyse über Psychologie des Waffengebrauchs grundsätzlich - im Zusammenhang mit Aggression und Gewalt, als Machtmittel über Personen, Leben und Tod und als Ausdruck von Gefühlen gesondert - wird so automatisch klein und lebensunfähig gehalten. Man spürt nicht einmal die Leidenschaft, die dahinter steckt. Es entwickelt sich keine Faszination, sondern kühles Gehabe. Es ist eher ein Steckenpferd als ein Hobby; das Interesse ist zwar vorhanden, aber wirkt bei weitem nicht so fiebrig, dass man die Liebhaberei spürt.

Dasselbe gilt für die Schwerpunkte „Geschwister wie Katz und Hund“ und dem Rachefeldzug des Polizisten. Bei dem Ersteren bekommt man die entsprechenden Szenen Hier und Heute vorgesetzt, bei dem Zweiten wirft man eine Rückblende ein; beide Wahrnehmungen bleiben ebenfalls eher lau und vermögen die Anspannung kaum zu steigern. Der Puls rast weder bei der Polizeiarbeit noch der Subebene der schon im Inneren konkurrierenden Parteien; besonders die Ermittlungen verzögern mehr als das sie antreiben und sind mit ein Grund für die letztliche Belanglosigkeit.
So langweilt man mit ständigen Besprechungen und irritiert mit einer gar seltsamen mathematischen Herangehensweise an den Raubüberfall:
„There were 973 persons passed by the scene. 63 persons picked the vehicles‘s weapons...There were 13 firearms in the vehicle. 7 person picked back 8 rifle und returned 6.
And it can say 3 rifle were not returned.
From 973 persons excluding innocent one remaining 40 persons. We are investigating.“


Wer jetzt noch durchsieht – die Untertitel sind komplett so gehalten und augenfällig von einem Unkundigen der Englischen Sprache diktiert -, der bekommt wenig Tempo, sterile Umsetzung und oberflächliches und zudem schwerstverständliches Gerede geboten.
Action fehlt zudem fast vollständig; am Anfang bricht eine Razzia mal im willkommenen Dauerfeuer aus, hält sich aber auch nur für 2sec aufrecht. Später folgen noch zwei arg kurze Verfolgungen per pedes sowie eine angedeudete Kneipenschlägerei; die meisten Waffen sind also nur in den Katalogen abgebildet. Der Sparzwang greift um sich.
Die darstellerischen Leistungen gehen für das bescheidene Budget womöglich sogar soweit in Ordnung, aber selbst dieser Rückstoss ist nicht effektiv genug. Die beiden Lees waren noch nie die grössten Schauspieler und werden auch nicht jünger oder mit der Zeit besser.
Der dritte Mann im Kreis wirkt zumindest präsent genug, um trotz des Allerweltsgesichtes und der komplett unbekannten Filmographie – man weiss als Zuschauer ja nicht einmal den Namen dahinter – seine Rolle massgeblich genug zu gestalten und fällt sogar mehr positiv als störrend auf.
Als Cameo wird von den umtriebigen Helena Law Lan und Elvis Tsui ergänzt; da fehlt nur noch Simon Loui, um die Heilige Dreifaltigkeit des Grauens perfekt zu machen.

Also wird auch hier nicht die heimliche Hoffnung erfüllt, doch mal etwas Aufschwung im komatösen Genre zu erleben. Filmisches Grosskaliber hat ja niemand erwartet, aber wenigstens Ansätze einer gelungenen Unterhaltung. Da selbst dies nicht richtig stattfindet, bleibt einem nur ein trauriges „One have birth old sick and die.“

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