Eigentlich war es reiner Zufall, dass ich "En garde" überhaupt gesehen habe.
"Das kleine Fernsehspiel", eine deutsch-kurdische Regisseurin und eine
Geschichte zweier Heimmädchen.
Das liess mich Langweiliges vermuten. Politisch überkorrektes Sozialkitschkino mit selbstverliebten Nachwuchsdarstellerinnen im bedeutungsschwangeren Versuch multikultureller "Heile-Welt"-Fiktion, oder ? Für mich war die Lage klar, ein Griff zur Fernbedienung und abschalten. Aber
halt !! Die Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky hat was !
Und der Film auch !!
Also doch nochmal hingesetzt, und zu meinem Erstaunen fesselt schon der
Anfang mit einem dunklen, den Film stimmungsmässig fixierenden Prolog. Von einer Tötung ist die Rede, und das Publikum ist nun angefixt, die Vorgeschichte zu erfahren. Nicht gerade neu diese Taktik, aber erfolgreich.
Obwohl der Film abgeschmackte Klischees mehrfach nur um Haaresbreite umgeht, überstrahlt die dichte Atmosphäre jeden aufkommenden Zweifel bezüglich der Geschichte.
Überhaupt wirkt der Film am stärksten als Metapher. Die Mädchen kämpfen/fechten um ihre Selbsterkennung und ihr selbstbestimmtes
Leben. Der Film ist generell sehr vielschichtig, es würde den Rahmen sprengen, alle Aspekte zu beleuchten. Immer wenn die Protagonisten in Bewegung sind, scheint der Film sich auf einer Nebenstrecke
des "Lost Highway" zu befinden.
Die Regisseurin Ayse Polat scheint eine glühende Verehrerin von David Lynch
zu sein. Überdeutlich zitiert sie Lynchismen, wenn die Protagonistin Alice sich
die falschen Fingernägel herunterbricht oder mit einem Geweih umhertapst. Da meint man schon den "Twin Peaks"-Titelsong "Falling" im Hintergrund zu hören.
Eigentlich fast schon ärgerlich, denn Ayse Polat hätte es überhaupt nicht nötig
gehabt in fremden Revieren zu wildern.
"En garde" entwickelt seine ganz eigene magische Sogkraft trotz Schwächen.
Dieser magische und oft nicht rational erklärbare Sog, ist es der für mich Filme so faszinierend macht. Einen Film drehen ist doch nur Handwerk. Eine magischen Moment auf Film zu bannen, das ist echte Kunst.
Irvin Kershner ("Das Imperium schlägt zurück") hat mal gesagt:
"Regie hat nichts mit dem Erzählen von Geschichten zu tun, Regie hat mit Rythmus´und Atmosphäre zu tun."
Wie recht er hat ...
Der absolute Knaller an "En garde" ist aber Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky. Eine echt Hübsche, ganz auf ungepflegt gestylt. Auch das hätte schief gehen können. Ich mache es kurz. Das was Maria Kwiatkowsky hier an Darstellung abliefert, ist für mich persönlich das - mit Abstand - Beste, was ich jemals auf Film oder Bühne gesehen habe.
Sie spielt ihre schwierige Rolle mit einer intuitiven Sicherheit und Glaubwürdigkeit, dass es mir jetzt noch einen Schauer über den Rücken jagt.
Selbst die skurrilsten Momente wirken bei ihr geradezu dokumentarisch und real. Ein vermutlich einmaliges Talent, gerade nochmal in ("Liebe Amelie") bestätigt. Gegen sie wirken etablierte TV-Darsteller wie armselige Poser.
Für den Mainstream viel zu gut !
Fazit: "En garde" geht verflucht tief unter die Haut.
Die Hauptdarstellerin sogar noch mehr.
PS.
Ayse Polat hat das Potenzial, das Niveau der grossen Meister zu erreichen.
Aber es fehlt eine Zutat. Vielleicht ruft der "Mystery Man" mal bei Ayse Polat an und sagt ihr, sie soll mit mir Kontakt aufnehmen ... :o)