Kinder, macht mal bitte Pause – dieser Pixar ist für uns Erwachsene!
So langsam wird es ja zur Gewohnheit: wenn Pixar liefert, dann gibt es Qualität.
Um so überraschender und erfreulicher, daß die Macher sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen, sondern nach dem Mega-Nemo-Run mal was Neues probieren. Der Zepter wurde Brad Bird überreicht, der nicht nur maßgeblich an den „Simpsons“ mitgearbeitet hat, sondern wohl auch den besten US-Animationsfilm der letzten zehn Jahre gedreht hat („Der Gigant aus dem All“), welcher aber an der Kasse leider kläglich unterging.
Vieles aus diesem Film in stilistischer Hinsicht hat sich in „The Incredibles“ hinübergerettet, der Look der 50er Jahre, die Bezüge zu Aufbau und Zusammenhalt samt gesellschaftlicher Einordnung der Familie als höchstes Gut.
Ansonsten aber ist Birds Film eine wundervolle Parodie auf das Genre der Superhelden, gebaut auf einem Story-Vehikel, daß den perfekten James-Bond-Film ausmachen würde, komplett mit Auftraggeber, Waffenmeister (gut, Ausstatterin), geheimer Basis auf versteckten Inseln, weltweiter Bedrohung, wahnsinnigem Superschurken usw.
Was bisweilen bemängelt wird, ist, daß der Film zu lange vor sich hinplätschert und nicht genug Humor transportiert. Sicher, es gibt hier kein emotionales Zentrum wie in „Findet Nemo“ (Marlin), keinen Kinder-McGuffin (Nemo), keinen Witz-Sidekick (Dory). Stattdessen vertraut Pixar auf eine gut und schlüssig erzählte Geschichte, die Kombination aus Weltrettung und Familienzusammenführung. Der Humor generiert sich dabei aus den Figuren und Situationen an sich, parodiert bisweilen ironisch das Genre („Keine Capes!“) und verzichtet dennoch nicht auf ein rudimentär vorgeführtes Wertesystem, in dem sich die Kinder bewähren können, Selbstbewußtsein finden, die Ehe gerettet wird und Zusammenarbeit die besten Ergebnisse bringt.
Das ist allerdings weniger etwas für kleine Kinder, vielmehr spielt Bird mit Nostaligie und eigenen Vorlieben und wendet sich (ohne jede Anbiederung) vielmehr an größere Kinder bis zu den Erwachsenen, die die dargestellten Charaktere mit ihren Fehlern eh besser nachvollziehen können als die kleineren Besucher, die auf der Suche nach visuell simplen und emotional stimmigen Gesamtbildern sind.
Für den interessierten Zuschauer öffnet Bird ein Schatzkästchen an Figurenzeichnung und In-Jokes, stets das Genre unterlaufend oder überspitzend. Die berauschende visuelle Optik (die nicht selten an die Kurzfilme der 40er und 50er erinnert) unterstützt den Rausch noch, verzichtet aber komplett auf die genretypische Niedlichkeit, um Familienkompatibilität vorzutäuschen.
Daß man Ähnliches allein in den Schlußkämpfen dennoch geliefert bekommt, fällt da kaum auf, weil es raffiniert und actionreich verpackt wurde.
Nur gegen Ende bricht der Film etwas weg, wenn der amoklaufende Riesenroboter in der Großstadt Furchtbares anrichtet und die Familie einschreiten muß, um Godzilla-Schäden zu verhindern. Hier erschlägt der Actionanteil dann doch die sonst eher feine Federführung des Storyverlaufs und mindert den transportierten Spaß. Daß ist einflußreicher als die vorherigen, überraschend grimmigen Szenen, in der die Teenagertochter nicht rechtzeitig unter Druck ein Kraftfeld erstellen kann, um ein Flugzeug zu schützen; in der Mr.Incredible über den scheinbaren Verlust seiner Familie weint oder man in einer Höhle eines Skeletts angesichtig wird und es klar ist, daß der Gegner „Syndrome“ diverse Superhelden vor Mr.Incredible tatsächlich umgebracht hat.
Das heißt: die Geschichte von „The Incredibles“ ist wirklich eine erwachsene und ebenso wie die Laufzeit (110 Minuten) auf ein reifes und intelligentes Publikum zielend. Der Erfolg war längst nicht so hoch wie bei „Findet Nemo“, aber man hat ja an Disney gesehen, wie schnell man ein erfolgreiches Rezept binnen fünf, sechs Jahren zu Tode reiten kann.
Für mich ist „Die Unglaublichen“ ein intelligentes und witziges Kunstwerk, das den Zuschauer komplett vergessen läßt, daß es sich um einen animierten Film handelt. Und das ist die größte Kunst, von so einem Film gefesselt zu sein. (8,5/10)