„Ein Kind der Vergeltung.“
„Lady Snowblood“ von Regisseur Toshiya Fujita ist ein japanisches Samurai-Rache-Drama aus dem Jahre 1973, basierend auf dem Manga des japanischen Autoren Kazuo Koike und des Zeichners Kazuo Kamimura aus den Jahren 1972 und 1973. Der Film diente US-Filmemacher Quentin Tarantino als Inspiration zu „Kill Bill“.
Die junge Frau Saro musste mit ansehen, wie ihr Ehemann, ein Lehrer, bezichtigt wurde, ein Abgesandter der japanischen Regierung zu sein und ebenso wie kaltblütig wie brutal umgebracht wurde. Daraufhin musste sie eine dreitägige Tortur aus Folter und Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Aus Rache tötete sie einen ihrer Peiniger, woraufhin sie verurteilt und ins Gefängnis gesteckt wurde. Dort wird sie schwanger und bringt ihre Tochter Yuki Kashime (Meiko Kaji) zur Welt, die ihr Leben einzig der Vergeltung für ihre tote Familie widmen soll. Saro stirbt unmittelbar nach der Geburt, doch Yuki wird von einem Priester zu einer perfekten Schwertkämpferin ausgebildet. Eines Tages ist Yuki bereit und auf der Suche nach den drei verbliebenen Mördern…
Vor dem realen historischen Hintergrund der Meiji-Zeit des 19. Jahrhunderts, in der sich Japan westlichen Staaten und Mächten öffnete, Neuerungen wie die Wehrpflicht einführte und dadurch auch Schusswaffen Einzug ins Land hielten, während japanische Traditionen an Bedeutung verloren, wird eine Geschichte angesiedelt, die in Verkörperung Yukis einen emanzipatorischen, kämpferischen, starken Charakter im Samurai-Film etabliert, wie er seinerzeit ein Novum gewesen sein dürfte. Schauspielerin Meiko Kaji spielte vorher bereits die Hauptrolle in der Gefängnisfilmreihe „Sasori“ und verdingte sich außerdem als Sängerin; so sang sie das Titellied selbst ein. Fujita unterteilt seinen Film in vier Kapitel und arbeitet viel mit stark symbolischer Farbgebung. Yuki ist blass geschminkt, trägt weiße Kleidung, bei ihrer Geburt fallen Schneeflocken vom Himmel. Weiß steht in Japan für den Tod. Trotz der stringenten Kapitelunterteilung ist die Erzählweise verschachtelt, spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen. Damit arbeitet Fujita nicht zuletzt sicherlich auch, um die Spannung der prinzipiell recht geradlinigen Geschichte dauerhaft aufrecht zu erhalten. Nach und nach erfährt der Zuschauer die Hintergründe von Yukis Geburt und dem Schicksal ihrer Mutter sowie deren Ehemann. Die Konzentration, die der Zuschauer aufbringen muss, um den Überblick über die unterschiedlichen Zeiträume zu behalten, wird mit einem Mehr an Information und Verständnis belohnt. Kommentiert wird das Geschehen von einem Sprecher aus dem Off, der sich später als der Autor Ryuurei Ashio (Toshio Kurosawa) herausstellt, welcher von Yuki und ihrer Biographie fasziniert ist und sie persönlich kennenlernt.
Die Kommentare, die Symbolhaftigkeit vieler Szenen und die Titelgebung der Kapitel versehen den nicht sonderlich lebensbejahenden Film mit einer Menge Pathos. Die künstlerischen Bilder finden ihre Entladung in überaus expliziten, derben Splatterszenen, die bereits zu einem frühen Zeitpunkt Verwendung finden, jedoch unheimlich unrealistisch ausfallen. Da spritzt das hellrote Blut in Fontänen, als bestünde der menschliche Körper aus unter unglaublichem Druck stehenden Schläuchen – oder als hätte man die Sepzialeffekttechnik nicht richtig unter Kontrolle. Der ansonsten in so bedächtigem und ehrfurchtsvollem Schneckentempo erzählte Film bekommt in diesen Szenen den Charakter kruder Exploitation und verliert jegliche Schöngeistigkeit. All dies sind jedoch lediglich Stationen zu einer nach ca. 75 Minuten einsetzenden überraschenden Wendung und zu einem krassen Showdown während eines modernistischen, westlichen Maskenballs, der perfekte Kulisse für den Kulturschock-Subtext des Films ist. Tradition trifft auf Moderne, Yuki auf Europäer, ein unnachgiebig und aufopferungsvoll verfolgtes Ziel auf Dekadenz und Beliebigkeit – und das Samuraischwert auf Schusswaffen. Während des Finales wird erneut mit starker Symbolträchtigkeit gearbeitet, bis die tragische Geschichte eines Lebens der Selbstaufgabe ihr Ende findet.
In Zusammenhang mit seiner visuellen Pracht und seiner schönen Musik sowie den sich ins Konzept einordnenden Schauspielern, von denen sich insbesondere Kaji als unscheinbarer, beinahe zerbrechlich wirkender, dafür umso konsequenterer Racheengel durch ihr Spiel unterdrückter Emotion einhergehend mit dennoch stets spürbarer Traurigkeit hervortut, ist „Lady Snowblood“ ein ästhetisch hochinteressantes Werk, das dem Publikum sogar einen Einblick in die japanische Geschichte gewährt. Es offenbart aber auch Schwächen, wenn es droht, im eigenen bedeutungsschwangeren Pathos zu ersticken und lässt viele Tötungsszenen, die Höhepunkt eines jeden Filmabschnitts sind, durch den übertriebenen Einsatz exploitativer Spezialeffekte unfreiwillig komisch wirken, beraubt sie dadurch ihrer Kraft (zumindest aus meinem westlich geprägten Empfinden für Theatralik und Übertreibung heraus, in der ostasiatischen Kultur mögen diese Szenen anders rezipiert worden sein). Meinen Hut aber ziehe ich vor davor, dass man der Versuchung widerstand, den emanzipatorischen Aspekt des Films durch selbstzweckhafte Nacktszenen o.ä. ad absurdum zu führen.