Das kleine Mädchen im roten Kleid schreitet zielstrebig über den grünen Rasen Richtung Wohnhaus, nähert sich der offenen Eingangstür, bleibt stehen, streckt erwartungsvoll beide Hände vor und ruft "Mami". Die überglückliche, erleichterte Mutter stürmt auf ihre vermißt geglaubte Tochter zu und nimmt sie fest in die Arme. Das Kind erwidert die Umarmung. Rauch steigt auf, das Fleisch verfärbt sich dunkel, ein langer, markerschütternder Schrei hallt durch den Vorgarten... kurz darauf läßt das diabolisch grinsende Kind den verkohlten Leichnam achtlos zu Boden fallen.
Diese grausige Szene (*) aus Max Kalmanowiczs The Children ist nur eine von vielen, in denen harmlos scheinende Kinder ihren Eltern, Freunden und Bekannten Tod und Verderben bringen. Die bloße Berührung ist schmerzhaft und lebensbedrohend, eine herzliche Umarmung gar tödlich. Was ist geschehen? Es waren die Menschen selbst, die das Unheil über sich gebracht haben, mit ihrer leichtsinnigen "Es wird schon nichts passieren"-Mentalität. Doch es ist etwas passiert, und die radioaktive Giftwolke, durch die ein spärlich besetzter Schulbus mit fröhlich singenden Kindern fährt, verändert die Insassen auf drastische Weise. Äußerlich ist, mit Ausnahme der schwarzen Fingernägel, kein Unterschied feststellbar. Die friedliche Fassade ist jedoch tückisch, denn die Veränderung ist tiefgreifender Natur. Aus den lieben, unschuldigen Kindern wurden gefühllose, blutleere Zombies, die nur von einem unerklärlichen Trieb gesteuert werden: geliebte Menschen zu umarmen. Die Kleinen scheinen unzerstörbar, selbst Kugeln können ihnen nichts anhaben. Man muß ihnen das nehmen, womit sie töten, um sie von ihrem unseligen Dasein zu erlösen: ihre Hände.
The Children, obwohl im Prinzip ein Zombiefilm, hat mehr mit Hitchcock gemein als mit Romero. Der atomare Nebel ist der MacGuffin, das auslösende Moment, welches die Geschichte in Gang bringt. Das daraus resultierende Geschehen wird von Kalmanowicz und den Drehbuchautoren Carlton J. Albright und Edward Terry als lose Abfolge von Sequenzen präsentiert, die mit einem erstaunlichen Gespür für Suspense umgesetzt wurden. Vor allem die zahlreichen Nachtszenen haben eine alptraumhafte Qualität, und es ist beeindruckend, wie geschickt man die mörderischen Wesen nicht ins rechte Licht sondern ins unheimliche Halbdunkel gerückt hat. Die nette Kleinstadt-Idylle, in der man sich zu Beginn noch wähnt, wird rasch auf den Kopf gestellt, nicht nur durch die einbrechende Katastrophe. Die Bewohner sind überwiegend recht unsympathisch gezeichnet, man schnauzt einander an und behandelt sein Gegenüber oft so unfreundlich wie abfällig. Bald machen sich Mißtrauen, Angst, Unverständnis und Wut breit, kommt der Feind, den es zu bekämpfen gilt, doch von innen, aus den eigenen Reihen. Und er kommt in Gestalt von etwas Unschuldigem, Altbekannten, Liebenswerten.
Im Mittelpunkt des Filmes stehen mit John Freemont (Martin Shakar) und seiner hochschwangeren Frau Cathy (Gale Garnett, die zur Beruhigung auch schon mal eine Zigarette pafft; 1980 sah man das halt noch nicht so eng!) zwei unmittelbar Betroffene, wobei sie von Sheriff Billy Hart (Gil Rogers), der das gräßliche Szenario als einer der ersten durchschaut, Verstärkung erhalten. The Children nimmt sich durchwegs sehr ernst - nur selten blitzt ein klein wenig Humor auf - und trotz des einen oder anderen hanebüchenen Elements und so einigen schauspielerischen Defiziten bleibt der Film überraschend effektiv. Der ungemein starke Score, der die beunruhigende Wirkung des in Massachusetts gedrehten Streifens enorm verstärkt, stammt von Harry Manfredini und ähnelt seiner Arbeit in Friday the 13th, ist aber noch eine Spur besser. Und obwohl die Charakterisierung der Figuren eher dürftig ausgefallen ist, fiebert man ein wenig mit ihnen mit.
Das sich abspulende Drama wird generell ruhig und nüchtern erzählt; unnötige Actionszenen findet man hier ebenso wenig wie exzessiven Blutsturz. Die Stimmung ist unheimlich, hoffnungslos, fast schon nihilistisch, wobei der Film mit ein paar Überraschungen und einem (damals wohl noch nicht so vorhersehbaren) Schock-Ende punktet. Ob man dem Streifen das Etikett "Trash" umhängt und ihm unfreiwillige Komik unterstellt, hängt von jedem selbst ab. Ich kann mir schon vorstellen, daß viele den Film anläßlich einer feuchtfröhlichen Party zur Lachnummer degradieren und über die unblutigen Handamputationen ebenso lachen wie über die billigen Spezialeffekte. Ich tu's nicht. Tatsächlich halte ich The Children für sehr unterschätzt, da er trotz des geringen Budgets akzeptabel gemacht wurde und mehr Spannung und Intensität bietet als der Großteil seiner Konkurrenz aus den Achtziger-Jahren. Ein sehr respektables Stück Low-Budget-Horror-Kino also.
(*) Von der angesprochenen Sequenz ist in der deutschen Videofassung leider nicht mehr viel vorhanden. Daß der im Grunde unblutige Film hierzulande trotzdem massiv zensiert wurde, ist wohl darauf zurückzuführen, daß die Gewalt einerseits von Kindern ausgeht, andererseits aber auch gegen Kinder (bzw. zombieähnliche Wesen, die den Anschein erwecken, Kinder zu sein) gerichtet ist. Da kennen manche Institutionen kein Pardon.