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Wie Pete Walker nach der Rückkehr aus dem „Haus der Peitschen“ auch noch dem „Haus der Todsünden“ einen Besuch abstattet, gleicht einem Spaziergang über den zerbröckelnden Boulevard der gesellschaftlichen Pfeiler. Die Metapher des Hauses passt auf das willkürliche Walten der katholischen Kirche ebenso gut wie auf den Staat, der sich vorbehält, die Gewaltenteilung zu untergraben und nach eigenem Strafentwurf zu richten, sofern nötig. In beiden Fällen liefert das Haus den abgegrenzten Raum, unter dessen Dach sich ungehindert eine Wolke der Legitimation entfalten kann, mit der bestimmte Dinge im Namen bestimmter Institutionen (Justitia oder Gott) getan werden können. Und nachdem die Peitsche als Instrument der Bestrafung das Gesetz verkörperte, verweist die Todsünde nun auf ihren eigenen Erschaffer, die Kirche.

Während das Gefängnis-Setting in „Haus der Peitschen“ jedoch noch eine symbolische Verkleidung war, eine Umschreibung für Gericht und Strafvollzug, wenn man so will, nennt Walker das Problemkind diesmal ziemlich geradeheraus beim Namen. Er lässt wortwörtlich einen Priester mit dem Profil eines Psychopathen von der Leine, suggerierend, dass dies auch eine wahre Geschichte sein könnte. Somit sucht er, anders als im Schwesterwerk, die direkte Provokation. Indem er den Hirten nämlich zum Wolf umdeutet und ihm die Macht verleiht, die ihm blind vertrauenden Schäfchen zu überrumpeln, wird er zum unverhohlenen Kritiker des Katholizismus. Einen Film drehen über einen Mann Gottes, der Weihrauchfässer und Hostien heimtückisch zum Mordinstrument umfunktioniert? Noch weißer könnte der Fehdehandschuh kaum sein.

Der Wechsel des Schauplatzes geht dann auch gleich mit einem Wechsel des Genres einher. Es werden diesmal Mechaniken angewandt, die vor allem im Stalker-Film gebräuchlich sind. Als im Prolog eine junge Frau vor etwas Unsichtbarem wegrennt, bevor sie durch den Sturz aus einem Fenster Suizid begeht, wird bereits eine drängende Kraft von außen angedeutet, die zu dem verzweifelten Verhalten antreibt. Anfangs wird sogar noch mit der Verschleierung des Strippenziehers gespielt, der als unheimlicher Buhmann im schwarzen Gewand seine Einführung feiert. Die Augen, die gierig durch das Raster des Beichtstuhls stieren, sind für einen Moment das Einzige, was man von ihm zu sehen bekommt. Auch einige Szenen später wird er noch als anonyme Figur aus dem Schatten inszeniert, wenn er unerkannt in eine Privatwohnung einbricht und sich in eine Zimmerecke verkriecht, um seinem Opfer von dort aufzulauern.

Langfristig ist Walkers Interesse an der Priesterfigur jedoch zu groß, um sie als gesichtslosen Lückenfüller einer Psychokiller-Schablone zu verschwenden. Pater Meldrum, der eigentlich mit Peter Cushing besetzt werden sollte, wird von einem Schauspieler vergleichbaren Typs mit viel Gefühl für das Menschliche im Monster zum Leben erweckt. Anthony Sharp spiegelt mit seinem markant-römischen Profil die Geschichte der Kirche, zugleich weiß er aber unzählige Gemütsveränderungen im Inneren des Mannes über die Augen auszudrücken: Er wirkt hauptsächlich streng und kaltblütig, in anderen Momenten aber auch unsicher, verletzlich und voller Selbstzweifel. Der Regisseur bietet ihm jede erdenkliche Gelegenheit, alle Facetten seiner Rolle auszuschöpfen und sich so im Laufe der Handlung weit zu entfernen von dem stereotypen Besessenen, der vor lauter Irrsinn kaum zu durchschauen ist.

Obgleich viele Anleihen bei niederen Genre-Werken gemacht werden, was aus der Entfernung zu dem (Vor-) Urteil führen könnte, dass wir es mit grobschlächtiger Exploitation zu tun haben, entsteht aus den vermeintlich sleazigen Zutaten überraschenderweise ein wohldurchdachter, intelligent geschriebener Handlungsbogen, bei dem keine Szene und keine Aktion nur ihrer selbst wegen im Film landet. Auch wenn die Figuren ihre Entscheidungen manchmal nur aus dramaturgischen Gründen treffen, so sind sie doch allesamt fein ausgearbeitet und greifen jeweils entscheidend in den Verlauf ein; selbst der im Prolog abgehandelte Selbstmord spielt später noch einmal eine gewichtige Rolle, was für einen primitiven Horrorfilm eher ungewöhnlich wäre.

Hauptdarstellerin Susan Penhaligon folgt dabei dem Frauentyp, den auch Penny Irving in „Whipcords“ bediente: Blond, unschuldig und ein wenig naiv. Damit wird sie hauptsächlich als Trigger für ihr Umfeld verwendet, an dem Walker viel mehr interessiert ist und das er dementsprechend auch mit allerhand interessanten Figuren ausfüllt. Den von Norman Eshley gespielten jungen Vikar beispielsweise, der vergeblich gegen das konservative Fundament seines Berufsstands ankämpft. Oder Walkers Stamm-Schauspielerin Sheila Keith, die als wortkarge Beobachterin zunächst weniger gut in die Handlung eingebunden scheint und dann plötzlich zu einer Schlüsselfigur wird. Im Zuge dessen werden wieder fast sämtliche Figuren zu Symbolträgern ausgearbeitet, die jeweils immer ein bestimmtes Rädchen im gesellschaftlichen Getriebe verkörpern. Das Drehbuch (beziehungsweise Pater Meldrum) kommt auch mit den waghalsigsten Vertuschungsaktionen durch, weil andere Instanzen als unzurechnungsfähig, eingeschüchtert oder abwesend charakterisiert werden. Die Krankenschwestern etwa sind so sehr in ihre alltäglichen Routinen vertieft, dass sie nicht merken, was in ihren Patientenzimmern vor sich geht, ein herbeigerufener Doktor mit wirr abstehendem Haar nimmt bei einer Diagnose ebenfalls nicht wahr, was sich vor seinen Augen abspielt. Seine bettlägerige, stumme Mutter missbraucht der Pfarrer sogar gegen ihren Willen als Abnehmerin seiner Beichten, wie ein totes Gefäß, das er voller Niedertracht mit seinen Lasten füllt. Einige Figuren im Umfeld des Übeltäters können sich nicht auflehnen, andere sehen dazu keinen Bedarf. Es entfaltet sich langsam das Grauen, das normalerweise in Jugendhorrorfilmen wütet: Die „Erwachsenen“, hier die Bürger mit einem starken Glauben an Gott und die Kirche, wollen ironischerweise einfach nicht glauben, was der Hauptfigur nach eigener Aussage widerfahren ist.

Den Ursprung des stattfindenden Horrors verortet Walker spürbar in der Kirche, die er dezent, aber wirkungsvoll wie das dunkle Herz böser Mächte inszeniert. Die gezeigten Gottesdienste wirken leer und bis zur Sinnlosigkeit ritualisiert, in den nicht-öffentlichen Hinterräumen finden Machtspiele statt und auf dem Friedhof werden nicht ohne Grund Bezüge zum Zombiefilm sichtbar, geht es doch hier wie dort um vergrabene Sünden, die irgendwann zurückkehren. Der erste Mord findet sogar dort statt, wo normalerweise die heilige Messe abgehalten wird, verborgen im Halbdunkeln, aus dem Hinterhalt heraus. Von diesem Zentrum aus verteilt sich die Düsternis unbemerkt im Alltag. Der wilde, avantgardistische Geist englischer Großstädte ist durchaus spürbar, Zeichen seiner Existenz finden sich in Pilzköpfen und Schlaghosen, Plattencovern und Wohnungseinrichtungen, doch sie werden in ihrem Wirken erheblich gedämpft. Wenn nicht vom betrüblichen Regenwetter, dann von den konservativen Mächten, die wild entschlossen um ihre Privilegien kämpfen. Wenn man Buntes will, ist man jedenfalls beim falschen Filmemacher gelandet.

„Haus der Todsünden“ komplementiert Pete Walkers bisheriges Schaffen um eine besonders persönliche Note, was man an der besonders drastischen Art des Ausdrucks erkennt, mit der er die Kritik an der Autorität des Staates um jene an der katholischen Kirche ergänzt. Es ist nur allzu gut vorstellbar, dass so etwas wie ein Kirchenrepräsentant in der Rolle eines mordenden Geisteskranken gewisse Kreise in Aufruhr versetzt haben muss, auch wenn der Film nach Aussage des Regisseurs weniger Empörung auslöste als zu erwarten war. Natürlich ist noch längst nicht von einem psychologisch durchweg fundierten Thriller zu sprechen, da Walker weiterhin nah an den Ufern zum B-Movie inszeniert. In der damals herrschenden Welle von Horrorfilmen mit religiösen Themen („Der Exorzist“, „Rosemary’s Baby“, „Das Omen“, „The Wicker Man“, „Die Teufel“) findet er allerdings einen sehr eigenständigen Ansatz, weil er sich so intensiv mit der Rolle des Priesters beschäftigt, dass er noch am ehesten mit dem 23 Jahre älteren Hitchcock-Thriller „Ich beichte“ verglichen werden kann (auch wenn dieser das Pferd inhaltlich von der anderen Seite aufzäumt). Und die Zeit hat gezeigt: Walker hat hier durchaus einen Punkt. Das Thema ist heute aktueller denn je…

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