Andrej Tarkowskij verfilmt Ernest Hemingway: In seinem studentischen Kurzfilm „Ubiizy“ (deutsch: „Die Killer“), gedreht mit zwei Kommilitonen der russischen Filmhochschule, erzählt er die Geschichte zweier Auftragskiller nach, die eines Abends in einer Bar auftauchen und nach einem mysteriösen Schweden suchen, um ihn zu töten. Zwischen ihnen und dem Personal entspinnt sich ein bedrohlicher Dialog...
Mit simpelsten Mitteln, unbekannten Darstellern (Tarkowskij selbst übernimmt eine kleine Rolle) und überschaubaren Kulissen entsteht hier ein intensives Kammerspiel, das seine Spannung natürlich der hervorragenden Vorlage verdankt, aber auch bereits einen Hauch der fesselnden Inszenierungskraft spüren lässt, mit der Tarkowskij später weltberühmt werden sollte.
So ist der zentrale, lange Dialog zwischen den Killern und dem Barkeeper in Sachen subtiler Bedrohung und Spannung ein kleines Meisterstück. Wie hier durch das distanzierte Verhalten der beiden Männer, ihre drohende Sprache, finstere Andeutungen und zwischen den Zeilen schwingendes Unausgesprochenes von Anfang an ein Gefühl des Unbehagens entsteht, das sich mit fortlaufender Drastik des Gesprächs und der Handlungen zur direkten Gefahr steigert, hätte von einem Dialogmeister wie Quentin Tarantino nicht besser inszeniert werden können. Kleine Details wie die Handschuhe der Killer und das differenzierte Spiel der Darsteller (vielleicht etwas klischeehaft, aber intensiv und fesselnd) machen diese Szene innerhalb kürzester Zeit so spannend, dass man den Männern beinahe atemlos bei ihren Gesprächen zuschaut.
Der Schlussteil des knapp 20-minütigen Streifens wiederum ist in seinem Fatalismus ein kleiner Vorausblick auf die finsteren und mitunter pessimistischen Gedanken, die Tarkowskij auch in späteren Werken behandeln sollte. Abgeschlossenheit mit dem eigenen Leben, Hilflosigkeit gegenüber einer unsichtbaren Übermacht, das Fehlen glaubhafter Perspektiven – metaphorisch kann man den Film durchaus als Kommentar zum Leben innerhalb eines diktatorischen Systems verstehen. Es gibt eine kleine Überraschung (zumindest für alle, die die Vorlage nicht kennen) und einen mehr oder weniger offenen Schluss, der wenig Hoffnung auf eine Wendung der Dinge zum Guten lässt. Ein wirklicher Stimmungswechsel erfolgt nicht, dafür bleibt die Atmosphäre im Vergleich zur langen zentralen Szene zu durchgehend dicht, aber nach der immer weiter gesteigerten subtilen Spannung des Anfangs fällt man hier in ein tiefes Loch aus Furcht und Hoffnungslosigkeit. Das macht „Ubiizy“ zu einem ebenso fesselnden wie bestürzenden kleinen Werk.
Auf technischer Seite bleibt alles simpel, aber effektiv. Die Kulissen sind spärlich und günstig, die Handlung bleibt auf zwei Räume beschränkt, die allerdings mit ihrer einfachen Ausstattung der bedrückenden Atmosphäre zu Hilfe kommen. Die Kamera ist ruhig und nah an den Figuren; in einer Szene ist bereits ein typischer Tarkowskij-Moment zu erleben: Die bis dahin statische Kamera fährt plötzlich nahe an einen Protagonisten heran, bevor dieser nach einer kurzen Pause einen besonders wichtigen Satz ausspricht. Ansonsten ist hier bereits, ähnlich wie in Tarkowskijs Kurzfilm „Heute gibt es keine Entlassung“, sein Talent zu spüren, mit so subtilen Mitteln ein Höchstmaß an Spannung und Intensität zu entwickeln, dass man im ersten Moment gar nicht richtig sagen kann, was an der scheinbar simplen Inszenierung eigentlich dazu beigetragen hat.
„Ubiizy“ ist selbst als studentisches Projekt schon ein erster starker Einblick in das filmische Können, das Tarkowskij später zur Meisterhaftigkeit entwickeln sollte. Spannend, fesselnd und zutiefst fatalistisch, erweist sich diese kleine Kurzgeschichtenverfilmung als starker Genre-Beitrag mit ganz eigenen Akzenten. In Tarkowskijs bedeutendem Oeuvre nicht einmal unbedingt nur ein Nebenwerk.