„In vino veritas“, im Wein liegt die Wahrheit. Was könnte also ehrlich sein, als ein Film, in dem die Hauptpersonen viel Wein trinken und dabei reden? Ehrlichkeit ist dann auch etwas das man bei „Sideways“ ständig fühlt. Das haben wohl auch die Kritiker und Jurymitglieder nahezu aller Filmpreisverleihungen im Vorfeld der Oscars 2005 so gesehen, anders ist der Triumphzug dieses kleinen Films nicht zu erklären.
Schon in seinem letzten Film „About Schmidt“ schickte Alexander Payne seine Hauptfigur auf eine bitter-süße Reise, die wenig Erkenntnis bringt, aber dafür viel Mitgefühl für einen gebrochenen alten Mann der alles verloren hat und sich sein letztes bisschen Leben in einem Campingmobil erhofft.
Ganz so düster und trostlos melancholisch ist „Sideways“ nicht geworden, aber auch hier sind die Hauptfiguren auf einer Reise, und auch hier sucht insbesondere Miles (grandios Paul Giamatti) das Leben und das was es ihm zu bieten hat. Miles ist um die 40, englisch Lehrer, nie über seine Scheidung hinweggekommen und versucht erfolglos einen Roman, der autobiographisch geprägt ist, zu verkaufen. Seine einzige Leidenschaft ist der Wein und die ebendiese Leidenschaft ist dann letztlich auch der Anlass für die Reise die Miles mit seinem besten Freund macht. Der wird ist erfolgloser Schauspieler, überzeugter Macho und wird in einer Woche heiraten.
Gemeinsam gehen sie auf einen einwöchigen Trip ins Weinanbaugebiet in Kalifornien.
Payne zaubert aus dieser Story eine wundervolle in ruhigen, goldglänzenden Bildern erzählte Geschichte, die zwei Männer zeigt, die nicht wissen wo sie stehen und wo ihr Weg hinführen wird. Miles ist depressiv, perspektivlos und kann sich nicht von seiner Vergangenheit lösen und Jack ist sich bei seiner bevorstehenden Hochzeit unsicher und nutzt seinen vergangenen Ruhm als Schauspieler um Frauen aufzureißen. Die Konflikte sind also vorprogrammiert und lassen auch nicht lange auf sich warten. Dabei wirkt nichts was in den gut 100 Minuten passiert aufgesetzt, es wirkt eher immer wie direkt aus dem Leben gegriffen, wirkt eben einfach ehrlich und schafft dadurch natürlich auch eine enorme Bindung zum Zuschauer. Die Situationen in welche die Beiden geraten tendieren zwischen gnadenlos komisch (grandios die Szene, in der Miles in das Haus einer von Jack´s Eroberungen eindringt um den verlorenen Geldbeutel wiederzubeschaffen), melancholisch und ein wenig Bitterkeit. Dazu kommen dann auch noch die Frauen. Miles findet in der Kellnerin Maya eine Seelenverwandte und wird doch am Ende alles aufs Spiel setzen und Jack findet in der Weinhändlerin Stephanie eine Geborgenheit und Sicherheit, die letztlich nur zur Ablenkung von seinem eigentlichen Leben dient. Eines ist allen Charakteren aber gemein, sie alle wirken wie direkt aus dem Leben gegriffen.
Man muss kein Weinkenner sein, um an diesem Film seinen gefallen zu finden, aber überzeugte Biertrinken dürften sich doch das ein oder andere mal fragen worüber hier eigentlich geredet wird. Dabei ist kein Dialog überflüssig und Miles´ und Maya´s Gespräch über Wein auf der Terrasse, wird zum Kernstück des gesamten Films. Wird hier doch das ganze Leben, in nur wenigen Sätzen zusammengefasst, auf die Vorlieben beim Weintrinken übertragen. Grandios.
Dabei schafft es Payne bei aller Tiefgründigkeit und Schwere innerhalb der Geschichte, seinen eingängigsten Film zu drehen. Der Humor ist offensichtlicher, die Charaktere leichter zugänglich als in seinen letzten Filmen und auch wenn man ihm das als Vorwurf machen kann, ist es letztlich doch ein Schritt in die richtige Richtung, da somit endlich auch ein breiteres Publikum auf die wundervolle Art von Payne, Filme zu inszenieren, aufmerksam werden wird. Payne gelingt die Gradwanderung zwischen den Genres mit einer unglaublichen Leichtigkeit und voller Charme. Dabei verrät er nie seine Charaktere und gibt sie für einen Lacher der Lächerlichkeit preis, viel mehr lacht man zumeist mit ihnen. Sicherlich auch ein Beleg für die feine Zeichnung seiner Figuren, die Payne hier einmal mehr gelungen ist.
Dazu kommen wundervolle Aufnahmen. Ganz Kalifornien erstrahlt in einem goldenen Glanz und bekommt schon fast etwas traumhaftes verliehen. Ständig scheint die Sonne und lässt die Weinberge leuchten und Payne nimmt sich die Zeit diese Landschaft zu zeigen und sie immer wieder in den Mittelpunkt zu setzen. Ansonsten ist der Film betont ruhig und routiniert inszeniert, keine Experimente mit der Kamera, keine Versuche neues zu entdecken, eher ein bewusstes reduzieren auf ein stilistisches Minimum, um somit der Story und den Figuren die volle Aufmerksamkeit zu widmen.
Bei aller optischen Schönheit und Leichtigkeit sind es aber immer die Charaktere die im Vordergrund stehen und um die sich alles dreht. Insbesondere Paul Giamatti als Miles liefert eine wahre Galavorstellung ab. Das er ein ausgezeichneter Schauspieler ist hat er ja bereits mehrfach bewiesen, aber so gut wie hier war er noch nie. Von der ersten Minuten an hat er die Sympathien des Publikums für sich und irgendwo ist dann doch die Erkenntnis, dass ein wenig von diesem Miles in uns allen ist. Thomas Hayden Church, den meisten wohl am ehesten noch aus der recht launigen Sitcom „Ned & Stacey“ bekannt, zeigt ebenso eindrucksvoll, was er kann. Dazu noch mit Virgina Madsen und Sandra Oh zwei tolle Darstellerinnen, die perfekt mit ihren männlichen Kollegen harmonieren.
„Sideways“ ist anspruchsvolles Unterhaltungskino in seiner reinsten Form. Exzellente Darsteller, eine ansprechende Story, die weit mehr ist als pure Berieselung und doch ein hoher Unterhaltungswert. Alexander Payne zeigt einmal mehr, dass seine Filme es absolut wert sind gesehen zu werden. Auch wenn er dieses mal keinen Jack Nicholson hat, der mit seinem Namen die Zuschauer anzieht, sollte man sich dieser Weinprobe in Kalifornien nicht entziehen. Letztlich ist der Film wie ein guter Wein. Man nimmt ihn langsam zu sich und hat sofort diesen Geschmack im Mund, der dort auch noch eine ganze Weile nach dem eigentlichen Genuss bleibt und einen daran erinnert. Absolut Oscarreif. 9 von 10 Punkten.