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Jack, ein im Moment arbeitsloser ehemaliger Seriendarsteller, möchte in einer Woche heiraten. Sein Freund Miles, der Jack schon aus dem College kennt, ein aufgrund seiner zwei Jahre zurückliegenden Scheidung immer noch depressiver Englischlehrer, der außerdem bislang erfolglos versucht, ein selbst geschriebenes Buch bei einem Verlag unterzubringen, schenkt Jack deshalb eine Reise. Auf dieser Reise möchte Miles seinem Freund das näher bringen, womit er sich wirklich ganz hervorragend auskennt: Wein!

Aus diesem Grund fährt Miles mit Jack in die Weinanbaugebiete Kaliforniens. Miles möchte dort von Weingut zu Weingut fahren, Wein trinken, essen und sich ansonsten seinen Depressionen hingeben. Aber Jack hat ganz andere Pläne: Er möchte nämlich in seiner letzten Woche als Junggeselle noch mal so richtig die Sau raus lassen und so viele Frauen flachlegen, wie nur irgend möglich.

Dass es da zu Problemen und Turbulenzen kommen muss, versteht sich von selbst.

Beim gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant treffen beide auf die Kellnerin Mia, die Miles von früheren Besuchen kennt und sich ebenso gut mit Wein auskennt wie Miles. Jack, der sowieso der Meinung ist, dass Miles „mal wieder flachgelegt werden müsste“, merkt sofort, dass Miles Mia nett findet, aber Miles erstickt alle Verkuppelungsversuche von Jack im Keim.
Auf den Weinproben versucht Jack anfänglich Miles’ Faszination für die verschiedenen Rebsorten zu verstehen, aber im Grunde findet er jeden Wein gut, solange nur die Frau scharf aussieht, die ihm den Wein einschenkt. Auf einer solchen Weinprobe treffen beide dann Stephanie, die Jack unverblümt anbaggert. Schnell stellt sich heraus, dass Stephanie auch Mia kennt und, ohne dass Miles es verhindern kann, macht Jack ein Date mit Miles und den beiden Frauen klar.

Wie wird das Date wohl verlaufen?
Was wird unseren Helden noch alles widerfahren?

Das erzählt uns Regisseur Alexander Payne in vielen unvergesslichen, teilweise berührenden, teilweise urkomischen Szenen.

Sehr witzig ist z. B. sie Szene, in der Miles z. B. alle Mühe hat, Jack davon zu überzeugen, seine Heirat wegen Stephanie Hals über Kopf abzusagen. Oder die Szene, in der Jack sehr schmerzlich zu spüren bekommt, was Stephanie davon hält, dass sie erfahren hat, dass Jack in ein paar Tagen heiraten will. Oder die Szene, in der Miles ausbaden muss, dass Jack bei einer seiner Eroberungen sein Portemonnaie mit seinen Eheringen vergessen hat.

Berührend sind die Szenen, in denen Miles sich mit seiner geschiedenen Frau auseinander setzt, entweder in Gedanken oder am Telefon oder in einem persönlichen Gespräch.

In jeder dieser Szenen wird deutlich, dass Regisseur Payne seine Figuren liebt. Diese Liebe überträgt sich sehr schnell auch auf den Zuschauer, denn die beiden Männer sind trotz, oder gerade wegen ihrer Schwächen sehr sympathisch. Und Schwächen haben beide: Jack hat überhaupt keine Skrupel, seine baldige Frau mit anderen Frauen zu betrügen. Und auch aus negativen Erfahrungen lernt er nichts. Miles klaut bei seiner Mutter Geld aus einem geheimen Versteck und kauft sich, als Jack wieder mal mit Stephanie unterwegs ist, ein billiges Sexheftchen. Als er endlich mit Mia alleine in einem Park sitzt, beschäftigt er sich lieber mit Kreuzworträtsel. Ganz abgesehen davon, dass das einzige Thema, über das er sich unterhalten möchte, der Wein zu sein scheint.
In der zentralen Szene des Films fragt Mia Miles, ob sie ihm mal etwas persönliches fragen darf. Und Miles überwindet sich und sagt tatsächlich ja. Aber Mia fragt ihn dann doch nur, warum Miles die Weinsorte Pinot so liebt. Miles spricht dann davon, dass der Pinot sehr viel Pflege braucht, dass er aber, wenn man ihm eine Chance gibt und er gereift und zur vollen Entfaltung gekommen ist, einfach nur wunderbar sein kann. Und sehr schnell merkt der Zuschauer und auch Mia, dass er - sehr persönlich - von sich selbst spricht.
Miles fragt Mia dann, warum sie den Wein so liebt. In ihrer ebenso wunderbaren Antwort vergleicht sie den Wein mit dem Leben: Der Wein reift, erreicht seinen Höhepunkt und verfällt dann langsam wieder.
Schon allein für diese Szene hat Alexander Payne den Drehbuch-Oscar verdient.

Apropos Oscar: Die vier Protagonisten spielen allesamt oscarreif, wobei Alexandra Oh, in realen Leben die Frau von Alexander Payne, aufgrund ihrer Rolle die wenigsten Chancen hat, zu glänzen.
Die Rolle der Mia wird verkörpert von Virginia Madsen, der Schwester von Michael Madsen, die in den 80ern auf den männermordenden Vamp festgelegt war. In „Sideways“ spielt sie unglaublich gefühlvoll eine verletzte und verletzliche Frau, die nur auf der Suche auf ein bisschen Liebe ist.
Der bis zu „Sideways“ völlig unbekannte Thomas Hayden Church gilt als der Favorit, wenn es um die Vergabe des Oscars für die beste Nebenrolle geht. Er spielt den abgehalfterten und vergnügungssüchtigen Fernsehstar so glaubwürdig, als würde er ein bisschen sich selbst spielen.
Er und Paul Giamatti als Miles werfen sich gekonnt die schauspielerischen Bälle zu. In der Szene bei Miles Mutter geben sie sich teilweise nur durch Blicke zu verstehen, was sie von der Situation halten. Beiden ist ihre Spielfreude in jeder Szene anzusehen.
Giamatti ist aber gerade auch in seinen depressiven Szenen einfach wunderbar. Mit gebückter Körperhaltung, verzweifelten Blicken und manchmal um Fassung ringend macht er den in Selbstmitleid zerfließenden Miles zu einem schauspielerischen Ereignis. Leider ist er, wie schon im vergangenen Jahr als Hauptdarsteller in „American Splendor“, auch in diesem Jahr nicht bei den Nominierungen für den Oscar als bester Hautdarsteller berücksichtigt worden.

„Sideways“ ist ein ungemein komischer, aber auch sehr berührender Selbstfindungstrip zweier Männer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und der Liebe.

Und vielleicht wird der Mut von Miles ja belohnt, wenn er sich ein weiteres Mal überwindet und an Mias Tür klopft.
9/10

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