Review

Eigentlich sollte ich mir, selbst noch in der ersten Hälfte der 30er befindlich, Gedanken machen, weil mich eine Geschichte über zwei späte Herren, beide Anfang 40, dermaßen faszinieren kann, aber das spricht dann doch nur für die Fähigkeiten von Regisseur Alexander Payne, der uns die Einsamkeit des Menschen schon in „About Schmidt“ gefühlvoll, unkitschig und mit einem lachenden und weinenden Auge gleichzeitig nahebrachte.

Hier liefert er nun sein Paradestück für alternde Singles ab, nicht oder noch nicht vergeben, nicht ohne Hoffnung oder Perspektive, aber mit genug Neurosen, um sich selbst immer rechtzeitig selbst auszubremsen.

Sie sind wie Pole einer Batterie und gehören deswegen dennoch zusammen: Miles (Paul Giamatti) und Jack (Thomas Haden Church) demonstrieren überdeutlich, wo das Problem bei unverheirateten Fortysomething liegt. Miles, ein bemühter Schriftsteller und Lehrer, ist intellektuell gesehen sicherlich eine gute Partie: er ist kultiviert, intelligent und referiert über Wein mit einer versteckten Zärtlichkeit, die auf eine empfindsame und sensible Seele hinweist. Was auch gleichzeitig sein Problem ist, denn nach einer gescheiterten Ehe und der nieverwundenen Trennung hängt er immer noch an seiner geschiedenen Frau und macht dicht, sobald sich für ihn selbst Chancen eröffnen. Dann gewinnt sein Selbstmitleid samt seinen Komplexen die Oberhand.
Seine Antipode ist Jack, gescheiterter Schauspieler und jetzt kurz davor, eine jüngere hübsche und begüterte Frau zu heiraten und der in seiner Junggesellenwoche noch mal auf den Putz hauen will. Jack fehlt die intellektuellen Tiefe seines Kumpels und kippt den Wein nur so in sich herein, den er in gut oder ganz gut einteilt und macht diesen Mangel durch unverwüstliches Selbstbewußtsein und bärigen Charme wieder wett.

Daß solche Reisen natürlich mit diesen Vorbelastungen nie so verlaufen, wie man sie sich vorher vorgestellt hat, ist dabei klar. Die Reise ins und durch das kalifornische Weinland wird zu einer Reise in das Ich selbst, wobei Miles klar im Vordergrund steht.
Nur zögerlich und widerstrebend vertieft er das Freundschaftsverhältnis zu der dort kellnernden Maya und dann auch eher aus einer Art Trotzreaktion heraus, als er erfährt, daß seine Frau wieder geheiratet hat. Sein Äußeres ist dabei seinem Zustand voraus: mit leichtem Bauansatz, schütterem Haar und relativ unattraktiver Kleidung wird deutlich, daß er seine Probleme nicht verdrängen kann, wie er es vorhatte, vielmehr laufen sie ihm nach oder werden ihn von dem optimistischen Jack nachgetragen, der überall herumerzählt, Miles sei ein up-and-coming Buchautor, obwohl das Buch nicht mal abgenommen ist. Der Roman, Miles Nemesis und Meisterwerk in einem fügt der empfindsamen Seele stets weiteren Schaden zu.
Und dennoch vergißt Payne nie: Miles ist ein Mensch, den man mögen kann und muß.
In vielleicht der schönsten Szene des Filmjahres und einer besten indirekten Liebeserklärungen, die es je im Kino gab, erzählt er nächtens auf der Veranda Maya auf ihre Frage hin, warum er so in den Pinot-Wein vernarrt ist und mit jedem Wort, mit dem er den Wein, die Rebe und die Traube beschreibt, beschreibt er unwissentlich sich selbst, sich mit den übrigen Männern der Welt vergleichend, während uns sanfte Zwischenschnitte auf Maya (eine ungemeine intensive Virginia Madsen) geradezu zärtlich in wenigen Sekundenabständen zeigen, wie sie sich in ihn verliebt.

So viel Zeit, wie sich Payne für Miles nimmt, könnte zu Lasten von Jack gehen, doch für einen relativ groben Klotz (obwohl er sich stets fein gibt) reichen auch gröbere und kürzere Lektionen, denn der notorische Schürzenjäger will auch hier das letzte Mal die Sau rauslassen und glaubt, sich in der Hochzeitstorschlußpanik in eine ledige Muter zu verlieben, was für ihn bzw. seine Nase in einer Katastrophe endet. Doch selbst danach ist er noch nicht genügend belehrt und es ist eine weitere Peinlichkeit nötig, die selbst seine letzte Chance, die Ehe gefährdet, um die wahren Ängste aus ihm hervorbrechen zu lassen. In diesem Moment werden die wirkliche Leere und Einsamkeit mit einem Schlag offenbart und die stille, amüsante und romatische Komödie wird für Sekunden ganz zum Drama.

Es gibt in Sideways keinen Clou wie ihn Nicholson als Warren Schmidt in seiner Schlußszene erlebte, aber es endet auf einer versöhnlichen Note, einer Reise der Hoffnung, dem Wunsch, daß die Angst vor der Einsamkeit stärker ist als alle anderen Ängste, die uns treiben. Ob die Bemühungen oder der letzte Versuch funktioniert, läßt Payne offen, aber es ist auch nicht nötig, denn die realistischen Parallelen dieser zutiefst fiktiven Geschichte sind da bereits offenbar geworden.

„Sideways“ ist ein sensibles Portrait zweier Verlierer, denen wir alle unsere Sympathien schenken können, weil sie zwar meistens alles falsch machen, es aber mit Herz und der besten Absicht machen und weil man solche Fehler an sich selbst auch finden kann.
So gesehen ist der Film durchaus zeitlos und rührt in den meisten Szenen den Zuschauer ungemein an, während die Bilder der herrlichen Landschaft den Sehnerv zusätzlich stimulieren. Vermutlich einer der wahrhaftigsten Filme des Jahres. (9/10)

Details
Ähnliche Filme