Review

Im Film liegt die Weisheit und Wahrheit. Nichts vereint Literatur und Kunst besser als das Medium Film. Philosophische Botschaften und Lebensweisheiten werden zeitgemäß und damit ansprechend vermittelt.
Ein Beweis für diese These ist Alexander Paynes neuestes Werk „Sideways“.

Es ist schon sehr erstaunlich, wie Payne aus oberflächlich nichts ein Werk hinzaubert, das eigentlich alle Vorraussetzungen für einen hervorragenden Film erfüllt.
Für den Englisch Lehrer Miles (Paul Giamatti) und dem ehemaligen Serienschauspieler Jack (Thomas Haden Church) sollte der anstehende gemeinsame Trip lediglich ein spaßiger Junggesellenabschied werden, bevor Jack eine Woche später heiratet. Zusammen möchten sie die Weinbaugebiete Kaliforniens erkunden, ein bisschen Golfen und das das letzte Stücken Freiheit unbeschwert genießen. Beschwert wird dieses Vorhaben, als sich nach und nach offenbart, in welcher Identitätskrise beide Protagonisten stecken und aus purem Genuss wird purer Stress.
Schon von Beginn an, auf den ersten Blick wird klar, dass beide Protagonisten nicht unterschiedlicher sein können. Miles ist der introvertierte, intellektuelle Weinkenner; für den extrovertierten, eher durch trockene Sprüche glänzenden Jack bleibt Wein schlichtweg Wein. Vereint sind die beiden Freunde trotzdem in einer Eigenschaft elementar; sie sind unzufrieden. Der eine Miles, weil er an Depressionen leidet und aus seiner Sicht noch gar nichts erreicht hat. Seine Versuche Bücher zu veröffentlichen sind bisher allesamt gescheitert und auch bei seinem neuen Projekt deutet sich eine Absage seitens des Verlegers an. Wegen seiner Scheidung leidet er noch immer und ist seitdem nicht beziehungsfähig.
Bei dem anderen, Jack, sind die Probleme eher tiefgründig, denn eigentlich hätte er jeden Grund glücklich zu sein. Seine Frau liebt ihn und kommt nebenbei aus wohlhabendem Hause. Trotz eines ausbleibenden Erfolgs als Schauspieler hat er finanziell keine Probleme.
Dennoch weiß er mit einem Alter von über 40 Jahren immer noch nicht, was er eigentlich möchte. Er hat keine klaren Vorstellungen darüber, wie seine Zukunft aussehen sollte.
Auch deshalb nutzt er den Trip mit Miles, um sich nochmals richtig sexuell auszutoben.

Der Anlass für die Krise ist trotz allem nicht der Unterschied zwischen beiden Charakteren, sondern Maya (Virginia Madsen) und Stephanie (Sandra Oh), die sie jeweils bei Weinproben kennen lernen. War die Unzufriedenheit beider bisher nur latent, so wirken beide Frauen als Auslöser für die Identitätskrisen. Zunächst trifft es nur Miles, weil er die Annäherungsversuche von Maya abblockt, da der der Schmerz über die Trennung von seiner Frau immer noch tief in ihm verankert ist. Jack hat dagegen zunächst richtig Spaß mit Maya, schon von Beginn an läuft es perfekt. In der ersten Nacht landen beide im Bett und auch in Folge dessen scheint alles reibungslos zu verlaufen, bis Maya vom kleinen Hochzeitgeheimnis erfährt.

Obwohl die Geschichte ziemlich dramatisch klingt, ist Payne darum bemüht die menschlichen Krisen nicht mit Nachdruck düster zu zeichnen. Im Gegenteil, ob der Situation, ergeben sich einige Szenen, die mehr als komisch sind. Verantwortlich dafür ist vor allem Jack, ein totaler Chaot. Oftmals rufen auch die Unterschiede beider unfreiwillig Lacher hervor. Während Miles stets darum bemüht ist den Wein förmlich zu sezieren, schlürft Miles gelangweilt, fast schon empört wegen der Begeisterung seines Freundes, die edlen Tropen tropfen. Ein Highlight ist sicherlich auch als Miles völlig entsetzt feststellt, dass sein Freund während einer Weinprobe Kaugummi kaut. Weitere Lichtblicke sind die Zwischenbilanzen von Jack im Dialog mit Miles, wenn er seine sexuellen Erlebnisse umschreibt „sie (Stephanie) fickt wie ein Tier“ und Miles aufordert endlich bei Maya aktiv zu werden, wobei ihm dieser nur mit völligem Entsetzen wegen der anstehenden Hochzeit begegnet.
Den Charme und Witz an „Sideways“ kann man allerdings nicht angemessen beschreiben, weil die Authentizität und die stets passenden Gesten und Mimiken von Haden Church und Giamatti absolut unfassbar sind. Sie verleihen ihren Charakteren ein erschreckendes, neurotisches Profil, das so manchen Mittvierziger im Anschluss an den Film zu einem weiteren [Frust]Gläschen Wein verleiten wird.

„Sideways“ ist ein Festival der Gefühle im rasanten Tempo inszeniert. Von Lacher bis Ernüchterung, auf diesem Trip erlebt man alles.
In punkto Dialoge setzt der Film nahezu Maßstäbe. Ein Gespräch zwischen Maya und Miles, als sie ihre Leidenschaft für den Wein beschreiben, hat schon nahezu philosophischen Charakter. Zudem ist die intensive und eingehende Beschreibung seitens Maya auch eine schrittweise, vorgetragene Liebeserklärung an Miles, der trotz Liebe in reinster Form, unfähig ist dieses großartige Geschenk an Wertschätzung anzunehmen.
Der Wein bringt generell nicht nur Lacher wegen der Situationskomik oder Weisheit zum Ausdruck, er verleiht „Sideways“ zusätzlich eine unverkennbare, besondere Note.
Miles steckt den Betrachter mit seiner Begeisterung für Wein förmlich an. Wenn er beschreibt, weshalb die pflegebedürftige, anspruchsvolle Pinot-Traube so etwas unglaublich Besonderes ist, möchte man sich als Laie fast wegen der Unkenntnis über Weine schämen.

Aus literarischer Sicht könnt das Drehbuch von Alexander Payne und Jim Taylor, dementsprechend gewandelt, auch als Prosa glänzen, aber zu prädestiniert erscheint das Werk als Grundlage für große Filmkunst. Man möchte die Visualisierung nicht missen, speziell die Charaktere würden ohne die Darsteller nicht die Authentizität erreichen. Nicht nur Haden Church und Giamatti spielen sich großartige Bälle voller Darstellkunst zu, auch Sandra Oh und allen voran Virginia Madsen verleihen ihren Charakteren unglaubliche Intensität.

Gemalt wird auch mit unglaublicher Sorgfalt, so dass der Kunstfaktor auch perfektioniert wurde. Stets wirken die Landschaften Kaliforniens, ob während der Fahrt oder bei einem Picknick, wie wunderbare Gemälde, imponierend wegen des naturalistischen Charakters, aber auch aufgrund traumhafter, unvorstellbarer Schönheit.
Untermalt durch Musik, die aufgrund der Vielfalt schwer zu beschreiben ist. Wegen der komplementären Art, nimmt man sie gar nicht bewusst wahr, denn zu sehr verschmelzen Akustik und Optik zu einem herrlichen Gesamtwerk.

Im Prinzip ist „Sideways“ der Grund, warum wir Filme an sich schätzen. Ein großartiger, kunstvoll, visualisierter Selbstfindungstrip zweier verzweifelter Mittvierziger, gefühlvoll und intensiv vorgetragen von der kompletten Darstellercrew. Literatur perfekt vereint mit Kunst, garantiert durch großartige Regiearbeit von Alexander Payne. Einzig der Hinweis bei der Betrachtung einen edlen Tropfen Rotwein zu genießen fehlt, aber auf die Idee kommt nach dem Film jeder selbst und das erste Mal „Sideways“, wird ohnehin nicht das letzte Mal sein. (9,5/10)

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