Review
von DrBenway
"In Bayern möchte ich noch nicht einmal gestorben sein". Gleich der erste Satz, der in Achternbuschs Meisterwerk gesprochen wird. Kritisch und unsentimental rechnet er hier mit seiner Heimat und den dort lebenden Personen ab. Ersteinmal zur Handlung:
Die Hauptfigur ist ein im tiefsten Oberbayern lebender Dichter, der vorallem durch seine Gletschertheorie bekannt ist. Diese besagt:
- Ganz Bayern liegt unter einem Gletscher. Nur er und ein paar Andere leben außen auf einem Grünstreifen und leisten Widerstand
- Das Eis, das auf Grönland liegt, ist in Bayern nicht im Freien sondern im Inneren der Menschen. ("In Grönland gibt es schon mehr Eis, aber nicht so viel wie hier")
Auf einmal kommt ein Schlag nach dem Nächsten: Ein Fernsehteam, unter der Führung von Reporter Knallhart, führt ein Interview mit ihm, bei dem allerdings seine Philosophie nicht ernst genommen und er letztendlich verlacht wird. Und obendrein macht sich auch noch Jäger Bellbell an seine Frau ran. Er beschließt zum Schluß schließlich nach Grönland aus zu wandern.
"Servus Bayern" ist eigentlich ein ziemlich intelligenter Film. Man sieht es im nur nicht an. Den Film kann man nur selten richtig ernst nehmen. Das liegt erstens einmal an Achternbuschs Schauspielkunst, die eher an Schultheater als an anspruchsvolles Kino erinnert. Hinzu kommen noch die typischen Mono- und Dialoge, bei denen man nicht mehr zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden kann, sowie eine ganze Reihe von skurillen, fast surrealen Szenen. Zum Beispiel als der Dichter mit angelegtem Gewehr von dem Fernseher liegt und wartet, bis ein Reh gezeigt wird, dass er erschießen kann. Oder als er Jäger Bellbell zu seiner Affäre schickt um mit ihr zu schlafen und ihm sagt, er soll seinen Anzug anziehen, damit sie denkt er wäre es (was dann auch so ist). Oder eine minutenlange Kamerafahrt um einen Eisberg, unterlegt mit einem unsinnigen, bayerischen Gschdanzl, dass einem bereits nach kurzer Zeit an den Nerven sägt.
"Dieses Land hat mich kaputt gemacht..." sagt er an einer Stelle. Dies wird vorallem in einer Szene deutlich die noch mehr den Zuschauer fordert als die Eisbergszene. Und zwar als ihm eine Kellnerin, eine weitere seiner Affären, in einer über zehn Minuten dauernden Einstellung vorhält, wie kalt und unfreundlich er zu ihr ist und sie langsam aber sicher an ihm zerbricht. Hier sieht man, inwiefern seine Heimat ihn kaputt gemacht hat. Die gesamte Kälte der Einwohner, die er anprangert, strahlt er selbst auf seine Mitmenschen aus. Die Mentalität des Landes hat ihn bereits so eingenommen, dass er zu dem geworden ist was er hasst und nichts mehr dagegen tun kann. Zwar denkt er weiter als die meisten seiner Landsleute, jedoch konnte ihm das nicht helfen, sich von ihnen ab zu grenzen, da er sonst komplett untergehen würde.
"Servus Bayern" liegt irgendwo zwischen Kunst und Trash. Zweifellos kann er gleichzeitig fordern und unterhalten und ist nebenbei eine philosophische Abrechnung mit der konservativen, bayerischen Mentalität. Genauso diletantisch wie genial!