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Mit DER EDELWEISSKÖNIG drehte Gustav Ucicky einen relativ unspektakulären Heimatfilm nach einer literarischen Vorlage von Ludwig Ganghofer, dessen Romane und Erzählungen ja oft und gerne benutzt wurden, um vom deutschen und österreichischen Unterhaltungskino der Nachkriegszeit illustriert zu werden. Interessant ist, dass sein Edelweißkönig in allen drei Phasen des deutschen Heimatfilms für die Leinwand adaptiert wurde. 1939 entstand eine erste Version unter der Regie von Paul May und 1975, in der Niedergangszeit des Genres, verfilmte Alfred Vorher den Roman ein drittes Mal. In die goldene Ära des Genres fällt die Fassung von Ucicky.

Ungewöhnlich ist die Geschichte nicht etwa wegen der Handlung oder dem Ambiente, sondern wegen der Art und Weise wie sie umgesetzt wurde, die diesmal wesentlich komplexer ausfällt als in den meisten anderen Heimatfilmen der damaligen Zeit. Die Schwester des Finkenbauers wurde von einem Grafen, mit dem sie eine heimliche Liebschaft unterhielt, geschwängert und starb danach in München den Tod durch Ertrinken. Ferdl, ihr zweiter Bruder, der daran glaubt, dass sie freiwillig ihr Leben ließ, weil der Graf ihre Ehre beschmutzte und sie nicht heiraten wollte, obwohl sie ein Kind von ihm erwartete, sucht den adligen Herrn wutentbrannt auf. Es kommt zu einer handfesten Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Graf verletzt und von Ferdl für tot gehalten wird. Die Polizei weiß schnell, wer der Verantwortliche sein muss, und so flieht Ferdl zum Finkenbauer, der ihn zunächst auf seinem Hof versteckt und dann dafür sorgt, dass er in einer Höhle nahe der italienischen Grenze unterkommt. Während die Polizei sein Haus und seine Familie observiert, wagt er es dennoch, seinen Bruder mit Nahrung zu versorgen. Auch Veverl, die Magd des Finkenbauers, ist um das Wohl des Ferdl besorgt, liebt sie ihn doch schon seit langem. Während die Polizei den Ferdl für tot hält, nachdem er bei einer waghalsigen Flucht in einen Wildbach stürzte und nur knapp überlebte, bereitet der Finkenbauer alles für die Abreise nach Südamerika vor, wo er mit seiner Familie ein neues Leben beginnen will. Allerdings sitzt ihm der Untersuchungsrichter alsbald im Nacken, der vermutet, dass der Ferdl vielleicht doch noch am Leben sein könnte…

Gefallen hat mir bei DER EDELWEISSKÖNIG, dass fast alle sensationsträchtigen Szenen dem Zuschauer nur mittels Erzählung vermittelt werden. Die Flucht des Ferdl ist die einzige etwas aufregender Szene des Films, alle anderen sind völlig unaufgeregt und bestehen ausschließlich aus Dialogpassagen. Die Optik konnte mich ebenfalls ziemlich begeistern. DER EDELWEISSKÖNIG ist wohl einer der Heimatfilme mit den phantastischsten Bildern. Quasi jede einzelne Szene kann man sich als biederes Gemälde oder Postkartenmotiv eines vorigen Jahrhunderts vorstellen. In den Nachtszenen, wenn die Schlafzimmer in bläuliches Licht getaucht wird, das wohl nicht zufällig an die Farbgebung in manchen Stummfilmen der 20er erinnert, entfaltet der Film dann vollends seine optische Wirkung. Leider isst aber nicht nur das Auge, sondern auch der Verstand mit, und der muss sich darüber wundern wie das Drehbuch die Geschichte aufbaut und erzählt. Da ich den Roman von Ganghofer nicht gelesen habe und wohl auch so schnell nicht lesen werde, habe ich keine Ahnung, inwieweit DER EDELWEISSKÖNIG seiner Vorlage treu bleibt, doch es wundert schon, dass der Film in zwei Handlungsstränge zerfällt, wovon die Geschichte um den von der Polizei gehetzten Ferdl und die in ihn verliebte Veverl zwar den größten Teil einnimmt und der wichtigere ist, sich die Aufmerksamkeit des Publikums jedoch mit einem kleineren zweiten teilen muss, der sich mir nicht ganz erschlossen hat. Hier buhlen zwei Personen, nämlich der geistig etwas schwerfällige Knecht des Finkenbauer und der Jäger des Grafen, um eine hübsche Sennerin. Die komischen Episoden, die immer wieder in die ernste Handlung um den Ferdl eingestreut werden, haben mit dieser nicht das Geringste zu tun, wenn man mal davon absieht, dass die drei Personen mitunter auch denen begegnen, die in das Familiendrama des Finkenbauers involviert sind. Bis zum Ende habe ich erwartet, dass beide Stränge irgendwann zusammenlaufen, doch das passiert nie. Es wirkt tatsächlich so, als ob der dramatische Teil nicht für einen abendfüllenden Spielfilm reichte und man später die komischen Szenen einfach hinzufügte, um die Laufzeit etwas zu strecken. Und das obwohl der dramatische Teil etwas mehr Mühe durchaus verdient hätte. So erhält der Ferdl so gut wie keine Charakterzeichnung und bleibt die blasseste Figur des Films, obwohl er ja eigentlich fortwährend im Mittelpunkt steht. Auch um die Veverl ist es nicht besser bestellt. Da werden der Jäger des Grafen und die Sennerin psychologisch wesentlich interessanter dargestellt.

Unterm Strich hat DER EDELWEISSKÖNIG anderen Genrevertretern gegenüber so manchen Vorteil, macht das aber durch genügend Nachteile sofort wieder wett. Es bleibt ein Film, der hübsch anzuschauen ist und inhaltlich kaum etwas bietet. Und wieso er nun unbedingt den Edelweißkönig im Titel führt, der wohl eine Art mythischer Berggeist zu sein scheint, ist mir auch nicht wirklich klar geworden, denn im Film selbst taucht er nicht auf, wird nur zweimal vom Sohn des Finkenbauers erwähnt. Der heißt übrigens Pepperl.

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