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Als Curt Goetz 1938 "Napoleon ist an allem schuld" drehte, kam das überraschend, da er sich im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte zu einem bekannten Theatermann in Deutschland entwickelt hatte, der mit seinem eigenem Ensemble die selbst verfaßten Stücke meist vor ausverkauften Häusern spielte. Zwar hatte er seine schauspielerische Karriere schon in der Stummfilmzeit begonnen und 1922 auch Regie geführt, aber danach widmete er sich fast ausschließlich dem Theater.

Das sich die Nationalsozialisten um den beliebten Komödianten bemühten, lag nahe, aber Götz konnte sich diesem Ansinnen erfolgreich entziehen, wobei ihm seine Schweizer Staatsbürgerschaft zu Hilfe kam, die er seinem früh verstorbenen Vater verdankte und die er zeitlebens behielt, obwohl er in Mainz geboren wurde und in Deutschland aufwuchs. Als er und seine Frau Valerie von Martens während eines USA-Aufenthaltes vom Beginn des 2.Weltkrieges überrascht wurden, kehrten sie nicht mehr nach Deutschland zurück. Kurze Zeit arbeitete Götz darauf hin mit an Drehbüchern für Hollywood-Produktionen, aber ihm gefiel die unpersönliche Machart nicht, weshalb er einen 5-Jahres-Vertrag ausschlug und sich lieber mit dem Hühnerzüchten beschäftigte, um dann 1946 nach Europa - allerdings in die Schweiz - zurückzukehren.

Nach seiner Emigration war "Napoleon ist an allem schuld" von den Nationalsozialisten verboten worden. Trotz dieser Tatsache und seinem hehren Lebenswandel, galt Goetz lange Zeit vor allem als Mann des Boulevard, der zwar pointierte und witzige Dialoge schreiben konnte, aber dessen Komödien trotz gemäßigt kritischer Tendenzen, die vor allem den menschlichen Schwächen galten, einen harmlosen und entsprechend populären Ruf genossen. Selbst das Nazi-Verbot wirkte eher wie eine beleidigte Reaktion der Machthaber, mit der sie auf Goetz' Mißachtung reagierten, als das er mit seinem Film ernsthaft verärgert hätte.

Diese lang Zeit geltende Sichtweise ist der Tatsache geschuldet, dass in Deutschland komödiantische und in ihrer Aussagekraft weniger direkte Werke zumindest in ihrer gesellschaftspolitischen Funktion nicht ernst genommen wurden und werden, weshalb erst in den 90er Jahren auch bei der Filmwissenschaft ein Umdenken eintrat, die die für Deutschland einmalige Leistung des Curt Goetz komplexer betrachtete. Während sich seine nach dem Krieg gedrehten Filme "Dr.Prätorius" und "Das Haus in Montevideo" gezielt der Doppelmoral widmeten, scheint ein Film wie "Napoleon ist an allem schuld" vordergründig wie eine alberne Spielerei - bar jeden realistischen Bezugs.

Die Geschichte vom englischen Lord Cavershott (Curt Goetz), dessen Reichtum ihm ein Leben erlaubt, in dem er sich ausschließlich seiner Leidenschaft für Napoleon widmet, scheint einer anderen Epoche entsprungen. Auch die Probleme, die er mit seiner Ehefrau Josephine (Valerie von Martens) hat, wirken wie die Bälgereien zwischen frisch Verliebten. Selbst sein Aufenthalt in Paris, wohin er sich wegen eines "Napoleon-Kongress" begibt, macht trotz der diplomatischen Aufgaben, die er für sein englisches Vaterland übernehmen soll, den Eindruck einer Ferienreise mit lauter verrückten, aber sympathischen Zeitgenossen. Die strengsten und deutlichsten Aussagen erfährt der Lord nur im Traum, wenn ihm Napoleon - meist recht erbost - dort erscheint.

Dabei liegt genau in dieser Konstallation Goetz' Genialität, denn die Darstellung angesehenster Würdenträger und Ehepaaren aus bester Gesellschaft, die das Leben wie ein großes Spiel betrachten, ist ein deutlicher Affront gegen eine sich selbst äusserst wichtig nehmende Gesellschaft. Das funktioniert aber nur, weil Götz seine Protagonisten ernst nimmt. Lord Cavershott, sein bester Freund Lord Cunningham (Paul Henckels), die französischen Freunde - etwa Professor Meunier (Max Gülstorff) - und besonders Frau Josephine wirken bei aller Komik und den menschlichen Schwächen immer intelligent und fähig, was sich allein schon in den geschliffenen Dialogen zeigt.

Durch diese Konzeption werden die handelnden Personen nie der Lächerlichkeit preisgegeben - was den Nationalsozialisten bei der in Frankreich und England angesiedelten Handlung sicherlich gefallen hätte -, sondern stattdessen die scheinbaren Objekte der Begierde : das gesellschaftliche Ansehen und vor allem der Militarismus, der selten so unverkrampft als unsinnige Spielerei entlarvt wurde. Natürlich verfällt Goetz nie in einen ernsthaften oder gar anklagenden Ton, aber er leistet sich dafür eine Vielzahl von Freiheiten - die lässige Frivolität, die immer über dem Geschehen liegt, der Verzicht auf Konventionen, die greifbare körperliche Nähe unter Männern (so küsst der Lord seinen französischen Kollegen vor Begeisterung auf den Mund) und besonders die emanzipierte Frauenrolle der Josephine.

Diese versteht das Verständnis für die Marotten ihres Mannes nicht als äußerlich getarnte Unterordnung, sondern handelt im Gegenteil aus einer geistig und moralisch kompetenten Position heraus, die von ihrem Mann bewundert wird. Eine klarer Widerspruch zur damals von den Nationalsozialisten propagierten Frauenrolle. Das das Ehepaar kinderlos ist und sich den Nachwuchs ganz unüblich, aber überzeugend gemeinschaftlich verschafft, verdeutlicht noch Goetz' Intentionen, hier in einer temporeichen Komödie, der nie der Charakter einer Theateraufführung anhaftet, ein zutiefst humanes Menschenbild zu zeichnen.

"Napoleon ist an allem schuld" Zeitlosigkeit zu attestieren, ist noch zu schwach, angesichts der Modernität und Liberalität in der hier abgelieferten Sprache und Handlung. Natürlich haben die Respektlosigkeiten an Brisanz in der Gegenwart verloren und wer nur die Story als solche betrachtet, könnte leicht dem Irrtum verfallen, nur eine übliche altdeutsche Komödie anzusehen. Doch für diese Sichtweise bedarf es einer hohen Ignoranz gegenüber den geschliffenen Dialogen und der sehr genauen Charakterzeichnungen, die nie in Einseitigkeit oder gar Verunglimpfung verfallen (8,5/10).

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