"Piccole Labbra" wird in Filmkenner-Kreisen gerne mit "Maladolescenza" verglichen. Dieser Vergleich hinkt aber beträchtlich, geht es in diesem Film mehr um eine melodramatische Beziehung zwischen einem Mädchen mit einem erwachsenen Mann, denn um hochprovokative Freizügigkeiten zwischen Minderjährigen.
Die Geschichte der Eva ist schnell erzählt: Ein Soldat kehrt schwer traumatisiert vom Ersten Weltkrieg nach Hause und beschließt sich das Leben zu nehmen. Die kleine Eva (Katya Berger) bewahrt ihn vor diesem Ansinnen und entwickelt eine platonische Liebe zu ihm. Als sie mit einem gleichaltrigen Gaukler-Jungen bei ihrer ersten sexuellen Erfahrung in flagranti erwischt wird, kommt es zur Katastrophe...
Regisseur Mimmo Cattarinich greift in diesem sehr schön fotografierten Film ein gesellschaftliches Tabu-Thema auf, dessen sich schon Stanley Kubrick und Adrian Lyne in "Lolita" nach der gleichnamigen Romanvorlage von Vladimir Nabukov bedient haben: Das Lolita-Syndrom. Gemeint ist damit nicht der verächtliche Mißbrauch von wehrlosen Minderjährigen, sondern die enorme Macht, die ein heranwachsendes Mädchen auf einen erwachsenen Mann ausüben kann.
"Piccole Labbra" ist ein sehr schönes, aber auch todtrauriges Melodram, das sich eines kontrovers diskutierten und heiklen Themas annimmt aber dennoch durch Behutsamkeit und Einfühlungsvermögen zu überzeugen weiß.