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Zwischen Satire und Klamauk


Ein Superstau auf der Autobahn in den frühen Neunzigern, völliger Stillstand, Ossis und Wessis, Bayern und Ruhrpottler, alle wollen in den Süden – und stecken nun auf einem Autobahnabschnitt in Bayern fest. Emotionen kochen hoch, die Getränke werden knapp, Club-Cola-und Capri-Sonne-Vorräte wecken Begehrlichkeiten, Anarchie droht, ein Pärchen kopuliert währenddessen ausdauernd im PKW, andere belassen es bei einem stillen Flirt…

Das Schaffen von Regisseur Manfred Stelzer wird seit einigen Jahren von seinen komödiantisch angelegten Münsteraner Tatort-Produktionen um die Ermittler Thiel und Boerne (Axel Prahl und Jan Josef Liefers) überragt, die einerseits in der Publikumsgunst weit vorne liegen, andererseits wegen ihres Hanges zum Klamauk polarisieren. Letzteres dürfte auch für Stelzers wohl populärsten Spielfilm „Superstau“ aus dem mittlerweile schon recht fernen Jahr `91 gelten, der über eine kleine Fangemeinde verfügt und dem entsprechend irgendwann das Etikett „Kultfilm“ angeheftet wurde.

Die von der Bavaria Film produzierte Komödie karikiert den deutschen Autofahrer - ohnehin deutsche Stereotypen-, wobei sich satirische Überspitzung und kuriose Typenzeichnung mit bloßem Klamauk abwechseln. Die Handlung, man kann es vorwegnehmen, ist schlicht. Superstau ist als Ensemblefilm angelegt und das „Denkwürdige“, neben der einen oder anderen Situationskomik, sind die vielen verschrobenen Charaktere.

Da wäre etwa Ottfried Fischer als komfortverwöhnter, bräsiger Bayer Ludwig Stocker, der neben Gattin (Monika Baumgartner) und Töchterchen (Ariane Mühlmann) sein Spießer-Idyll und reichlich Fressvorräte im ausladenden Hymer-Mobil mit sich führt, einen Hang zum Diktatorischen hat und seine Frau bei voller Fahrt mit der Videokamera Verkehrsrowdys filmen lässt: „Wir können alles beweisen“. Oder Ralf Richter als cholerischer Grubenmalocher Hermann Pacholke, der, noch von der Nachtschicht unter Tage geschwärzt, zu seiner leidgeprüften Frau Ilse (Hildegard Kuhlenberg) und Sohn Boris (Tim Paul) in den Audi 100 C2 springt, voll in die Eisen tritt („Ich bretter durch!“), weil er unbedingt noch die Fähre nach Korsika erreichen will - und fortan am Rande zum Amoklauf agieren wird, nicht allein, weil der Sohnemann zu schnell die „ganze Sonne ausgesoffen“ hat und dringend pinkeln muss.

Stocker wie Pacholke sind als Figuren in ihrer plakativen Überzeichnung bayerischer Dickschädeligkeit und gewöhnungsbedürftigen Ruhrpott-Charmes nicht sehr originell, dank der Idealbesetzung mit Fischer und Richter und ihrer teils kuriosen Sprüche aber tatsächlich witzig.
Mehr oder minder gelungene Charaktere nah am Klischee sind auch ein von Heinrich Giskes gespielter, schmieriger Porschefahrer, die, so kurz nach der Wende selbstverständlich noch etwas orientierungslos wirkende und selbstverständlich Trabant fahrende, Familie aus Ostdeutschland um den sensiblen Friseur Fritzie (Ulrich Anschütz), ein von Jan Fedder gespielter, norddeutscher Suffkopp oder die wichtigtuerischen Ordnungshüter „Commander“ (Achim Konejung) und „Mustang“ (Horst Schroth).

Wenn sich eine alberne Pointe anbietet, lässt sich der Film nicht lumpen. Manche Dialoge erinnern, nicht allein wegen ihres friesischen Idioms, an Brösels Werner, ein vollurinierter Bergarbeiterhelm wird natürlich nichtsahnend aufgesetzt. Und wenn einer, weil eine nicht ganz so will wie er, ausstößt: „Ich habe seit drei Tagen nicht geactet und das halten meine Drüsen nicht aus!“, wird dabei wüst grimassiert.

In solchen Momenten kommt Stelzers Film seine ironische Distanz vollends abhanden und er versucht auf die dumpfe Art, witzig zu sein. Manche Situationskomik, die sich etwa daraus ergibt, dass nach Einsetzen des Staus nach bestem deutschen Ordnungssinn allen eine Parzelle zugeordnet wird, ist da von höherer Qualität - wie auch der kleine Ausflug ins Absurde, der den schweißtreibenden Frondienst des Personals einer Raststättenküche zeigt.

Doch „Superstau“ ist immerhin nicht allein auf der Jagd nach der nächsten Pointe. Unter den Schicksalsgenossen auf der Autobahn spielen sich, von ein paar kleinen Eskalationen abgesehen, charmant Zwischenmenschliches und versöhnliche Gesten ab. Im Stau raufen sich Trabant- und Hymer-Besatzung, die scheinbar so gegensätzlichen Deutschen - Achtung, Symbolik! -, mehrheitlich ein wenig zusammen. Nach Auflösung der Blechkolonne zerfasert zwar wieder alles, doch der nächste Superstau kommt bestimmt...

Durch die zahlreichen Akteure und kleinen Nebenhandlungen, zwischen denen genauso hin und her gesprungen wird wie zwischen Hintergründigem und Klamauk, bleibt alles sehr episodenhaft. Vielleicht auch deshalb ist diese Komödie, die mit Gerhard Polts Urlauber-Satire „Man spricht deutsh“ doch ein wenig mehr gemeinsam hat als mit Vollproll-Entertainment vom Schlage „Autobahnraser“, so kurzweilig - und im Übrigen im Nu vorüber: Tatsächlich dauert der „Superstau“, der im Wesentlichen auf einem stillgelegten Autobahnstück südlich des einstigen Berliner Kontrollpunktes Dreilinden gedreht wurde, zumindest für den Zuschauer nur schlanke 77 Minuten.


Superstau – Deutschland 1991 - 77 Minuten - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Manfred Stelzer - Drehbuch: Gerd Weiß, Achim Konejung, Klaus Pohl, Horst Schroth. Manfred Stelzer - Produktion: Richard Claus - Musik: Piet Klocke - Kamera: Frans Bromet - Schnitt: Peter R. Adam - Besetzung: Ottfried Fischer, Monika Baumgartner, Ralf Richter, Hildegard Kuhlenberg, Petra Ehlert, Ulrich Anschütz, Achim Konejung, Otto Mellies, Christine Schorn, Horst Schroth, Heinrich Giskes, Jan Fedder, u.a.

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