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Mutationen haben es dem genialen Professor Nolter (Donald Pleasence) angetan. Seine These, mit der er Studenten im Rahmen eines Vortrages konfrontiert, ist verwegen: "You may think you are normal. But you are all the product of mutations. Your ancestors, our ancestors, were freaks who only survived because they were stronger than the other forms of lives around them." Wie die Natur diese Mutationen bewerkstelligt hat, spielt für den Professor keine Rolle; was zählt ist, daß man gewisse Mutationen gezielt auslösen kann, und damit experimentiert der irre Wissenschaftler auch schon seit geraumer Zeit. Die Kreuzung von Mensch und Pflanze soll die nächste Sprosse der Evolutionsleiter sein, doch kein bahnbrechender Fortschritt ohne gravierende Fehlschläge, und ebendiese müssen ihr unseliges Dasein im Hinterzimmer einer Freakshow fristen. Der Co-Manager der Show, Lynch (Tom "Doctor Who" Baker), gilt als häßlichster Mensch der Welt, doch da ihm Nolter Heilung in Aussicht stellt, kooperiert er mit dem Professor und besorgt ihm sogar passendes Versuchsmaterial. Als die "Freaks", allen voran Lynchs Partner Burns (der kurz nach Drehende verstorbene Michael Dunn, Dr. Frankenstein's Castle of Freaks), das schändliche Treiben durchschauen, schreiten sie energisch ein.

Jack Cardiffs The Freakmaker ist ein etwas zwiespältiges Vergnügen, und zwar aufgrund der sensationsheischenden Zurschaustellung echter mißgestalteter Menschen zum Zwecke der Unterhaltung. Mitten im Film marschieren sie auf, die Unglücklichen, vom Schicksal so grausam Gebeutelten, um vom zahlenden Publikum begafft zu werden. Bearded Lady, Monkey Woman, Frog Boy, Human Pincushion, Alligator Skin Girl, Human Skeleton, Pretzel Boy, Popeye… für jede Abnormität scheint es den passenden Namen zu geben, der das Leiden verniedlichend umschreibt. Nehmen wir den unglaublichen Popeye (Willie Ingram), bei dessen Anblick sich die Menschen entsetzt abwenden (und auch schon mal in Ohnmacht fallen), nur um Sekunden später wieder voller Faszination auf das schräge Spektakel zu starren. Popeye kann seine Augen ein gutes Stück aus den Höhlen treten lassen, sodaß man regelrecht Angst davor haben muß, daß sie ihm tatsächlich aus dem Kopf purzeln. Doch so schrecklich kann das Andersartige der "Freaks" gar nicht sein, daß man nicht zumindest einen Blick riskiert, schließlich hat man dafür bezahlt, da will man auch was geboten bekommen. Here we are now, entertain us. Exploitation pur.

Daß die "Freaks" auch in der fiktiven Filmhandlung eine Rolle spielen, und zwar eine sehr sympathische, tritt in den Hintergrund. Ebenso in den Hintergrund treten angesichts der echten "Freaks" die phantasievollen Make-Up-Kreationen von Charles E. Parker, die von trashig-bizarr bis schaurig-gut reichen. Das "Elefantenmensch"-Make-Up bei Schauspieler Tom Baker ist gelungen, wohingegen die fleischfressenden Pflanzen (die sich auch schon mal ein Karnickel einverleiben) und der Venus-Fliegenfalle-Mensch-Mutant manchmal für unfreiwillige Komik sorgen (das bizarre "Ding", das einst die rothaarige Schönheit (Olga Anthony) war, ist hingegen zu gleichen Teilen genial, abstoßend und mitleiderregend). Neben den Stars (= den "Freaks") und dem ruhig und besonnen aber völlig teilnahmslos agierenden Donald Pleasence spielen Brad "I've never called myself an actor" Harris (Captain Tom Rowland in den Kommissar X Filmen), die Norwegerin Julie Ege (The Legend of the 7 Golden Vampires), Scott Antony, und Jill Haworth (Tower of Evil). Gedreht wurde The Freakmaker großteils on location in London, und zwar für knapp vierhunderttausend US-Dollars.

Regisseur Jack Cardiff - ein großartiger Director of Photography, z. B. bei The African Queen oder Rambo: First Blood Part II - inszenierte den Streifen stimmungsvoll und routiniert, wobei ihm das eine oder andere tolle Set-Piece gelang, wie z. B. die nächtliche Verfolgungsjagd durch einen leeren, unheimlichen Vergnügungspark. Die zum Teil sensationellen Naturaufnahmen in Superzeitlupe bzw. Zeitraffer (Pilze schießen in wenigen Sekunden aus dem Boden, Blüten entfalten sich), die satten Technicolorfarben in einigen Szenen sowie der ungewöhnliche aber starke Score werten den Film trotz so mancher Plotlöcher weiter auf. Die Parallelen zu Tod Brownings Meisterwerk Freaks (1932) sind offensichtlich, allerdings werden dessen einzigartige Power und frösteln machende Effektivität zu keiner Zeit erreicht. Ungewöhnlich, faszinierend und beeindruckend ist The Freakmaker trotzdem, nicht zuletzt aufgrund der unvergeßlichen Mitwirkung von Hugh Baily, Esther Blackmon, Bob Bura, Fay Bura, Félix Duarte, Michael Dunn, Fran Fullenwider, Madge Garnett, Willie Ingram, Kathy Kitchen, Tony Mayne, O.T., Lesley Roose und Molly Tweedlie.

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