Ein verschlafener Hafenort in Norddeutschland zur Gründerzeit ist der Schauplatz für die Geschichte in Laurins Kindheit. Ihre Mutter starb bei einem Unfall, so heißt es, doch in Wirklichkeit war sie Augenzeugin eines Kindermordes. Ihr Vater fährt zur See und ist kaum zu Hause, die meiste Zeit verbringt sie bei ihrer kräuterrauchenden Großmutter. Bereits zu Beginn eröffnet uns Robert Sigl herrlich atmosphärische Momente, in wunderbaren Sets an Originalschauplätzen (in Ungarn) entwickelt sich ein Drama, das den vielzitierten schwarzen Mann durch die Idylle des kleinen Dorfes ziehen lässt, ohne diesen zu früh zu verraten. In kleinen Hinweisen wird der Kindermörder langsam enttarnt. Besonders das kleine Mädchen Laurin scheint ihm auf der Spur, getrieben von traumhaften Visionen, in denen sie die Zusammenhänge scheinbar erkennt. Diese sind wie in klassischen Horrorfilmen von Argento oder auch besseren Fulcis bunt ausgeleuchtet und mit dunklen Synthiesounds untermalt, ohne so extrem surreal wie die Werke der Italo-Meister zu wirken. Die meiste Zeit über erzählt die gute Kamera jedoch ein Kindheitstrauma als Thriller, der vor allem durch seine stimmige Atmosphäre der Jahrhundertwende glänzt. Sets, Kostüme und Gepflogenheiten wirken wie ein Zeitsprung, der für Fans von historisch adäquaten Filmen ein Augenschmaus ist. Die ungarischen Schauspieler können ebenfalls überzeugen, vor allem die Kinder sogar erstaunen. Ein kleiner Wermutstropfen sind vielleicht die nicht spezifisch norddeutsch wirkenden Darsteller, was allerdings zu verkraften ist. Dafür hat die Billigproduktion um den Filmhochschulabsolventen sehr viel aus dem geringen Budget gemacht, ein gelungener Score zwischen Kindermelodie aus der Spieluhr und sphärisch düsterem Sound dient der Untermalung. Doch nicht nur das Ambiente stimmt, diffizil und überlegt schildert das Drehbuch die Verquickungen der Dorfbewohner untereinander, um nach und nach die totgeschwiegene dunkle Seite einiger Bürger aufzudecken. Die sexuellen Irrungen und Wirrungen scheinen nur zu typisch für die Abgeschiedenheit des kleinen Hafenidylls, aus dem nur die Seeleute zeitweise entkommen. Schon früh in der Schulzeit ist die doppelbödige Moral präsent, wenn der Direktor seine Schützlinge für hoffnungslose Fälle hält, aber einen Seemann kurzum zum Schulmeister macht. Täter und Opfer sind nicht immer verschiedene Personen, sondern werden ohne S/W-Malerei in real nachvollziehbarer Weise geschildert. "Laurin" ist insgesamt ein überraschend guter Suspense-Thriller, der fernab vom "menschenverachtenden Schund der Metzgerfilme" (Zitat: Robert Sigl) funktioniert und mit seiner guten Kamera stimmungsvolle Unterhaltung für die langen Winterabende bietet.
Fazit: Gelungener, sehr atmosphärischer Thriller mit eindrucksvollem Schauspiel. 7/10 Punkten