Die neunjährige Laurin lebt 1901 mit ihrer Familie in einem abgelegenen Haus nahe der Küste. Als ihre Mutter eines Nachts unter mysteriösen Umständen stirbt, beginnen Laurin unheimliche Visionen zu verfolgen. Dann verschwindet einer ihrer Schulkameraden, und Laurin versucht, den düsteren Geheimnissen ihrer Umgebung auf die Spur zu kommen.
Laurin ist das Kinodebüt von Robert Sigl, der den Film größtenteils in Ungarn gedreht hat, was auch erklärt, warum das norddeutsche Dorf erstaunlich stark nach osteuropäischer Architektur aussieht. Er wurde überwiegend mit ungarischen Darstellenden besetzt. Für seine Arbeit erhielt Sigl 1989 den Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie. Stilistisch orientiert er sich stark am europäischen Autorenkino der 1980er Jahre, bei dem Atmosphäre oft wichtiger ist als Handlung. Und das zeigt sich hier extrem deutlich.
Die Geschichte bewegt sich in etwa mit der Geschwindigkeit eines müden Spaziergangs durch Nebel – und zwar bergauf. Über lange Strecken passiert schlicht nichts, zumindest nichts, was für die eigentliche Erzählung relevant wäre oder was man klassisch als Handlung mit einem erkennbaren roten Faden bezeichnen würde. Stattdessen reiht der Film ein paar wenige unheilvolle Andeutungen und vor allem belanglose Szenen aneinander. Das mag für Freunde kryptischer Arthouse-Erzählungen spannend sein; für alle anderen fühlt es sich eher an wie eine Geduldsprobe.
Erst im letzten Viertel erinnert sich der Film dann plötzlich daran, dass er eigentlich auch eine Geschichte erzählen wollte. Da kommt dann tatsächlich noch so etwas wie Spannung auf. Leider zu einem Zeitpunkt, an dem viele Zuschauende, die aufgrund der üblichen Inhaltsangaben eine Schauermär oder gar einen düsteren Krimi erwartet haben, bereits selig entschlummert sind oder schon überlegen, ob sie nicht doch lieber die Zimmerpflanzen gießen.
In gängigen Inhaltsangaben heißt es meist, dass immer wieder Jungen verschwinden und Laurin Visionen hat, die sie auf die Spur des schwarzen Mannes führen. Nun, bald zu Beginn verschwindet ein Junge, was auch zum Tod von Laurins Mutter führt. Nur der verschwundene Junge wird im weiteren Verlauf mit keiner Silbe mehr erwähnt. Auch bringt es wenig miträtseln zu wollen, denn der Täter ist mit seinem ersten Auftreten etwa zur Hälfte des Films ziemlich klar.
Die junge Hauptdarstellerin schlägt sich ordentlich und trägt den Film mit einer ernsten, konzentrierten Präsenz. Insgesamt bleiben die Figuren trotz soliden Spiels jedoch eher blass, weil sie selten echte Charaktere sein dürfen und meist eher als Teil der Atmosphäre wirken.
Hier liegt ganz klar die große Stärke des Films. Ausstattung, Kulissen und Sets sind schlicht großartig. Das Dorf, die Wälder und die alten Gebäude erzeugen gerade zu Beginn und gegen Ende eine wunderbar düstere, märchenhafte Atmosphäre, die aber leider im Mittelteil in allzu vielen Belanglosigkeiten verfliegt.
Auch handwerklich kann man dem Film wenig vorwerfen. Die Kamera und Bildkomposition sind hervorragend. Visuell ist der Film stilvoll und sorgfältig komponiert und zeigt, dass hier jemand mit viel Sinn für Bildgestaltung gearbeitet hat.
Ich kann mit Arthouse meistens wenig anfangen, und Laurin bestätigt diese persönliche Schwäche leider ziemlich zuverlässig. Der Film ist über weite Strecken quälend langsam, zäh und sperrig. Wenn sich im letzten Viertel endlich etwas Spannung entwickelt, fühlt sich das fast wie eine Belohnung fürs Durchhalten an.
Gleichzeitig muss man anerkennen: Atmosphäre, Sets und Ausstattung sind wirklich hervorragend. Rein optisch ist der Film ein kleines Kunstwerk. Inhaltlich dagegen eher eine Geduldsübung. Wer gerne kryptische, sehr langsam erzählte Arthouse-Filme mag, könnte hier glücklich werden. Alle anderen sollten vielleicht vorher einen starken Kaffee bereithalten – nur für den Fall, dass sie bis zum spannenden Teil durchhalten wollen.