Die großen Zweikämpfe wurden in Hollywood schon immer ausgetragen - in jeder erdenklichen Richtung. Rein thematisch ist dafür das Kräftemessen zwischen Michael Bays “Armageddon” und Mimi Leders “Deep Impact” in die Filmgeschichte eingegangen. Man wird hier fast an die “Itchy und Scratchy”-Episode erinnert, in der sich beide im gegenseitigen Wettrüsten derart riesige Waffen besorgen, dass sie sich um den kompletten Erdball winden. Und es ist in der Tat schon sehr comichaft, wie das Wettrüsten in Hollywood irgendwann kriegerische Ausmaße annahm. In Anbetracht der Thematik, nämlich globaler Effekte-Gigantismus, war das auch durchaus verzeihlich, denn es ging halt nur um “mehr” und um nichts anderes. Quantität endlich mal vor Qualität. Dass Michael Bay das Aufrüsten an der Kinokasse gewann, war keine große Überraschung, denn sein Konzept war kompromisslos auf Special Effects, Riesenbauten und viel Pathos aufgebaut; Mimi Leder musste sich in der Hinsicht Inkonsequenz vorwerfen lassen.
Auch die Aufeinandertreffen der deutschen Regisseure Roland Emmerich und Wolfgang Petersen waren stets vom gegenseitigen Übertrumpfen bestimmt. “Independence Day” gegen “Air Force One”, “Der Patriot” gegen “Der Sturm” und zuletzt “The Day After Tomorrow” gegen “Troja” - alles Filme, die nicht von poetischer Tiefsinnigkeit lebten, sondern von ausufernden Schlachten, globalen Wetterauswirkungen, gigantischen Kulissen.
Im derzeit stark expandierenden Zweig Computeranimation sieht die Sache ganz anders aus. Pixar veröffentlichte 2003 “Findet Nemo”, mit fast 900 Millionen Dollar weltweitem Einspiel der vorläufige Höhepunkt auf der Erfolgswelle der CGI-Pioniere. Ein Jahr später schlug Dreamworks (“Shrek”), bis dato neben Fox (“Ice Age”) einziger ernstzunehmender Konkurrent der Beinahe-Monopolisten von Pixar, ebenfalls mit einem Fisch-Abenteuer zurück: “Shark Tale”, unterstützt von massenweise Stars wie Robert De Niro, Angelina Jolie, Jack Black, Will Smith, Renée Zellweger und sogar Martin Scorsese. Aber so richtig sprach keiner von den Parallelen. Die Ähnlichkeiten wurden zwar durchaus registriert, aber von den Medien beileibe nicht so aufgebauscht, wie das bei den oben angesprochenen Filmen der Fall war.
Was ein Indiz für das Wesen des Animationsfilms ist. Denn Pixar hat die Messlatte gelegt, und die besteht nicht aus größeren Dimensionen, gigantischeren Ausmaßen oder einem höchstmöglichen Maß an Krach-Bumm. Nein, Pixar-Filme standen stets für Charaktertiefe, Zweispurigkeit (womit der Slogan “Für jung und alt” endlich mal an Wahrheit gewinnt) und liebevolle Animationen. Um dem Erfolgsgeheimnis folgen zu können, galt es auch bei der Konkurrenz, das Rezept nicht zu sehr zu verändern. Ein medial in den Mittelpunkt gerückter Zweikampf passt einfach nicht in die Bodenständigkeit des Genres, in ihre Beschränkung auf die Ausarbeitung einzigartiger Figuren und berührender Geschichten.
Und nun muss es einfach auch mal gesagt werden: Bei allen Bemühungen, alternativ und komplett anders zu erscheinen - und diese Bemühungen sieht man dem Endresultat durchaus auch an - kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass “Shark Tale” zumindest teilweise eine Reaktion auf “Findet Nemo” ist. Eigentlich sind der Schauplatz und die Machart des Films der Parallelen schon genug, aber wo immer sich Unterschiede zwischen beiden Filmen auftun, und derer gibt es viele, erscheinen diese Unterschiede wie ein Kontrast zum Pixar-Film. Die “Eigensignatur” dieses Dreamworks-Films ergibt sich aus dem Negativ von “Findet Nemo”.
Nun muss ich sagen, dass ich - steinigt mich ruhig - “Findet Nemo” so weit als schlechtesten Pixar-Film betrachte. Ich will nicht so weit gehen, zu behaupten, dass ein hohes Einspiel an den Kassen ein Indikator für fehlende Qualität ist, aber zumindest in diesem Fall ist da sicher entfernt was dran. “Mami, guck mal, ein süßer Clownfisch. Da will ich rein.” ist wohl nicht selten nur die erste Phase gewesen, und es folgten noch zwei oder drei weitere Kinobesuche. Der Hype tat sein Übriges, ebenso wie die nette Vorlage von “Die Monster AG”, der schon mal das Feld bereitete. Die Animationen waren zweifellos bis dato der Höhepunkt des Pixar-Schaffens, und noch fehlt mir in der Hinsicht ein gleichberechtigtes oder besseres Konkurrenzprodukt; tatsächlich entwickelt sich die Animationsqualität in Sachen Realismus seit “Madagascar” ja sogar wieder zurück, damit das Phantastische wieder im Vordergrund steht. Und letzten Endes war es nach einem knappen Jahrzehnt von CGI-Filmen (“Toy Story”=1995) sowieso an der Zeit für einen Boom. “Die Unglaublichen” kamen ja dann nur noch auf ein weltweites Einspiel von 600 Millionen US-Dollar.
Rein erzählerisch war “Findet Nemo” jedoch mit seinem Eigenverantwortungs- und “Große-weite-Welt”-Konzept der simpelste und oberflächlichste aller Pixar-Filme, worunter vor allem die wertvolle Zweispurigkeit zu leiden hatte. Und wenn nun “Große Haie, kleine Fische” irgendwo angreifen kann, dann hier. Und das tut er auch.
Zunächst einmal springt aber der vollkommen anders geartete Animationsstil ins Auge. Mit Realismus ist hier nicht viel. Die “Riffs” sind ein einziges buntes Lichtermeer mit deutlicher Orientierung an belebten Großstädten und deren einzelnen Vierteln. Einkaufspassagen, Wohnorte, Slums, Arbeitsplätze, alles dekoriert mit gewöhnlichen Gegenständen wie Ampeln, Stühle, Häuser... und das alles, ohne es zweckmäßig mit tatsächlich unter dem Meer vorkommenden Gewächsen zu verbinden. Wo Nemo mit seinen Eltern als Clownfisch ganz wie in der realen Natur in einer Seeanemone lebt, hat unser Held Oscar seine eigene Wohnung mit kompletter Inneneinrichtung, und der große Don geht in einem vornehmen italienischen Restaurant essen.
Hier kann man in der Tat ein wenig Inkonsequenz unterstellen, denn andererseits sind es Wale, die durch die Waschanlage geschleust werden, keine Autos, und es sind die Fische selbst, die wie Autos durch den Verkehr wimmeln. Man hat das Gefühl, dass man irgendwie doch versuchte, die Unterwasserwelt mit der Zweckmäßigkeit unseres Lebens zu verbinden, um immer dann, wenn man sich sonst nicht helfen konnte, einfach einen Gegenstand aus den uns bekannten Städten eingefügt hat.
Auch die Protagonisten selbst sind auf den ersten Blick eine undefinierbare Mischung aus dem Design tatsächlich vorkommender Fischarten und Vermenschlichung. Die Gesichter sind abgesehen von den fehlenden Nasen deutlich menschenähnlicher als die von Nemo und Marlin. Das Endresultat ist sehr gewöhnungsbedürftig, zumal die auffallende Zeichnung der Fische sich in die sowieso knallbunte Umgebung einfügt, so dass man in einigen Szenen das Gefühl hat, einem Dauerfeuerwerk zuzusehen.
Glücklicherweise ist die Auswahl der Handlungsorte sehr variabel, so dass wir auch ab und zu in den Genuss dezenter Umgebungen kommen. Dazu gehören jegliche Szenen außerhalb der Riffs sowie die Szenen in Oscars Unterschlupf. Und das hat nicht nur optisch einen angenehmen Effekt; im Allgemeinbild wirkt “Große Haie, kleine Fische” durch die vielen düsteren Abschnitte plötzlich “erwachsen”... “erwachsener” als sein großer Bruder von Pixar. Na, wenn das mal nicht kurios ist...
Dreamworks begnügte sich nicht damit, dem Zuschauer bloß eine simple Moral aufzutischen. Es sollte gleich eine ganze Palette sein, und die wurde dann wirklich auch interdisziplinär miteinander verbunden. Da hätten wir die Kritik an der Oberflächlichkeit, die Bedeutung wahrer Liebe und Freundschaft, Ausgrenzung sozialer Minderheiten, die Beziehung zwischen Vater und Sohn, das Ausleben eigener Träume, das Ankämpfen gegen die allgemeingültige Meinung der Masse, Individualismus, Selbstfindung, Glamour, Karriere und mehr. In ein, zwei Szenen begab man sich zur Darstellung dieser Sachverhalte zu sehr in die Offensichtlichkeit und setzte auf die emotionale Schiene, ansonsten aber wird die moralische Pointe wunderbar dezent eingesetzt.
Davon abgesehen ist der Film in Sachen Plot und Witz ein Entdeckerfest für Filmfreunde, denn Zitat um Zitat drängt sich hier in den knapp 90 Minuten aneinander. Daran haben ganz entschieden die prominenten Sprecher ihren Anteil, deren CGI-Pendants ihnen bzw. Ihren Filmrollen wie angepasst sind. Der Eigenparodie des Robert De Niro auf seine ewigen Mafia-Italo-Rollen wird man irgendwie nie überdrüssig; Renée “Bridget Jones” Zellweger spielt die identifikationswürdige blütenlose Rose; Will Smith den schlagfertigen und großmäuligen Actionhelden; und Angelina Jolie, die derzeit in Sachen gescheiterte Ehe zwischen Brad Pitt und Jennifer Aniston als dritte Kraft Schlagzeilen macht, spielt die zwielichtige Verführerin.
In Sachen Plot wirken die Filmzitate, sofern sie es hier sind, allerdings eher wie bloße Kopie. Die Tatsache, dass sich Oscar mit dem Vegetarier-Hai verbündet, um sich dem Volk als Hai-Killer zu verkaufen, wird zu wenig betont und ironisiert, als dass man dies als absichtliche Parodie auf “Dragonheart” oder gar auf “Zwei glorreiche Halunken” betrachten könnte.
Der Humor richtet sich erfreulicherweise bevorzugt ans erwachsene Publikum, ohne dass der Spaß der Kinder darunter zu leiden hätte. Als Beispiel sei die (insgesamt eher weniger besondere) Szene erwähnt, als Oscar sagt “Dort will ich hinaufsteigen”, seine Freundin fragend auf eine alte Frau in einem Apartment deutet und Oscar dann korrigiert, dass er den Horizont meint. Kinder lachen hier bei dem Gedanken, wie Oscar auf der alten Frau herumturnt, Erwachsene wissen, wie es in Wirklichkeit gemeint ist. Derartiges tritt immer wieder in Erscheinung, ganz wie in den besten Tagen von Pixar, nur leider eben nicht wie in “Findet Nemo”, wo der Humor ganz einfach zu wenig auf Erwachsene ausgerichtet war. In der Hinsicht kommt “Große Haie, kleine Fische" nun zwar nicht an Highlights wie “Die Unglaublichen” heran, aber eben doch locker über den direkten Konkurrenten hinaus. Worauf es also ankommt, da sehe ich das Dreamworks-Projekt eine Nasenlänge voraus.
Die Charakterausarbeitung als solche hätte dagegen noch etwas Feinschliff vertragen können. Oscar ist nicht ganz die Identifikationsfigur, die man sich in der Hauptrolle wünschen würde. Das gilt gerade für die deutsche Version, denn Will Smith vermag es im Original schon, die ganze Pose des “Hai-Killers” glaubwürdiger darzustellen als die deutsche Stimme Daniel Fehlow. Identifikationswürdiger ist da schon die Figur Angie, mit Abstrichen auch unser Vegetarier-Hai, der aber etwas weinerlich daherkommt (da haben mir dann die Zwangsvegetarier aus “Findet Nemo” doch einen Tick besser gefallen, wenngleich die Haie hier eher als witzige Nebenfiguren auftauchen).
Insgesamt störend ist die penetrante Anbiederung an den Hip Hop-Kult, der doch mitunter etwas übertrieben wird. In dem beschränkten musikalischen Horizont dieses Films wird die Richtung Hip Hop / R’n’B/Reggae fast schon als Religion gefeiert und die Existenz anderer Musikrichtungen geradezu totgeschwiegen. Für Fans sicher interessant, für mich aber das Tüpfelchen auf dem i waren dann die Gastauftritte von Missy Elliott und Christina Aguilera. Aber es wirkt: die drei Fischkinder werkeln schon fleißig an ihren Tags. Aber damit wird ja auch die Wirtschaft angekurbelt, denn unser Oscar arbeitet ja in einer Waschanlage... insofern ist doch alles im Gleichgewicht.
Rückblickend ist es so: “Große Haie, kleine Fische” fehlt trotz aller Abweichungen einfach die Unabhängigkeit von Pixar. Jegliche Abnabelung vom großen Bruder ist nichts als eine Reaktion auf diesen. Ausgerechnet im Falle der Meeresabenteuer hat sich das aber aus rein qualitativer Sicht heraus als Glücksgriff erwiesen: Wo die Animationen und das Charakterdesign noch deutlich zurückstecken, kann Dreamworks die Nachteile in Sachen Story, Humor und vor allem Zweispurigkeit ausgleichen. “Große Haie, kleine Fische” ist das erwachsenere der beiden Projekte, was ihn zum insgesamt etwas besseren Film macht. Dass das an der Kinokasse aber keine Aussagekraft besitzt, musste das Studio trotz des prominenten Starappeals in den Sprecherrollen in Kauf nehmen.
Ich sage mal: minimal besser als “Findet Nemo”.