Wer sich den Film „the Forgotten“ des Thriller-Spezialisten Joseph Ruben (“Stepfather“/“Sleeping with the Enemy“) ansieht, sollte dieses mit der richtigen (oder wenigstens einer offenen) Erwartungshaltung angehen – schließlich führen einige kritische Stimmen die Tatsache, dass sich der Film nicht tiefgehend mit den Themen „Psychosen“ und „Gedächtnis-Wahrnehmung“ befasst, als gewichtigen negativen Kritikpunkt an, obwohl der Film schon vom Verleih aus nicht als medizinisches Drama, sondern als Thriller mit Mystery-Anteil beworben wurde.
Warum sich darüber aufregen, dass die Story eine übernatürliche Richtung einschlägt, wenn schon der Trailer Sci-Fi- und/oder Horrorelemente preisgibt? Jene Effekt-Szene in der Vorschau war es doch gerade, welche die Neugier weckte…
Sorry, aber dieses Argument kann man einfach nicht gelten lassen – das wäre so, als würde man sich „the 6th Sense“ ansehen und sich dann darüber beschweren, dass Geister darin vorkommen (im Sinne von: „Ich dachte, es wäre ein Psychodrama um einen jungen Außenseiter und die Beziehung zu seinem Psychiater…“).
Im Falle von „the Forgotten“ ist es ja nicht einmal ein überraschendes Ende, das plötzlich auf ein anderes Genre übergreift, schließlich deutet der Verlauf bereits in der ersten Hälfte in jene Richtung – man muss nur die Zeichen zu erkennen vermögen…
Vor 14 Monaten haben Telly Paretta (Julianne Moore – „Hannibal“) und ihr Ehemann Jim (Anthony Edwards – „Top Gun“) ihren Sohn Sam (Christopher Koraleski) durch einen Flugzeugabsturz verloren. Während sich Jim scheinbar mit der Tatsache abgefunden hat und das Leben so gut es nur geht weiterlaufen lässt, kommt Telly über den Verlust einfach nicht hinweg, weshalb sie auch den Psychiater Jack Munce (Gary Sinise – „Impostor“) aufsucht.
Eines Tages glaubt sie, ihr Mann hätte alle Erinnerungsstücke an Sam verschwinden lassen – als sie ihn mit der Trennung aus jenem Grund konfrontiert, behauptet Jim jedoch, sie hätte nie einen Sohn gehabt, sondern stattdessen damals eine Fehlgeburt erlitten. Was Telly für unfassbar erachtet, bestätigen ihr kurz darauf sowohl Dr.Munce als auch eine gute Freundin. Trotzdem vermag sie nicht an eine Psychose zu glauben, da sie die Erinnerungen an Sam noch deutlich spüren kann, und so macht sie sich auf die Suche nach Beweisen für ihre Version der Dinge.
Im Rahmen ihrer Nachforschungen trifft sie auf den alkoholkranken Ash Correll (Dominic West – „Chicago“), deren Tochter mit in jenem Flugzeug saß, welches damals angeblich abgestürzt ist, doch auch er behauptet, nie ein Kind gehabt zu haben. Per Zufall entdeckt Telly in seiner Wohnung jedoch Zeichnungen seiner Tochter, worauf auch seine Erinnerungen bruchstückhaft zurückkehren.
Gemeinsam wollen sie der Sache auf den Grund gehen, doch plötzlich kann sich Jim nicht mehr an seine Frau erinnern, sie und Ash werden von der „NSA“ sowie der örtlichen Polizei verfolgt, und ein unbekannter Mann, der irgendwie in Verbindung zu den Ereignissen von damals steht, scheint ihnen ebenfalls auf den Versen zu sein. Als es ihnen schließlich gelingt, einen ihrer Verfolger zu überwältigen und einer Befragung auszusetzen, wird dieser plötzlich von einer unheimlichen Macht mitsamt des Daches in den Himmel gerissen…
Was in der ersten Filmhälfte als psychologisches Drama beginnt, entwickelt sich schon sehr bald zu einem übernatürlichen Thriller im Stile der „X-Files“ oder „Twilight Zone“.
Regisseur Ruben kann sich dabei auf sein hervorragendes Darstellerensemble verlassen – allen voran auf Julianne Moore, die Telly überzeugend mit einer Kombination aus Entschlossenheit und Verletzbarkeit darstellt. Ihre Leistung trägt den Film, denn sie verkörpert das zentrale Handlungselement, nämlich der emotionalen Verbindung zwischen Mutter und Kind, um deren Erforschung es hier geht.
Die Grundidee ist gut ausgearbeitet, und die Umsetzung passt sich dieser reibungslos an: Alle Sequenzen sind in kalte, dunkle Farben getaucht, bis auf das Ende und die Erinnerungen in Form von Rückblenden, welche in warmen Tönen gehalten wurden. Außerdem tragen die Hauptdarsteller mit Ausnahmen jener Szenen ausschließlich schwarze oder dunkle Kleidung. Die Inszenierung, mit all ihren Verfolgungsjagden, ist zwar nicht ausnahmslos straff, doch Längen werden gekonnt vermieden.
Die Grundidee hätte einer „Akte X“-Folge entspringen können – geheimnisvolle Experimente mit ahnungslosen Menschen, ominöse Regierungsbehörden, die hinter den „Wahrheitssuchenden“ her sind, Menschen, die mit der geheimnisvollen Macht kooperieren, um „Schadensbegrenzung“ zu betreiben…
Der Film bietet dem Zuschauer etliche offenkundige Hinweise auf des Rätsels Lösung (wie das Aufblitzen in den Wolken), aber auch einige verborgene (der Präsident der Fluglinie „QuestAir“ heißt beispielsweise „Sheemer“, ausgesprochen wie das französische Wort „chimere“ = Geist). Die Schockeffekte sind clever und wirksam platziert (wie das Rammen von Ashs Wagen), und wenn schließlich die übernatürlichen Elemente in Form von Special Effects hereinbrechen, sind diese effizient und effektiv eingesetzt worden – untermalt von guten Sound-Effects entfaltet ihr plötzliches Auftreten eine dynamische Wucht.
Gerade weil der Film nie zu einem F/X-Fest ausufert, sondern sehr sparsam mit jenen Szenen umgeht, ist deren Wirkung umso stärker. Als Telly schließlich am Ende ihrem Gegenspieler gegenüber steht und die Scheiben um sie herum zerplatzen, erzeugt der Film zudem eine Gänsehaut, wie man sie schon seit einiger Zeit nicht mehr vermittelt bekam.
Mir persönlich hat die Auflösung gefallen, denn anfangs hatte ich schon die Befürchtung, es würde wieder auf eine (in letzter Zeit leider typisch gewordenen) Geistergeschichte a la „the Others“ hinauslaufen (was man angesichts des Titels und deutschen Posters zu Beginn hätte vermuten können).
An einer Stelle unterbricht Ash Tellys Theorie mit der Aussage: „Wir befinden uns hier doch nicht in einem dieser B-Filme“. Zum Glück stimmt das, denn die guten Darsteller sowie Regisseur Rubens seriöse Inszenierungsweise verhindern ein Abdriften in jene Gefilden.
Das positiv anmutende Ende ist dann auch nur auf den ersten Blick kitschig geraten, da man im Hinterkopf behalten muss, dass das Experiment weitergeht – nur jetzt ohne Tellys Mitwirkung, da sie, im Gegensatz zu den vielen anderen Probanden, ihren „Aufseher“ überlisten konnte…
Fazit: „the Forgotten“ ist ein gut gespielter übernatürlicher Thriller im Stile der „X-Files“, spannend inszeniert und mit gut platzierten Überraschungs- und Effektsequenzen … 7 von 10.