Review

Viele Filme geben vor, mutig zu sein. Sie gaukeln dem Zuschauer aufgrund brisanten Inhalts "basierend auf einer wahren Geschichte" Relevanz vor, leisten dann aber meist kaum mehr als einen weiteren, klischeebeladenen Beitrag zum allgemeinen Blabla.

Nicht so DAS MEER IN MIR. Hier wird man keine der gestelzten Vorstellungen finden, die in Filmen über das Leben und den Tod allgemein vorherrschen. Leben und Tod, untrennbar verbunden, von diesem Film auf eine Ebene gehoben, nicht wie so oft abgegrenzt, der Tod schrecklich und schön, das Leben schön und schrecklich. Statt von etwas zu erzählen, verkörpert der Film förmlich sein Thema, er predigt es nicht, er fühlt es.

Ausgangspunkt dieser filmischen Odyssee durch das Sein an sich ist der Wunsch eines einzelnen Mannes, Ramón Sampedro. Sein Wunsch: Zu sterben. Ein Badeunfall vor 28 Jahren lähmte den Seemann aus Galizien vom Hals an abwärts, seither ist er bettlägerig und auf die Pflege seiner nächsten Verwandten angewiesen.
Auf dem Bauernhof seines älteren Bruders und dessen Frau trotz aufopfernder Pflege vor sich hinvegetierend, hat Ramón den Entschluss gefasst, seinem in seinen Augen unwürdigen Leben ein Ende zu setzen. Nur ist er dafür auf fremde Hilfe angewiesen. Hilfe, die ihm weder vom Staat noch von der Kirche gewährt werden wird. Doch Ramón will nicht aufgeben. Gemeinsam mit der Anwältin Julia kämpft er gegen die spanische Justiz um sein individuelles Recht, um seine Mündigkeit, um seinen Tod.

Verständnis und Unverständnis, Liebe und Leid, Leben und Tod: Alejandro Amenábar greift in seinem Film niemals in die Klischeekiste, um uns mit den fundamentalsten Themen überhaupt zu konfrontieren. Nie spielt sein Film sich moralisch auf, bevorteilt einen Blickwinkel, manipuliert seine Zuschauer. Nein, jede Partei legt sich und ihre Denkweise schonungslos bloß, jeder ist mit der Frage nach dem Wie und Warum allein. Eine extrem reife Leistung eines Regisseurs, der seinen Zuschauern nichts vormacht.

Das mag jetzt so klingen, als sei dieser Film ein endlos deprimierendes Kammerspiel, doch gerade dies ist nicht der Fall. Wie Ramón in seinen Träumen erhebt sich der Film in die Lüfte, erzählt beschwingt und gelegentlich humorvoll von einem Thema, das ihn nach gängiger Meinung eigentlich erdücken müsste. Die liebevolle Pflege durch Ramóns Familie, sein zynischer Humor und sein Todeswunsch, die regelmäßigen Besuche seiner Freundin Rosa und die Moralpredigt eines Kirchenmannes; der Zuschauer nimmt teil am Leben Ramóns, und wird doch immer wieder in Momenten größter Traurigkeit von traumhaften Bildern umschmeichelt, die auf eine Art, wie sie nur das Kino beherrscht, deutlich machen, wie dicht Leben und Tod beieinander liegen. Die gewichtigsten Themen, federleicht erzählt, Kino pur, das doch sehr real erscheint: Kann man etwas Besseres über einen Film sagen?

Gleiches gilt für die Schauspieler: Alle spielen herausragend, dennoch nie anbiedernd und selbstgefällig. Sie verkörpern ihre Rollen auf scheinbar selbstverständliche Weise, und erschaffen so echte Menschen auf der Leinwand, die mit übermenschlichen Problemen konfrontiert werden. Und was für alle gilt, muss für Javier Bardem noch einmal gesondert erwähnt werden. Seine Leistung ist schlichtweg atemberaubend. Eines fundamentalen dramatischen Hilfsmittels beraubt, nämlich der Körpersprache, liefert er hier dennoch eine der bewegendsten schauspielerischen Leistungen ab, die ich je gesehen habe.

Glückwunsch auch an Amenábar, sich eines Themas anzunehmen, das andere nicht mit der Kneifzange anfassen würden, und es darüberhinaus auch in großes Kino zu verwandeln. Alle Auszeichnungen für diesen Film sind gerechtfertigt. Und letzten Endes bedeutungslos. Denn hier geht es um Größeres. Wichtigeres. Und ein Meer an Tränen.

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