Das Meer in mir
Ein Sprung ins Meer. Hohe Klippe, flaches Wasser: harter Aufprall: Genickbruch. Rettung in letzter Sekunde. Zurück bleibt eine Querschnittslähmung halsabwärts.
Eine Rettung, retrospektiv noch schlimmer empfunden, als die Verletzung selber.
Das ist die Situation des Protagonisten in diesem beherzten Drama, das die narrative Ruhe des sonor rauschenden Meeres aufweist, doch gleichzeitig ein Thema eruiert, das hohe Wellen schlägt.
Was erwartet uns? Kurz gesagt ein Psychogramm, keine isolierte Charakterstudie, sondern zumeist eine Betrachtung unseres Protagonisten in Interaktion mit seinen Mitmenschen.
Im Dialog mit eben jenen lernen wir ihn als willensstarken, dezidierten, redegewandten Rhetoriker kennen. Er durchschaut andere, konfrontiert sie mit ihren Schwächen, ist sich aber wohl seiner Bedürftigkeit gegenüber ihnen bewusst. Nicht nur deswegen schwingt in seiner direkten, entlarvenden Art auch immer Wohlwollen mit - auch seine Aufgeschlossenheit, erhebt ihn für Freunde und Verwandte zu einer wichtigen Anlaufstation für eigene Probleme.
Doch wie ist seine Beziehung zu sich selbst und vor allem zu seinem fast völlig funktionslosen Körper? Abgeschlossen – denn er hat nichts mehr davon zu erwarten. Ein Leben ohne Bewegung ist näher am Tode denn am Leben selbst. Um die letzte Grenze hin zur eigenen Katharsis zu überschreiten sucht er den Freitod. Dazu bedarf es eines Helfers.
Was nun folgt ist ein Melodram im klassischen Sinne, viel Herzschmerz, eine Familie die zu bekehren versucht, die Auseinandersetzung mit dem Staat zwecks Genehmigung. Schließlich setzt sich sogar die Kirche als „Hüterin des Lebens“ in einem moralinsaurem Appell gegen den geplanten Suizid ein.
Zugegeben: Die ein oder andere Träne kann tatsächlich kullern; in emotionaler Hinsicht ist der Film gewaltig und bewegt sich - vor allem durch die interessante Figuration des Protagonisten – recht bedacht über kitschige Untiefen hinweg.
Amenabar fängt zudem wuchtig-schöne Bilder von traumhafter Freiheit (in doppeltem Sinn) ein, ohne dafür larmoyante Worte zu verschwenden: Das Gleiten über die spanische Landschaft, evoziert Freude und Traurigkeit zugleich.
Doch der Regisseur politisiert nicht; das Einzelschicksal dominiert über die generelle Brisanz der Euthanasie. Was hätte dieses Thema nicht entfaltet werden können, ein kritischer Diskurs zwischen der indifferenten Stringenz der Gesetze und den subjektiven Realitäten unheilbar Kranker angetrieben und eine Definition der Menschenwürde reflektiert werden können.
Doch hier setzt der Film nicht an, versinkt im begrenzten Raum, die dem Politikum beigemessen wurde, verheizt kritisches Potential durch Theatralik.
Dem Film ist die Konzession an das breite Publikum deutlich anzumerken und Politik polarisiert bekanntlich.