Seit einem Unfall vor 26 Jahren ist Ramón (Javier Bardem) vom Hals an abwärts gelähmt. Seine Familie kümmert sich liebevoll um ihn, dennoch hat er nur noch einen Wunsch: Er möchte in Würde sterben, um sich und seine Angehörigen von seinem Leid zu erlösen. Doch das spanische Gesetz verbietet aktive Sterbehilfe. Mithilfe einer Anwältin nimmt er den Kampf gegen die Institutionen auf, um sein Recht auf selbstbestimmtes Leben und Sterben einzufordern.
Ein auch heute noch emotional derart aufgeladenes Thema wie die Sterbehilfe bedarf einer großen Portion Sensibilität und Fingerspitzengefühl. Glücklicherweise bringt Regisseur Alejandro Amenábar viel davon mit, sodass sein Film "Das Meer in mir" ein tief berührender, ebenso intelligenter wie emotionaler Beitrag zu dieser schwierigen Debatte wird.
Sehr direkt nähert sich der Film seinem Thema: Schon nach wenigen Minuten wird die Frage offen gestellt, warum Ramón sterben wolle. Danach folgen einige Diskussionen über das Für und Wider und die Beweggründe, die ihn im Gegensatz zu anderen Menschen gleichen Schicksals an seiner Situation verzweifeln lassen. Dabei gelingt Amenábar eine grandiose Gratwanderung: Einerseits respektiert er seine Hauptfigur und ihren Todeswunsch bedingungslos und stellt sich auf ihre Seite; andererseits feiert er die Schönheit des Lebens und macht den Wert all dessen deutlich, was gesunde Menschen für selbstverständlich halten.
Dabei schließen sich die Schönheit des Lebens und der Wunsch zu sterben keinesfalls aus. Im Gegenteil: Gerade indem er aufzeigt, wie großartig das Leben sein kann und wie viel Freude man an der bloßen Existenz haben kann, verdeutlicht er, wie schwer der Verlust all dieser Dinge sein muss. Mittels traumwandlerischer Fantasiesequenzen, in denen die Kamera aus der Perspektive Ramóns über ausgedehnte Felder und wundervolle Landschaften hinweg fliegt, um am Ende immer wieder am Meer zu landen, verbildlicht der Film die nie zu stillende Sehnsucht Ramóns nach all den Geschenken des Lebens. Im Meer baden, durch unberührte Landschaften spazieren, eine Frau küssen - all diese Dinge sieht er schmerzhaft vor Augen, ohne sie je wieder berühren zu können.
Von Anfang an wird dabei klar gemacht, dass es nicht um eine kategorische Entscheidung à la "Ein behindertes Leben ist wertlos" gehen soll, sondern dass die ganze Thematik einzig und allein in der individuellen Entscheidung des Hauptprotagonisten liegt. Javier Bardem spielt seine Rolle mit ungeheurer Leidenschaft und Natürlichkeit - auch wenn er die meiste Zeit nur bewegungslos da liegt, füllt er die Leinwand mit seiner puren Präsenz und seinem Charisma. Seine sympathische und kluge Art lässt ihn den Zuschauer ganz tief ins Herz schließen - und gerade dadurch auf seine Seite ziehen. Denn unter der Oberfläche dieses stets witzigen Mannes spürt man immer wieder die tiefschwarze Verzweiflung.
Dank starker, ebenso kluger wie einfühlsamer Dialoge werden die Argumente für und wider Sterbehilfe auf hohem Niveau dargelegt. Dabei wird eines klar: Die Würde des Menschen steht höher als der Wert des Lebens an sich. Und wenn ein einzelner Mensch aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr leben will, ist es unwürdig, ihn dazu zu zwingen.
Das emotionale Spiel der Darsteller, die auch komplexe Gefühle wunderbar zu vermitteln verstehen, und die ruhige, gelassene Inszenierung machen "Das Meer in mir" zu einem mitreißenden, tief aufwühlenden Werk, das noch lange nachwirkt und definitiv zu Diskussionen anregt. Sogar leiser, mitunter satirischer Humor wird immer wieder eingestreut. Untermalt wird das alles von einem wunderschönen Soundtrack, der wiederum den Grundgedanken des Films verdeutlicht: Das Leben ist schön. Und dieser Schönheit kann nur ein selbstbestimmter Tod halbwegs würdig sein.