Review

HOWL’s MOVING CASTLE, der aktuelle Film von Anime-Papst Hayao Miyazaki, bewegt. Er zerreißt mit einem dunklen Drang. Der Regisseur selbst, so scheint es, gab sich auf in diesem Sturm von Bildern; diesen dunklen, fabelhaft animierten Impressionen der Zerstörung. Feuer zwischen Himmel und Erde und auch noch jede Menge Raum für drohende Metaphern, aber kein Weg mehr, auf dem HOWL’s MOVING CASTLE sofort und sicher zugänglich wird. Doch wahrscheinlich kommt die Frage, was das nun alles soll, der Antwort bereits erheblich nahe.


Das Chaos nährt sich selbst
HOWL’s MOVING CASTLE von Hayao Miyazaki


Für HOWL’s MOVING CASTLE ist der Krieg das alle anderen Handlungsstränge überschattende Übel, die apokalyptische Klammer, in der alle zuvor entfachten Konflikte als nichtiges Geplänkel völlig marginal werden. Hierin ist das Mädchen Sophie, das in schönen Momenten mit einem jungen Magier über die Dächer ihrer Heimatstadt fliegt. Hier ist eine fette, alte Hexe, die mit ihren dunklen Häschern die Stadt ausspioniert und Sophie am Abend ihre Jugend stiehlt. Hier ist auch die alte Sophie, die aus ihrer vertrauten Umgebung flieht, weil diese Umgebung sie nicht länger als Sophie akzeptieren wird. Und hierin ist die Wandernde Burg des berüchtigten Howl, in dem Sophie ihren Schwarm wiedererkennt, ohne dass sie, hunzelig und schrumplig, ihm ihre Geschichte zu offenbaren wagt.
In Howl’s Castle, stiftet Sophie fortan Chaos, weil sie Ordnung schaffen will, und lernt, sich mit den skurrilen Bewohnern der Burg zu arrangieren. Sie lebt mit einer hüpfenden Vogelscheuche, einem dreikäsehohe Bengel und dem Feuerteufel, einer halbwegs pazifizierten Höllengeburt, die das Herz und der Motor der Burg ist. Im Bauche dieser Burg werden Wege zurückgelegt, auf denen Sophie an sich selbst wachsen muss, und merklich ihre Jahre zurückgewinnt. Ein retrovertiertes Coming of Age, das sie schließlich verstehen lässt, aus welch niederem Motiv sie um ihre Jugend beraubt wurde: es war nur Eifersucht. Nach dieser Erkenntnis ist die fette Hexe, die böse Antagonistin, lediglich noch ein Häufchen Elend, zahnlos alt geschrumpelt, und Sophie nimmt sich der senilen Greisin gar noch an. Die Zuneigung Howls indes hat Sophie noch lange nicht gewonnen. Zu verstrickt, zu merklich verändert, ist Howl durch das Chaos eines Krieges, das diese Plotlinie umfängt und zunehmend bedrängt. Es ist ein Krieg, den Howls Meisterin, die Hexenkönigin Sarina, ohne einen nachvollziehbaren Grund über der ganzen Welt entfacht. Lange hat er versucht, den dunklen Ränken dieser mütterlich sympathisch gezeichneten Person, in seiner Wandernden Burg zu entkommen. Rastlos und Vergebens. Verzweifelt kämpft er nun an, gegen ihren mächtigen Call to Arms und niemals wird es offensichtlich, ob er längst ihr Werkzeug oder ihr erbittertster Feind ist. In dem Chaos ist das einerlei.


Die Welt ist dunkler geworden, dunkler noch als in der Ära, die sich in dem Aufruhr reflektierte, der das Götterreich in „Spirited Away“ ergriffen hatte. Infernalischer sind die Szenarien, durch die HOWL’s MOVING CASTLE auf seinen langen, spindeldürren Beinen stakst, Szenarien, vor denen Howl, der Hausherr, entfliehen möchte, bis ans Ende der Welt. Dort, am Weltenende, wo nach den drohend heraufbeschworenen Apokalypsen ökologischen Schindluders in Hayao Miyazakis Meisterwerken „Pom Poko“, „Nauticae“ und ganz besonders natürlich „Princess Mononoke“ noch auf eine Aussöhnung zwischen Fortschritt und Natürlichkeit plädiert wurde, mahlt der Krieg im Finale des aktuellen HOWL’s MOVING CASTLE alle Hoffnung so tief in die schwarz verbrannte Erde, das darüber schlussendlich nur noch die Illusion eines guten Endes flimmert. Dünn wie eine Fata Morgana. Falsch wie ein Traum, aus dem man irgendwann erwachen muss. Hinein in eine Wirklichkeit ... in der nichts mehr steht. Dieser Krieg, der den Protagonisten in ein Monster verwandelt, so sehr er sich auch gegen diese dunkle Seite stemmt, hat bei Hayao Miyazaki kein nachvollziehbares Motiv. Das ist etwas, das man, mutterseelenallein gelassen vom Gott-Narrtor, HOWL’s MOVING CASTLE vorschnell ankreiden möchte. Jedoch entspricht nicht der moderne Krieg just diesem hier entfesselten Inferno? Er ist ja ein sich in perpetuum an sich selbst nährendes Chaos, das sich mit sich selbst rechtfertigt, ohne Anfang, ohne Ende und ohne einen durch gesunden Menschenverstand nachvollziehbaren oder herbei lamentierbaren Grund. So ist der Aufruhr der Geschichte und der Dramaturgie in diesem visuellen Mahlstrom nur gleichsam Konsequenz und Mittel eines der eindringlichsten Plädoyers des Hayao Miyazaki, dem selbst die fantastischsten Filmstoffe immer schon mehr waren, als gefällige Ausflüchte aus der Realität.

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