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William Shakespeares Stücke scheinen zeitlos zu sein. Der englische Meister des Sonetts erfreut sich auch im neuen Jahrtausend ungebrochen starker Beliebtheit. Sein Werk „Hamlet" erfuhr 2000 mit Ethan Hawke eine weitere Verfilmung und Othello wurde unter dem Titel „O" 2001 modernisiert auf die Leinwand gebracht. Der indischstämmige Regisseur Michael Radford („1984") ließ es sich nicht nehmen, die dritte Verfilmung vom „Kaufmann von Venedig" abzuliefern, die sich eng an die literarische Vorlage hält.

Venedig im ausgehenden 16. Jahrhundert: Die jüdische Bevölkerung Venedigs ist gezwungen, in abgeschlossenen Stadtteilen zu wohnen, die von Christen bewacht werden. Sie dürfen keinerlei Handwerk nachgehen, einzig mit von Christen verpönten Finanzgeschäften wie Krediten verdienen sie ihr Geld. Einer von ihnen ist Shylock (Al Pacino, „Der Pate"), welcher mit dem Geschäftsmann Antonio (Jeremy Irons, „Lolita") im Clinch liegt, da der ihn verachtet. Als Antonios Freund Bassanio (Joseph Fiennes, „Shakespeare in Love") dringend Geld benötigt, um seine Traumfrau erfolgreich zu werben, nimmt er einen Kredit beim Juden Shylock auf und setzt Antonio als seinen Bürgen ein. Als Pfand, wenn die Frist für die Zurückzahlung des Kredits verstreicht, fordert Shylock ein Pfund Fleisch von Antonio, welches er selbst nah am Herzen herausschneiden darf. Als ungeahnte Unglücke für die Verarmung von Antonio sorgen und Shylock auf seiner sadistischen Forderung beharrt, kommt es zu einem Prozess, bei dem die Chancen für Antonios Weiterleben schlecht stehen...

„Der Kaufmann von Venedig" ist aufgrund seines offenkundigen Antisemitismus das umstrittenste Stück von Shakespeare. Doch dank Michael Radford wird aus der brisanten Thematik um Rache, Ehre, Schwüre und Liebe kein ärgerlicher Propagandafilm. Ganz im Gegenteil: Nah an der literarischen Vorlage atmen die Dialoge beinahe den Geist Shakespeares. Was auffällt - und in dieser emphatischen Betonung nicht in der literarischen Vorlage zu finden ist - sind die zahlreichen Dreiteilungen (drei Truhen, drei Ehepaare, drei Boote am surrealen Ende, dessen Motiv einem Gemälde von Vittore Carpaccio nachempfunden wurde etc.) und die Betonung der Symbolkraft eines Ringes, welches in Verbindung mit der Thematik um unterschiedliche Akzeptanz der Religionen den Schluss nahe legt, dass Radford eine Referenz an Lessings „Nathan der Weise" und der in diesem Werk enthaltenen Ringparabel mit der Allegorie auf die drei großen Buchreligionen (Judentum, Christentum und Islam - wobei letzterer bis auf das Werben eines Mohren nicht weiter zum Tragen kommt) im Subtext transportieren will.

Darüber hinaus sind die historischen Kostüme und die träumerisch bis unterschwellig bedrohliche Atmosphäre des Films sehr gelungen. Besonders Al Pacino als verbitterter, auf sein Recht pochender Vater, Jude und Geschäftsmann verleiht seiner Rolle nahezu dämonische Inbrunst, während Jeremy Irons als abgemagerter Freund und Bürge mit Ehrgefühl etwas zu kurz kommt und gegen Pacinos Präsenz nicht anzukommen vermag. Die einzigen Dinge, die bei diesem opulenten und satten Historien-Bilderbogen negativ ins Gewicht fallen, sind die Geschwätzigkeit und der überfrachtete Inhalt, welcher sowohl als Liebesgeschichte (Komödie) als auch parallel als Rachedrama (Tragödie) fungieren will. Dieser etwas unglückliche Spagat ist zwar der shakespeareschen Vorlage geschuldet, lässt den Film bei einer Laufzeit von zwei Stunden allerdings zuweilen etwas behäbig wirken.

Fazit:
Stilsichere und werkgetreue, altmodische Shakespeare-Adaption mit einem einmal mehr großartig agierenden Al Pacino. Einige Längen und eine gewisse Behäbigkeit verzeiht man diesem optisch und akustisch satten Spektakel ebenso gern wie seine inhaltliche Uneinheitlichkeit, welche sich in dem Dualismus zwischen Rachedrama und Liebeskomödie widerspiegelt.

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