Review

In seinem größten finanziellen Erfolg greift Greenaway zu einigen extremen Darstellungen um seine Geschichte - die Greenaway selbst ganz in der Tradition von Stücken wie Titus Andronicus sieht - zu erzählen: Der tyrannische Gangsterboss Spica speist mit seiner Gemahlin Georgina und seinem Gefolge täglich in einem Nobelrestaurant - nicht ohne dabei seine Frau regelmäßig zu demütigen. Diese begegnet dort einem Bibliothekar, der sehr bald ihr Liebhaber wird. Ihr Gatte kommt bald dahinter, schwört grausame Rache ("I'll kill him and I'll eat him!") und die beiden fliehen mit der Hilfe des Kochs (die einzige Person die Spica ungestraft Widerstand entgegensetzen darf) in die Bücherei des Liebhabers. Ein Laufbursche bringt ihnen Lebensmittel vorbei, bis Spica ihn abfängt, grausam krankenhausreif foltert und die Adresse der beiden in Erfahrung bringt. Als seine Gattin von dem Übergriff erfährt besucht sie das Opfer im Krankenhaus, während Spica mit seinem Gesindel dem Liebhaber in einer qualvollen und tödlichen Prozedur seine Bücherseiten (aus einem Buch über die französische Revolution (!)) mit einem Tranchiermesser den Hals hinunter schiebt. Als Georgina den Verstorbenen entdeckt, bittet sie nach Rache dürstend den Koch, den Leichnam zuzubereiten, damit ihr Gatte seinen Schwur halten kann. Dieser wird nun zu einem ganz besonderen Festmahl eingeladen, bei dem seine Frau ihm in Gegenwart seiner gedemütigten Opfer mit vorgehaltener Waffe dazu zwingt, den Toten zu verspeisen. Nach dem ersten Bissen richtet sie ihn mit einem Kopfschuss, nennt ihn nochmal verachtend "Cannibal!" und dann fällt elegant der Vorhang.

Greenaway verzichtet auch diesmal nicht darauf, den Plot auf formaler Ebene zu ordnen. Zeitlich unterteilt er das Stück in mehrere Tage, denen immer die jeweile Speisekarte vorangeht (die zum Finale besonders karg ausfällt), räumlich arbeitet er noch ein bisschen komplexer.
Die Räume teilt er auf in die giftgrüne Küche, die weiße Toilette, den roten Speisesaal, den blauen Parkplatz und die bräunliche Bibliothek. Vor dieser konstanten Farbgebung spielt er sehr ausgiebig mit der Fargestaltung der Protagonisten. Der Koch erscheint stets in einem strahlenden Weiß und kleidet sich nur zum Finale schwarz ein, der schüchterne Liebhaber wirkt in seiner bräunlichen Farbe überall ein bisschen fehl am Platze außer in der Bücherei. Georginas Kleidung nimmt zu Beginn im die Farbe der Umgebung an, bis sie sich erstmals gegen ihren Gatten widersetzt - an diesem Tag ihrer beginnenden Emanzipation erscheint sie zunehmend in schwarzer Kleidung. Im Finale wird sie wie Spica in einer gleichgestellten Mischung aus rotem Kleid und einem langen, schwarzen Umhang in Erscheinung treten. Spica schließlich erscheint immer in einem dominierenden Schwarz, wobei einige Kleinigkeiten wie die Krawatte oder das Hemd ebenfalls die Farbe der Räume annehmen. Als er den Liebhaber richtet verflüchtigt sich dessen Braunton in der Bücherei und stattdessen erstrahlt ein eher zu Spica passendes, kaltes Blau im Raum.

Erneut hat Greenaway ein perfekt durchstrukturiertes Werk auf höchstem ästhetischen Niveau geschaffen. Die Bezüge auf Tyrannei und Revolution sowie das von Greenaway geschätzte Entmythisieren des menschlichen Körpers sind nett bis geistreich, geben aber letzlich nicht allzuviel Gehalt ab. Dafür bietet der Film aber auch wieder mehr als genug Unterhaltungswert.
Insgesamt hat er sich eine satte 8/10 durchaus verdient.

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