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Gemeinhin verbindet man Prosper Mérimée wohl mit seiner Novelle "Carmen" (1847), die durch Georges Bizets Opernfassung "Carmen" (1875) Weltruhm erlangt hat. Freunden der phantastischen Literatur hat sich Mérimée zudem vor allem mit den zwei Erzählungen "La Vénus d'Ille" (1837) und "Lokis" (1869) (aber auch mit "Vision de Charles XI (1829), "Djoûmane" (1973) und ein paar anderen) ins Gedächtnis eingebrannt... all diese phantastischen Texte gehören zu den meistgelobtesten ihrer jeweiligen Themengebiete (Visionen, die lebende Statue, der Tiermensch, Zauberei & Erscheinungen) und sind zumeist in ihrer Verwendung einer uneindeutigen Auflösung und eines unterschwellig wahrnehmbaren sexuellen Themas auch zu Aushängeschildern der phantastischen Literatur geworden...

"Lokis" enthält beides: die Uneindeutigkeit der Auflösung und die Behandlung der Sexualität... Der Erzähler, Professor Wittembach, berichtet [Achtung: Spoiler!] von seinen Erlebnissen in Litauen, wo er sich vor einiger Zeit nach Schriftstücken umsah, um ein schamaitisches Wörterbruch zu erstellen. Doch der gottesfürchtige, gelehrte Sprachforscher erlebt beklemmend Unerklärliches, als er bei dem Grafen Michael Szemioth zu Gast ist, um sich seiner Bibliothek zu bedienen. Der Graf ist der Sohn einer Wahnsinnigen, die 9 Monate vor seiner Geburt Opfer eines Bären geworden war und seitdem hoffnungslos dem Irrsinn verfallen ist. Der Graf selbst schwankt zwischen einem ängstlich-schreckhaften Charakter und rasenden Ausbrüchen hin und her, die Tiere fürchten ihn und eine alte Vettel scheint zu seinem Entsetzen mehr bzw. anderes in ihm zu sehen, als sonstige Mitmenschen. In der Hochzeitsnacht des Grafen sieht Prof. Wittembach eine große Gestalt aus der höheren Etage - an seinem Fenster vorbei - hinausspringen und kurz darauf findet man die Braut des Grafen zerfetzt in ihrem Bett vor, während vom Grafen jede Spur fehlt. Wittembach beendet den Bericht mit dem Hinweis, dass der Name Michael bei den Slawen der Name des Bären ist, was er mit einem bereits anfangs vorgetragenen Sprichtwort untermauert.

Majewskis Verfilmung bleibt der Erzählung über weite Strecken treu, ändert hier und da zwar ein paar Kleinigkeiten um, ohne jedoch irgendwelche Aspekte wegzulassen oder hinzuzufügen. Allenfalls am Ende spricht sich Majewski noch stärker für die wunderbare Lesart aus, indem Wittenbach nicht nur von dem litauischen Sprichwort erfährt, sondern bei seinem Blick aus dem Fenster der Getöteten auch Bärenspuren im Schnee entdeckt. Trotzdem bewahrt sich der Film noch das Moment der Uneindeutigkeit: ob der Graf nun tatsächlich das Kind einer Frau und eines Bären ist und sich in seiner Hochzeitsnacht verwandelt hat, ob er in seiner Anspannung entsprechenden Befürchtungen verfallen ist und sich im Wahnsinn wie ein reißender Bär aufgeführt hat, als erotische Spannungen seine natürliche, animalische Seite freigelegt haben (eine Möglichkeit, die aufgrund der Bärenspuren im Schnee im Film zwar noch existiert - wenn man die Spuren als Spuren eines zufällig vor dem Haus vorbeigelaufenen, echten Bären auffasst, zumal der Schatten vor Wittembachs Fenster durchaus der eines Menschen ist - allerdings schon unwahrscheinlicher gerät als in der Vorlage), oder ob ein normaler Bär die Tat begangen hat und der Graf bloß geflohen ist oder vom Tier verschleppt wurde, kann nicht mit Sicherheit geklärt werden. Majewski kostet die Möglichkeit der wunderbaren Erklärung insgesamt sicherlich etwas stärker aus als die Erzählung und lässt Wittembach bei seiner Abreise noch einem von Jägern erschossenen Bären hinterherblicken, bleibt aber - wie gesagt - letztlich so uneindeutig wie Mérimées Vorlage.

Dieser recht ehrfürchtigen Vorlagentreue ist es zuzuschreiben, dass das Erzähltempo des Films sehr gemächlich verläuft und einige längere Sequenzen mit umfangreichen Dialogen in gleichbleibender Kulissn recht kammerspielartig wirken, weshalb sich "Lokis - Rekopis Profesora Wittembacha" - obgleich ohne Frage ein phantastischer Film - kaum als Gruselfilm betrachten lässt, den man womöglich erwarten könnte.
Vereinzelt gibt es sicherlich entsprechende Momente (etwa eine nächtliche Kutschfahrt, vorbei an Grabsteinen; ein aufgebahrtes Skelett; riesige Wälder, durch die eine unheimliche, uralte Einsiedlerin streift), alles in allem fängt der Film aber eher der Stimmung der Vorlage ein und macht sich damit eher daran den Reiz einer fremden Gegend aufleben zu lassen: die teils wirklich hübschen Landschaftsaufnahmen und ein paar Folklore-Einlagen gegen Ende leisten in dieser Hinsicht vorzügliche Arbeit.

Hinzu gesellt sich ein leicht humoristischer Tonfall, der in der Vorlage nur äußerst begrenzt wahrnehmbar ist: Edmund Fetting gibt in der Rolle des Wittembachs als Gelehrter, der plötzlich das Wunderbare in Erwägung zieht, eine etwas kauzige Gestalt ab, deren Verstörung durchaus zum Schmunzeln anregt - besonders dann, wenn er Zeuge von Szemioths Anfällen wird.
Majewskis Stil bleibt weitestgehend zurückhaltend und verlässt sich voll und ganz auf die Kraft von Landschaften, Bauten und Kostümen... einzig ein paar Einstellungen fallen in ihren originellen Bildkompositionen durchaus positiv aus dem Rahmen (ebenso ein paar auffällig umgesetzte Kamerafahrten): neben dem Grafen auf einer hohen Turmspitze und dem Professor hinter dem Skelett eines Vogels, sind es vor allem Einstellungen, in denen sich Figuren oder andere Elemente in Brillengläsern oder Silbertellern spiegeln - gerade der Vorspann setzt auf ein solches Verfahren und zeigt die vorbeiziehende Landschaft aus einem Zugfenster heraus, allerdings unscharf, so dass nur durch die Gläser der vor dem Fenster liegenden Brille die Natur voll zur Geltung kommt. Wojciech Kilars Musik unterstützt diese Szene enorm und verleiht ihr ein hohes Maß an Atmosphäre und trägt auch in der Folge immer wieder viel zur Stimmung des Films bei. Kilar, der mehrfach als Komponist für Majewski, Polanski, Kieslowski, Zanussi und Wajda gearbeitet hat und einem breiteren Publikum sicherlich durch seine Soundtracks für "Bram Stoker's Dracula" (1992), "The Ninth Gate" (1999) und "The Pianist" (2002) bekannt sein dürfte, hat mit einigen seiner Stücke für "Lokis - Rekopis Profesora Wittembacha" durchaus ein paar der dichtesten, sogartigsten Titel geschaffen, die er jemals komponiert hat.
Kameraarbeit und Musikuntermalung sorgt so für ein paar interessante, kleine Höhepunkte in einem ansonsten sehr unscheinbar-zurückhaltendem Film.

Ein kleiner Hingucker ist sicherlich auch Malgorzata Braunek, die durch ihre Rollen in den frühen Filmen Zulawskis ("Trzecia czesc nocy" (1971), "Diabel" (1972)) und als kurzweilige Lebensgefährtin Zulawskis bekannt sein dürfte, und die auch hier als kompetente Darstellerin und Augenweide gleichermaßen zu gefallen weiß.

Alles in allem ein leicht humorvoller, dank seines rätselhaften Themas durchaus fesselnder phantastischer Film von großer Vorlagentreue, angefüllt mit unauffällig präsentierten Schauwerten und von Kilar gewohnt beeindruckend untermalt.
Unter zahlreichen "Carmen" Verfilmungen ist Majewskis "Lokis - Rekopis Profesora Wittembacha" neben einigen wenigen Umsetzungen von "La Vénus d'Ille" zudem eine ohnehin besondere Mérimée Verfilmung, was für den einen oder anderen Zuschauer zusätzlicher Anreiz sein könnte.
7,5/10

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