Es tut immer gut, zwischen all dem Müll und der Durchschnittsware mal eine Perle wiederzuentdecken, die sich so bezaubernd radikal von den sonstigen Horror-Sehgewohnheiten abhebt, daß man sich auf „Long Weekend“, mehr als 15 Jahre nach seiner letzten TV-Ausstrahlung mal wieder so richtig freuen kann.
Selbst unter der sehr überschaubaren Anzahl australischer Horrorfilme nimmt dieser Film so etwas wie eine Sonderstellung, weil er eigentlich keinerlei übernatürlichen Elemente enthält und alles, was passiert, durchaus rational erklärt werden kann. Daß er mit einer subtilen Botschaft dabei den Zuschauer nicht erschlägt, ist schon an sich eine Auszeichnung.
Wenn man ihn irgendwo einem Schubfächchen zuordnen will (muß?), dann ist „Long Weekend“ noch am ehesten in der Nähe der atomaren Monsterparanoia oder dem Umwelt-Tierhorror zuzuordnen, obwohl im ganzen Film kein monströses Wesen vorkommt – jedoch, die Natur selbst ist aus den Fugen.
Dabei ist der Titel Programm: ein scheinbar hoffnungslos zerstrittenes Ehepaar geht auf einen umstrittenen Wochenendcampingausflug irgendwo am hinterletzten Po von Australien, einem abgelegenen Strand im Nirgendwo hinter der Wildnis. Zwischen Mann und Frau gärt es und es wird erst nach und nach klar, was es mit dem Konflikt auf sich hat, aber da ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.
Geschickt wirft der Film schon im Prolog nach und nach rote Heringe aus, die nie bestätigt oder widerlegt werden, die aber den Vogelangriffen Hitchcocks ähnlich sind. Kakadus sollen Menschen angegriffen haben, alle möglichen Dinge Gründe werden dafür aufgeführt: Umweltzerstörung, Verschmutzung, radioaktive Strahlung – und der moderne Stadtmensch riegelt sich lieber in seinen eigenen vier Wänden ab. Doch der Weg führt hier zur Nagelprobe, nämlich genau in die unbekannte Wildnis, wobei er mit sadistischer Genugtuung sich vom gesellschaftlichen Leben zur Natürlichkeit abkehrt und sie mit schwelenden Kaltschnäuzigkeit und Herablassung dagegenhält.
Alles an „Long Weekend“ kann als ein Zeichen verstanden werden, alles ist Interpretationsspielraum: der alterschwache Hund, den man mitführt und der ein steter Zankapfel um Liebe und Zuneigung ist. Das Wetter, das den Weg erschwert, ein überfahrenes Känguruh in einem Moment der Unachtsamkeit, Gefühlskälte. Die wenigen Menschen in einer Tankstelle in der Einöde, die sich etwas schräg, aber nicht unfreundlich verhalten – und dennoch den Zielort in ihrer Gegend nicht kennen. Schließlich eine scheinbar unendliche Tour im Kreis, während das alte Spiel aller Ehepaare läuft: er glaubt den Weg zu kennen, sie setzt ihn wegen mangelnder Orientierung herab.
Doch auch am Ziel kehrt keine Harmonie ein, zu tief sind die Gräben, selbst Zärtlichkeit oder Sex enden bald wieder in Streit und Mißgunst. Rücksichtslos lebt er seine Naturlust aus, benimmt sich aber wie die Axt im Walde, verschmutzt den Wald, schießt wie ein Wilder ins Nichts. Sie dagegen kommt ohne Gesellschaft in der Stille nicht zur Ruhe, wird von der stets anwesenden Natur verschreckt, was sie wiederum ihrem Mann ankreidet, der das herunter spielt.
Und langsam aber sicher zieht sich die Schlinge zu, wird das Gefühl, mit dem Paar in einer Art Falle festzusitzen stärker. Die Natur erweist sich als agressiv, ein Greifvogel attackiert den Mann – doch was kann es bedeuten, schließlich hat sie ein Ei gestohlen. Ein Opossum (wohl eher ein Übersetzungsfehler, das Tier sieht mehr wie eine Lemure oder Katzentier aus) nascht von den Vorräten und verbeißt sich in der Hand des Mannes, ein vermeindlicher Hai entpuppt sich als friedliche Seekuh, die man vorschnell erschossen hat, deren Kadaver aber überall da auftaucht, wo er nicht sein sollte.
Geschickt mehren sich die unguten Omen, ein weiterer Campingbus verschwindet über Nacht, immer wieder gibt es Verweise auf die Batterie und das Benzin, verrottet Essen und dann ist da noch ein heulend schreiendes Tier irgendwo draußen in der Wildnis, daß einem Kälteschauer über den Rücken jagt.
„Long Weekend“ arbeitet so einen Konflikt heraus und wird zugleich zu einer Reise ins Nichts, die als Ökobotschaft und Warnung an die Menschen verstanden werden kann, die aber auf Verbohrtheit, Sturheit und Rücksichtslosigkeit verweist. Anders als die Tagline uns glauben machen will, geht die Natur nicht aktiv gegen die Eindringlinge los, aber es könnte sein, daß sie es tut – und zwar mit einer psychologischen Zermürbungstaktik, die den Zuschauer in seinen Bann schlägt. Allein im Dunkel eines Zimmers genossen, wirkt der Film geradezu ausweglos klaustrophobisch, da die Figuren sich selbst und ihrer Rettung im Wege stehen, bis es schlußendlich zu einer folgerichtigen Katastrophe kommt.
Obwohl als typischer Horror vermarktet und als DVD verschnitten, verdient dieser Film schon seit 30 Jahren eine Wiederentdeckung und ein breiteres Publikum, just als ein Remake in den Startlöchern steht. Ob man diesen nihilistischen Strudel der Angst, Verlorenheit und Verdammtheit, der ein wenig Geduld für die sich langsam entwickelte Story und den zeichen- und metaphernreichen Plot bedingt, noch einmal so aktuell einfangen kann, wird die Zeit zeigen. (9/10)