[ACHTUNG, SPOILERGEFAHR!]
Eigentlich ist Hideaki Anno in der Welt des Zeichentricks zuhause. Seine Karriere begann 1984 bei Ghibli, dem heute legendären Anime-Filmstudio. Annos einflussreichste Schöpfung ist die Anime-Serie Neon Genesis Evangelion, von Kritikern geliebt und mit Preisen überschüttet. Er betätigt sich allerdings auch als Regisseur von Realfilmen. Sein Debüt in dieser Kategorie, Love & Pop, ist ein faszinierender, wenn auch verstörender Experimentalfilm über einen kommerziellen Umgang mit Sex, der noch nicht ganz Prostitution ist, ihr aber gefährlich nahe kommt.
Sexualität in japanischen Comics ist ein fast schon abgedroschenes Thema; wer sich in diesem Bereich etwas auskennt, dem sind Begriffe wie Fanservice, Etchi und Lolicon geläufig. Ein Otaku tendiert dazu, sexuelle Anspielungen auch in Manga des Mainstreams gedankenlos zu übergehen. Sie gehören doch dazu, könnte man meinen, und sind „ganz normal“. Love & Pop nun ist ein Film, der diesen (übrigens keineswegs nur auf Japan beschränkten) Voyeurismus zum Programm macht und ihn ins Unangenehme kehrt. Die Kamera klebt förmlich an den Körpern der Charaktere, wird eins mit ihren Bewegungen. Manchmal steckt sie gar zwischen den Beinen eines Mädchens und nimmt so dessen Schritte auf. Oder sie verkriecht sich unter den Tisch, um einen Blick auf die Slips von Schülerinnen zu werfen. Nur selten ist die Perspektive statisch, was zu Momenten der Orientierungslosigkeit führen kann.
Love & Pop dreht sich um das Thema Enjokosai – eine fragwürdige Einnahmequelle für minderjährige Schulmädchen. Diese müssen „nur“ etwas Zeit mit einem Mann verbringen, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Bezahltes Dating, sozusagen. Müssig zu erwähnen, dass man sich mit diesem Geschäft auf ein heisses Pflaster begibt. Die Grenze zwischen Enjokosai und Prostitution ist nämlich nicht klar gezogen. Sexuelle Übergriffe sind alles andere als ausgeschlossen. Das muss Hiromi, die Hauptfigur des Filmes, auf die harte Tour lernen. Zusammen mit ihren Freundinnen verbringt sie Zeit mit zwielichtigen Männern und nimmt dabei allerlei Seltsames in Kauf. Eines Tages lässt sich Hiromi von einem teuren Ring verzaubern. Um ihn bezahlen zu können, ist grösseres Engagement gefordert. So zieht sie auf eigene Faust los und gerät auf Abwege …
Müsste ich Love & Pop in einem Wort beschreiben, so würde ich ihn als Horrorfilm bezeichnen. Und zwar als einen, der nicht mit Gewalt arbeitet, sondern mit Sex. Dabei hat es Anno gar nicht nötig, explizit zu werden. Das beklemmende Gefühl entsteht gerade dadurch, dass man nichts sieht, aber vieles befürchtet. (Eine alte Weisheit des Horrorfilms.) Demgegenüber ist die Prämisse des Films hoffnungslos überzeichnet: Wer ist schon so verblendet, nur wegen eines Ringes sexuelle Belästigungen in Kauf zu nehmen? Die Naivität der Protagonistin ist unerträglich, doch der Zuschauer kann nichts anderes tun, als hilflos ihren Dummheiten beizuwohnen.
Glücklicherweise scheint Hiromi letztlich zur Vernunft zu kommen. Nach einem Tag voller angsteinflössender Erlebnisse kehrt sie nach Hause zurück und denkt darüber nach, warum sie überhaupt so versessen auf den Ring war. Der Film endet mit einem endlosen Marsch der vier Mädchen durch einen Kanal. Begleitet werden sie von gemütlicher Popmusik. Unklar bleibt, welche Wege sie danach einschlagen werden. Obwohl Love & Pop eine stark moralische Tendenz hat, wäre es wohl verfehlt, ihn lediglich als Manifest gegen Enjokosai aufzufassen. Nicht zuletzt stilistisch ist der Film hochinteressant. Die Bewegungen der Kamera sind so manieriert, dass man sie kaum ignorieren kann. Soll heissen, die Filmtechnik wird zum festen Bestandteil dessen, was man als Zuschauer wahrnimmt. Mehr als nur einmal bereitete mir Annos Bildsprache Kopfschmerzen – und machte mir bewusst, wie gewaltsam selbst bewegte Bilder sein können.
Love & Pop ist keine leicht verdauliche Kost. Wer unterhalten werden will, ist hier mit Sicherheit an der falschen Adresse. Dafür sind sowohl Inhalt als auch Form zu unbequem. Fans von Experimentalfilmen sei Hideaki Annos Erstling hingegen ans Herz gelegt. Besonders die Kameraarbeit hält mehr als nur eine Überraschung bereit; sie nimmt einen mit auf eine schwindelregende Achterbahnfahrt. Leider und konsequenterweise auf eine, die nicht genossen werden kann.