Review

(Review nimmt wesentliche Handlungselemente vorweg. Ich empfehle Sichtung des Films vor der Lektüre)


Dass "Malastrana" kein Giallo ist, der einmal mehr das Thema des schwarzbehandschuhten traumatisierten Serienmörders variiert oder auch nur zelebriert, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Zu gering ist der Blutzoll und die Menge voyeuristischer Bilder, zu langsam das Tempo und zu intelligent sind Handlung und Spannungsaufbau. Malastrana ist ein alptraumhafter Psychothriller von der allerfeinsten Sorte. Allein die handwerklichen Qualitäten des Films sind mehr als nur beachtlich, sie sind für ein Regiedebut verblüffend.
Die Kameraarbeit ist bei weitem überdurchschnittlich, die Darstellerriege durch die Bank überzeugend und vorzüglich besetzt (selbst Jürgen Drews erfüllt für eine Minute seinen Zweck), die Musik von Morricone ist (wie immer) kongenial auf die Bilder komponiert. Lado hält seine Zuschauer von den ersten Einstellungen bis zum grausig ernüchternden Finale vorbildlich bei der Stange.

So weit, so bekannt. Dass Malastrana darüber hinaus aber auch noch auf einer anderen Ebene funktioniert, dass er eine Tiefenstruktur besitzt, die in diesem Genre Seltenheitswert hat, darüber ist meines Erachtens noch recht wenig geschrieben worden. (Die Review von Adam Kesher deutet es an und bildet somit eine rühmliche Ausnahme.)
Der Film entstand im Jahre 1971 und die Handlung ist in Prag angesiedelt. Nur vier Jahre nachdem in dieser Stadt die Reformbemühungen des "Prager Frühlings" durch Truppen des Warschauer Pakts gewaltsam beendet wurden, nur eine kurze Zeit, nachdem in Prag wie in vielen anderen Städten der Erde die haupsächlich studentische Jugend aufgestanden ist, um Systemveränderungen herbeizuführen und verkrustete Machtstrukturen aufzubrechen. Es ist kein Geheimnis, dass sie dabei in vielen Belangen an der Gewalt der Regierenden gescheitert ist und der Traum von einer besseren Welt auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste.
Der Film erzählt weiterhin, knapp zusammengefasst, von einer Verschwörung einer Gruppe alter Männer, welche die Jugend benutzt, um sich selbst am Leben zu halten und dabei über deren Leichen geht, von einer makabren Ü-70 Party, inszeniert weniger aus Gründen des Amusements, denn des Machterhalts.

"Short night of the glass dolls" bietet eine Fülle von Hinweisen, dass solche Parallelen keinesfalls Zufall sind. Am deutlichsten wird dies in den Szenen mit dem blinden Informanten, die in der deutschen Kinofassung bezeichnenderweise herausgeschnitten waren und deshalb unsynchronisiert vorliegen:

"All our youth must eventually be sacrificed, be serving those in power. First they ask for the lives of our young soldiers or a young student, that protest that he must die.."

...orakelt der Mann da in recht holprigem englisch. Gesellschaftspolitische Implikationen solchen Kalibers waren in einem Thriller offenbar noch weniger gern gesehen, als nackte Busen.
Einen weiteren Wink mit etwas weniger Zaunpfahl gibt wenig später Mario Adorf, wenn er in einem Telefonat mit unserem starren Helden erwähnt, dass es solch fiese Altherrenclubs nicht nur in Prag, sondern in vielen weitern Städten rund um den Globus gebe.

Betrachtet man Statements dieser Art und setzt sie zu dem desillusionierenden Ende des Films in Beziehung, dürfte ersichtlich werden, dass es sich bei Malastrana nicht nur um einen überaus gelungenen Thriller handelt, sondern auch um einen pessimistischen Kommentar der 68er Ereignisse, um eine düstere Parabel auf Studentenproteste, Prager Frühling und Vietnamkrieg gleichermaßen. "Zabriskie Point" als surrealer Thriller, nur ohne die befreiende Explosion am Ende. 9/10!


"It is not an old peoples' world. It has nothing to do with old people. Old people, when their hair grows out, they should go out! And I look down to see the people that are governing me and making my rules - and they haven't got any hair on their head. I get very uptight about it...."
(Bob Dylan, 13/12/63)


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