Lado - Einer der ganz Großen
Aldo Lados „Malastrana" wird meist dem weiteren Feld des Giallo zugeordnet, aber immer mit dem Verweis, dass es sich um einen außergewöhnlichen Genrevertreter handle, der zudem über eine hohe filmische Qualität verfüge. Ich würde diesen politischen und gleichermaßen mystischen Thriller gar nicht dem Subgenre Giallo zuordnen und das aus verschiedenen Gründen.
Zum einen gibt es kaum Entsprechung mit den Topoi des Giallos. Weder haben wir es mit einem Mörder zu tun, noch finden wir hier eine unmittelbare sexuelle Aufladung von Gewalttaten vor. Zum anderen stellt Lado in seinem Film das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft innerhalb einer Diktatur zentral und es schwingt permanent eine politische Note mit, die dem filone allenfalls höchst subtil zu eigen war.
Menschen haben hier Angst vor politischer Obrigkeit, die politische Obrigkeit hat Angst vor den Menschen. Der Prager Frühling lag 1971 noch in der Luft und Lado versucht mit seinem Blick auf Prag dem Leben in diesem Zustand von Unterdrückung und Paranoia Ausdruck zu verleihen. Letztlich gipfelt dies hier in dem Zustand des absoluten Ausgeliefertseins.
Diese Prämisse setzt Lado konsequent und technisch meisterlich um, ohne sich jemals im kreativen Selbstzweck zu verlieren. Diese Handschrift des Regisseurs findet man dann auch in „The Child" von 1972 und es ist bedauerlich, dass so wenige Filme des Italieners mit diesem Freiraum produziert wurden. Als Regisseur halte ich Lado für den talentierteren, wenn man ihn mit anderen Größen wie Argento oder Martino vergleicht. Seine beide mir bekannten Filme verfügen einfach über eine konzentriertere Art und Inhalt und Form greifen nahezu perfekt ineinander.
Inhalt
Gregory (Jean Sorel) ist amerikanischer Journalist in Prag und wird scheinbar tot in die Leichenhalle der Universität eingeliefert. Jedoch ist er in einem Zwischenzustand und bei vollem Bewusstsein. In seinen Erinnerungen sucht er nach der Antwort auf die Frage, wie er in diese Lage gekommen ist. Die Rückblenden beginnen mit dem Verschwinden seinen Verlobten Mira (Barbara Bach), die mit ihm Prag verlassen will. Bei der Suche nach ihr stößt Gregory mit Unterstützung seiner Kollegin und Ex-Geliebten Jessica (Ingrid Thulin) und seinem Kollegen Jacques (Mario Adorf) auf dunkle Machenschaften der oberen Prager Gesellschaft.
Die Prämisse - Nachwehen des Prager Frühlings
Der Verlust von Beständigkeit stellt in Lados Blickwinkel die größte Bedrohung für diejenigen dar, die sich innerhalb eines Systems arrangiert haben und so eine Symbiose mit ihm eingehen. Man muss das System unterstützen und am Leben halten, weil die eigene Existenz davon abhängig ist. Das gilt sowohl für die Opfer als auch für die Täter des Systems. Es ist nicht ein diffuser und unsichtbarer Apparat, der hier Wurzel des Übels ist, es ist die gebildete Elite, die den Fortbestand des unterdrückenden Systems sichert, um Selbsterhaltung zu garantieren. Und die Menschen sind verbunden mit ihren Eliten, handelt es sich doch auch um Ärzte, von denen unter Umständen das eigene Leben sehr unmittelbar abhängt. Auch Institutionen wie die Polizei, die als verlängerter Arm der Unterdrückung gezeichnet wird, fordern eine Kooperation ein, die auch unabhängige Figuren bereit zu geben sind, da das eigene Handeln ansonsten eingeschränkt würde.
Die ausländische und daher eigentlich „freie" Figur Jessica erweist sich so als Bremsklotz für Gregorys Ermittlungen. Sie handelt als Ex-Geliebte sowohl aus Eifersucht gegenüber Mira als auch aus der von ihr angenommenen Notwendigkeit, sich dem Unterdrückungsapparat so weit anzupassen, dass ihr eigener Freiraum nicht zu weit eingeschränkt wird. In Gregorys kompromissloser Suche nach der Wahrheit sieht sie den Fehltritt weg vom schmalen Grad, auf dem man in einer solchen Diktatur ihrer Meinung nach wandeln muss. Als Zuschauer will man ihr nicht recht geben, geht aus Gewohnheit voll mit dem Helden mit, muss aber mit ansehen, wie er krachend scheitert. Der Film ist so über seine Laufzeit gleichermaßen spannend und bedrückend und die permanent greifbare Unfreiheit, die die Figuren umgibt, ist erschütternd. „Malastrana" ist durch und durch politisch.
Die Symbolik - Und dann doch wieder der Sex
Am Ende geht Lado dann bildlich und inhaltlich in die Vollen und lässt die Grenzen von politisch bedingten gesellschaftlichen Mechanismen und sexuell konnotierter Gewalt verschwimmen. Die holde Weiblichkeit steht hier allerdings weniger für erotisches Begehren als vielmehr für Kraft der Jugend, die die ergrauten und erschlaffenden Eliten am Leben hält. Die Revolution frisst ihre konterrevolutionären Kinder. Diese Sinnbild erscheint vor dem historischen Hintergrund schlüssig und wird auch wenig subtil kommuniziert, Lado erklärt also seine Symbolik recht eindeutig, wenngleich angesichts einzelner Details immer ein Spielraum bleibt. Beim zweiten Ansehen erweist sich die Szene, in der Gregory Mira in die feine Gesellschaft einführt, als bodenlos tragisch und legt einen naiven westlichen Blick auf die dargestellte Gesellschaft nahe. Hier kriegen wirklich alle ihr Fett weg.
Bella italia!
Bei alledem bleibt sich der italienische Film in einer Hinsicht treu: Es gibt diverse Merkwürdigkeiten zu bestaunen, die eine zu trockene Auseinandersetzung mit dem Thema vermeiden. So darf Mario Adorf eine Texanerin abschleppen, die ich erst für eine androgyne Männerpuppe hielt, an der Adorf da so vollkommen desinteressiert herumschraubt. Doch dann kommt Leben in die Puppe und sie legt einen wunderbaren Hallo-1971-Tanz im Straßencafé hin. Warum diese Figur da ist? Nun, als einzige Möglichkeit sehe ich den Kontrast zu Barbara Bach, deren Mira im Vergleich mit der dummbräsigen Hippie-Göre noch liebreizender wirkt als sie es ohnehin schon tut. Zudem kann man hier eine Verachtung für das US-amerikanische Gegenkonzept zum sowjetisch kontrollierten Individuum sehen. Die totale Freiheit scheint auch zur totalen Verdummung zu führen. Hier zeichnet Lado dann auch mit der ganz groben Feder.
Bild
Giuseppe Ruzzolini („Todesmelodie" 1972) an der Kamera liefert großes Handwerk ab und diverse Szenen vermitteln das Gefühl des Selbstverlusts in einem alles schluckenden Dunkel durch wunderschöne, düstere Bildkompositionen. Wenn Zeit, Ruhe und Geld da waren, gehörten die italienischen Filmer zu den besten, die die 60er und 70er zu bieten hatten und das sieht man hier, wodurch sich „Malastrana" ebenfalls vom oftmals schnell runtergekurbelten Giallo (Ich liebe ihn ja trotzdem!) unterscheidet.
Ton
Ennio Morricones Musik muss auch hier Erwähnung finden, denn der Eindruck der größeren Sorgfalt wird nicht zuletzt durch die absolut stimmige musikalische Untermalung erreicht. Zwar ist Morricone nie fehl am Platz, diese Behauptung wäre ja auch ein Sakrileg von mir, aber oft lieferte er zwar eingängige Themen, die jedoch auch untereinander durchaus austauschbar gewesen wären. Sowohl in „Malastrana" als auch in „The Child" scheint es intensive Rücksprache mit Lado gegeben zu haben. Die unterschwellige Bedrohung und Tragik der Figuren wird hier geschickt akzentuiert. Weder Bild noch Ton werden vordergründig, sondern bilden eine formale Einheit, die jeder einzelnen Szene dienstbar ist.
Fazit
Aldo Lados „Malastrana" ist ein wirklich grandioser Film, dem es allenfalls an knackigen Unterhaltungsmomenten fehlt, um seinen Wiedersehenswert etwas zu steigern. Diese düstere Perspektive auf das, was sich hinter der Mauer gesellschaftlich manifestierte, schafft zwar klare Aussagen und nimmt den Zuschauer mit, lässt aber auch weiteren Interpretationsspielraum, wenn es um die Bedeutung der verwendeten Symbolik geht. Seine konzentrierte Machart und die filmtechnische Güte auf der audiovisuellen Ebene heben Lados formal und atmosphärisch mystischen, inhaltlich aber zutiefst politischen Thriller deutlich von vielen zeitgenössischen Filmen ab und so erscheint es vollkommen unverständlich, dass dieser Film keinen Klassikerstatus innehat. So einen reifen Film als Erstlingswerk abzuliefern ist auch fünfzig Jahre später einfach nur beeindruckend.