Kurz nachdem sie am Ende einige Kannibalen aus ihren Booten geschossen und einen besonders hartnäckigen Vertreter dieser Zunft den Gewehrkolben mit Wucht ins Gesicht geschmettert hat, sinniert Emanuelle [1] nachdenklich und ins Leere starrend: "Ich hätte nie gedacht, daß ich auf einen Menschen schießen könnte. Vielleicht ist es wahr, daß ein Journalist für einen guten Artikel alles tut. Eigentlich müßte ich zufrieden sein, denn ich habe eine sensationelle Reportage in der Tasche. Aber ich bin es nicht." Ihr Begleiter, Professor Mark Lester (Gabriele Tinti, von 1976 bis zu seinem Tod 1991 mit Laura Gemser verheiratet), legt seine Hand beruhigend auf ihre Schulter. "Es ist nicht unsere Schuld", sagt er. Und dann dudelt auch schon wieder der von Nico Fidenco geschriebene und von Ulla Linder gesungene, wunderbar abscheuliche Disco-Song Make Love on the Wing los: "I'm your queen, you're my king, I feel good now, happy like a clown..." Friede, Freude, Eierkuchen also? Mitnichten.
Schon zu Beginn hätte es Emanuelle (die statueske Schönheit aus Indonesien, Laurette Marcia Gemser aka Laura Gemser [2]) dämmern müssen, daß diese Expedition anders als der Besuch im hiesigen Streichelzoo verlaufen wird. Doch ihre hübsche Spürnase hat die Witterung bereits in dem Moment aufgenommen, als eine Krankenschwester schreiend und mit abgebissener Brust den Gang eines Irrenhauses entlang torkelte. Die Verursacherin der Bluttat, eine im Amazonasgebiet aufgegabelte junge Frau (Dirce Funari), sagt zwar trotz Emanuelles unorthodoxer Verhörmethoden - die Starreporterin der Evening Post massiert ihr wie selbstverständlich das Unterstübchen - kein Wort, doch das Tattoo über ihrem Schamhügel spricht eine deutliche Sprache. Eine Expedition nach Südamerika ist rasch organisiert, und die Suche nach den letzten Kannibalen kann beginnen. Unterwegs trifft man auf den impotenten Großwildjäger Donald McKenzie (Donald O'Brien [3]), der mit seiner nymphomanen Göttergattin Maggie (die umwerfende Nieves Navarro aka Susan Scott [4]) im Dschungel nach Diamanten sucht. Ebenfalls mit von der Partie sind mit Schwester Angela (Annamaria Clementi) und der jungen Isabelle (die Schweizerin Mónica Zanchi) zwei hübsche Frauen. Das trifft sich gut, betrachten die Kannibalen Titten doch als nahrhaftes Leckerli für zwischendurch, und rituellem Geschlechtsverkehr sind sie auch nicht gerade abgeneigt.
Um das Interesse an der erfolgreichen Black Emanuelle-Reihe nicht erlahmen zu lassen, ist Aristide Massaccesi aka Joe D'Amato [5] dazu übergangen, die einstige Erfolgsformel (Laura Gemser + schöne Frauen + softer Sex + exotische Locations = Kassenerfolg) mit diversen, eher befremdlichen Zutaten anzureichern. So trifft die scharfe Reporterin in Emanuelle in America auf Snuff-Filmer und muß sich in Emanuelle e gli Ultimi Cannibali gar mit Kannibalen herumschlagen. Bei italienischen Kannibalenfilmen haben Tiere ja generell nichts zu lachen. Glücklicherweise hält sich D'Amato diesbezüglich sehr zurück, denn abgesehen von einer Python, die Emanuelles Körper etwas zu stürmisch erkundet, gibt es keine Opfer zu beklagen. Überhaupt ist Emanuelle e gli Ultimi Cannibali trotz einiger harter Goreeskapaden bei weitem nicht so unangenehm grimmig wie seine unerquicklichen Artverwandten von Umberto Lenzi und Ruggero Deodato. D'Amatos Hauptaugenmerk liegt eher auf Sex, Abenteuer, und noch mehr Sex. Emanuelle ist kein Kind von Traurigkeit und verführt so ziemlich alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Und auch Maggie läßt nichts anbrennen; wenn ihr Selbstbefriedigung zu langweilig wird, versichert sie sich einfach der Dienste eines muskulösen Schwarzen, der sie gekonnt von hinten zu bearbeiten weiß.
Doch spätestens wenn weibliche Bäuche auf- und Brustspitzen abgeschnitten werden, ist Schluß mit lustig, wobei auch Männer nicht immer ungeschoren davonkommen [6]. Im Gegensatz zu üblen Machwerken wie Le Notti Erotiche dei Morti Viventi (In der Gewalt der Zombies) oder dem noch wesentlich übleren Porno Holocaust (Insel der Zombies) geht D'Amatos Rechnung hier auf, ist ihm mit Emanuelle e gli Ultimi Cannibali doch ein wilder, unterhaltsamer und erotischer wenn auch nicht wirklich geschmackssicherer Genremix gelungen. Der großteils in Italien gedrehte Streifen punktet nicht nur mit vielen freizügigen Szenen und der einen oder anderen happigen Gore-Einlage [7], sondern glänzt auch mit einer tollen Mucke, lustigen Dialogen und einer angenehm lockeren, temporeichen Inszenierung. Da D'Amato einen zigarettenrauchenden Schimpansen zur Verfügung hatte, hat er ihn kurzerhand gleich in einer schönen Szene auf Zelluloid verewigt. Vielleicht hat er sich ja so über diesen coolen Affen gefreut, daß ihm die zahlreichen, teils haarsträubenden Goofs entgangen sind, über die man in dieser "wahren", angeblich auf dem Bericht einer gewissen Jennifer O'Sullivan basierenden Geschichte [8] bisweilen stolpert.
Emanuelle e gli Ultimi Cannibali ist ein launiger Exploitationfilm von einem der ganz großen Meister des Faches, den auch jene Genrefans goutieren könnten, die beim Namen "Italo-Kannibalen" üblicherweise die Nase rümpfen. Ob man am Ende tatsächlich "happy like a clown" ist, wie Ulla Linder nicht müde wird zu singen, wage ich nicht zu beurteilen. Emanuelle ist es jedenfalls nicht, da ihr das Abenteuer doch etwas auf den Magen geschlagen ist. Abgesehen davon bezweifle ich stark, daß Clowns generell glückliche Menschen sind. Aber das ist eine andere Geschichte.
[1] In der deutschen Synchronfassung hat man sie umgetauft: aus Emanuelle wurde Laura
[2] Vom Autor "MAERZ" in seinem formidablen Kannibalenfilmartikel in der Splatting Image # 8 liebevoll als "aromatische Samenpumpe" bezeichnet
[3] Eigentlich heißt der in Frankreich geborene Sohn eines Iren, der u. a. in I Quattro dell'Apocalisse, Keoma, Mannaja, Quel Maledetto Treno Blindato, Zombi Holocaust, I Guerrieri dell'Anno 2072 und in The Name of the Rose zu sehen ist, ja Donal O'Brien
[4] Pflichtfilme mit der heißblütigen, am 11. November 1938 geborenen und mit Regisseur Luciano Ercoli verheirateten Spanierin: Una Pistola per Ringo, I Lunghi Giorni della Vendetta, Le Foto Proibite di una Signora per Bene, La Morte Cammina con i Tacchi Alti, Tutti i Colori del Buio, Rivelazioni di un Maniaco Sessuale al Capo della Squadra Mobile, La Morte Accarezza a Mezzanotte, Passi di Danza su una Lama di Rasoio, Orgasmo Nero
[5] 15.12.1936 – 23.01.1999. Laut Internet Movie Database ist er stolzer Besitzer von sage und schreibe 69 Pseudonymen! Die schönsten davon sind wohl Enrico Biribicchi, Hugo Clevers, Igor Horwess, Arizona Massachusset und Chang Lee Sun
[6] Schon nach wenigen Minuten führt Professor Lester der neugierigen Journalistin stolz einen "authentischen" Film vor, der die Kannibalen in Aktion zeigt. Ein Ehebrecherbestrafungsritual wurde geheim und unter Lebensgefahr durch die Büsche hindurch gefilmt. Neben einer Frau, die ihren Kopf verliert, ist auch zu sehen, wie ein Penis amputiert wird. Dieses immer wiederkehrende Motiv in italienischen Kannibalenfilmen wurde allen Widrigkeiten zum Trotz in leckerem Close-Up eingefangen, also bitte eine Runde Applaus für den wagemutigen Kameramann!
[7] Die Qualität der Splatterszenen schwankt von recht gut (das Öffnen eines Bauches) bis völlig lächerlich (das halbierte Opfer)
[8] Eine Texttafel zu Beginn verkündet feierlich: "This is a true story as reported by Jennifer O'Sullivan"