Sowas gab es nur in den 70ern.
Ein legendäres Jahrzehnt für die Filmgeschichte, das Ende des alten Hollywoodstudiosystems, das Aufkommen und der Niedergang des New Hollywood, viele neue Strömungen, Black Cinema, Kuriositäten, Midnight Movies und ein Haufen Billigschrott, wie ihn die modernsten Stümper in ihren kühnsten Träumen nicht hinbekommen würden.
Und mittendrin: Produktionen wie „Der Manitou“!
Regisseur William Girdler konnte vermutlich nur sein früher Tod bei einem Hubschrauberabsturz kurz vor Veröffentlichung dieses Films davon abhalten, heute eine lebende B-Film-Legende wie Roger Corman in den 60ern zu sein, der Mann hatte Drive, machte aus wenig Budget Denkwürdiges und setzte auch noch die abstruseste Idee zu einem Film um, drehte neun Filme in nicht mal einem Jahrzehnt.
„Manitou“ ist vermutlich „seine“ ultimative Big-Budget-Produktion, die Verfilmung eines Horrorromanbestsellers von Graham Masterson, die bei einer schrägen B-Story mit einem A-Cast versehen wurde und heute irgendwie den Spagat zwischen den Begriffen „cheesy“, „camp“ und „seriously laughable“ macht. Beeindruckend.
Die Story dreht sich um die Reinkarnation eines indianischen Medizinmannes, dessen Fötus ausgerechnet und ungeklärterweise im Nacken einer beliebigen weißen Amerikanerin Wurzeln schlägt und in Rekordzeit heranwächst. Wo die Ärzteschaft versagt, macht sich ihr Freund Harry Erskine, der sonst alte Damen beim Tarot bescheißt auf die spirituelle Aufklärung und landet nach einer aufsehenerregenden Seance schließlich bei einem modernen Medizinmann, der sein Bestes tut, während der fiese Möp aus der Zwischenwelt im Krankenhaus die Hölle auf Erde veranstaltet.
Die Story liest sich vermutlich sehr brauchbar (ich persönlich kenne nur die Fortsetzung und die ist absolut okay), aber als Film droht bei dieser (vorlagengetreuen) Verfilmung der Albernheitsfaktor als Saboteur Nr.1, schließlich ist das Thema reichlich abstrus.
Und so fällt der Film dann im Wesentlichen auch in eine Nische, die sich gar nicht so genau definieren läßt.
Da wäre zunächst mal die ernsthafte und recht ekelige Bedrohung, denn Susan Strasberg mutiert im Film fröhlich vor sich hin, als würde sie das nächste Alien als Backpacker ausbrüten. Dagegen hat man ausgerechnet Tony Curtis gesetzt, der schon seit „The Boston Strangler“ keine wirklich ernsten Rollen mehr gespielt hatte und auch hier zu Beginn den Danny Wilde auspackt. Curtis spielt wunderbar neben der Spur, aber je ernster der Film wird, desto hölzerner kommt sein Bemühen rüber und die Mischung aus Under- und Overacting bügelt jeden Scheitel zur anderen Seite.
Dazu kommen ein paar redselige Ärzte, Stella Stevens (schnieke!) als Okkultspezi, Burgess Meredith in einer komplett bekloppten Nebenrolle als sabbelnder Anthropologe, den man eindeutig bei Peter Ustinov in „Logan’s Run“ abgeguckt hat und Michael Ansara als langhaariger moderner Medizinmann John Singing Rock, der ständig mit seinen Drumsticks rumklackert, als würde er gleich ein Schlagzeugsolo starten.
Statt daraus nun ein düsteres Beispiel für okkulten Ureinwohnerhorror zu gestalten, bei dem die Damen bei den Herren Schutz suchen würden, dreht Girdler den Film unausgewogen herunter. Einerseits verpaßt er dem Zuschauer ein paar atmosphärische Szenen, das einem die Hose flattert, dann geht er wieder mit offensichtlicher 70‘s-Telekamera zur Werke, als wären die Szenen aus der neuesten Columbo-Folge.
Als besonders gelungen erachte ich die frühen Effekte im Film, also die Seance, in der des Medizinmannes Kopf aus der Tischplatz wächst (einfach, aber funktionabel) oder die Geburt an sich, als der kleinwüchsige Misquamacus (übrigens dargestellt von Felix Silla, der auch in Buck Rodgers Robotkumpel Twiki steckte) aus dem Buckel auf Susan Strasbergs rücken glibbert.
Von da an geht es dann zwar nicht unbedingt bergab (auch die miesen Tricks sind hier eher faszinierend), sondern der abstruse Camp-Faktor steigt unaufhörlich, wenn der fiese Lütte die Krankenhausetage mal eben in eine (deutlich erkennbare) Pappmache-Arktislandschaft verwandelt, samt gefriergetrockneter Krankenschwester. Und kurz darauf sich Curtis mittels einer Schreibmaschine dem Däumling erwehrt, worauf dieser „Puff“ macht und Curtis in die Auslage schleudert, wobei er knuddeligerweise der schockgefrorenen Heilsbringerin den Hutständer abschlägt. Knorke!
Was heute gut umzusetzen wäre, nämlich ein zunehmend nicht mehr kontrollierbarer, kosmischer Horror (Masterson streift in seinen Büchern deutlich lovecraftsches Terrain), der am Ende in der Annäherung eines „Big Old One“ kulminiert, fehlten Girdler einfach die Trickmittel, um eine Auflösung wie die hier Gebotene optisch sicherstellen zu können. Den „Manitou“ heutiger technischer Gebrauchsmittel zu benutzen, wirkt in diesem Werk einfach lachhaft, führt aber zu einem Showdown, der uns die Krawatte nach hinten bläst.
Wer nämlich immer schon mal wissen wollte, wo die Macher von „Men in Black“ die Traileridee herhatten, in der Smith und Jones aus dem I im Titel treten und sich vor ihnen (also vor einer Art Tür) ein unendlicher Raum ausbreitet, während die Kamera von ihnen zurückfährt, das ist definitiv „Der Manitou“.
Girdler gönnt uns eine richtig schön trashige Laserstrahlenshow im luftleeren All (beteiligt war u.a. der spätere „Ghostbusters“-Künstler Richard Edlund), während Strasberg aussieht wie die Skywalkerimitation des Exorzistenkindes, das Krankenhaus sich beinahe pulverisiert und Ärzte explodieren. Das muß man wahrlich mal erlebt haben.
Trotz allem ist das relativ ernst gemeint, mit beachtlichem Aufwand produziert und irgendwie ein Unikat.
Ein sehr Gutaussehendes noch dazu, denn der „Straßen von San Francisco“-Kameramann Michael Hugo schenkt dem Zuschauer die für die 70er typischen intensiven Bilder der „Stadt an der Bucht“, in leuchtendem Sonnenlicht, erlesenen Farben und schönster Panavision als Gegensatz zu den düsteren Themen und zunehmend finsteren Interieurs.
Dazu kommt eine erlesen atmosphärische Musik Lalo Schifrins, herrlich.
So sitzt man denn zwischen den Stühlen, denn die Besetzung und der Aufbau sind ungefähr derselbe wie in vielen Tierhorrorfilmen dieser davon reichen Dekade, die wegen akuter Blödheit meistens nur mit Gebißschutz zu überleben sind, Thema und Tenor wirken aber eher individuell, jedoch nicht in der Händen eines wirklich persönlichen Stylisten, der dem Ganzen einen unvergleichlichen Anstrich gegeben hätte.
Sicher ist, „Der Manitou“ ist eine ungewöhnliche Wundertüte (die manchmal etwas Leerlauf hat, dann aber wieder in die Vollen geht), bei dem sich später eine Menge Leute ideentechnisch bedient haben und der für Girdler irgendwie ein verdienter Karriereabschluß war, wenn auch ein ungewollter. Spritzig! (7/10)