Review

"Singapore Sling" - einst auf arte gelaufen, inzwischen bei Bildstörung auf DVD/BR vorliegend und dadurch hierzulande in den letzten Jahren etwas populärer geworden! - hat den Ruf, ein höchst eigenwilliger Film zu sein: geeignet für all jene, die schon alles gesehen zu haben glauben und nochmals etwas ganz Neuartiges entdecken wollen. Berüchtigt ist diese Melange verschiedener Genres des klassischen Hollywoodfilms der 30er und 40er Jahre für ihren John Waters-würdigen Fäkal- & Unterleibshumor (und die damit einhergehende, Richard Kern-artige Sadoerotik), was sie in die Nähe zum ebenfalls berüchtigten Mitternachtsporno "Thundercrack!" (1975) rückt, der gerne als Vergleich herangezogen wird. In "Singapore Sling" werden Zitrusfrüchte zwischen den Schamlippen in großzügigsten Großaufnahmen zerquetscht, da urinieren und erbrechen Frauen in das Gesicht eines Mannes, dem im Rahmen der Zwangsernährung an gedeckter Tafel seinerseits das Essen aus dem Gesicht fällt, da werden Gedärme zuhauf eingesammelt, pochen frisch entnommene Herzen noch auf der Ablagefläche der Küche vor sich hin, da dominieren Fesselspielchen und Elektroschocks und alles mündet in die Penetration einer der Hauptfiguren mit einem langen Messer, das als Phallusersatz zwischen den Beinen eines Mannes herausragt.
Die Handlung ist simpel und verläuft größtenteils in Form der Nummernrevue: ein Ermittler folgt - bereits zu Beginn des Films schwer lädiert - der Spur seiner großen Liebe Laura und landet dabei im Haus zweier - gelinde gesagt - verschrobener Frauen, die gerade erst ihren Chauffeur abgeschlachtet und im Garten verscharrt haben. Es handelt sich um Mutter und Tochter, die in einem inzestuösen Verhältnis miteinander leben und nach dem Tod des Vaters zumeist alleine ihren Dienstmädchen-Rollenspielen nachgehen müssen. In ihre Hände ist auch die gesuchte Laura geraten, die die sadistische Vergewaltigung durch Mutter und Tochter nicht überlebt hat. Nun ist es [Achtung: Spoiler!] Lauras fanatischer Verfolger, der überwältigt, missbraucht, erniedrigt, gefoltert und wieder missbraucht und erniedrigt wird, bis die Tochter für den halb wahnsinnigen, halb entrückten Mann die Rolle der Laura übernimmt. Gemeinsam tötet man die Mutter mit einem Netz und einer Forke in der Badewanne. In einem an den großartigen Melodram-Kitsch-Kracher "Duel in the Sun" (1946) gemahnenden Ende bringt sich das Paar dann gegenseitig um: der Ermittler schlüpft in die Kleider der Mutter, schnallt sich statt eines Umschnall-Godemiché eine lange Klinge um und entleibt seine Ersatz-Laura in einem blutigen Vergewaltigungsakt; die Sterbende schießt dem Geliebten ihrerseits mehrfach in den Unterleib und händchenhaltend verstirbt erst sie, wenig später er - wobei er jedoch noch die Kraft besitzt, in den Garten zu taumeln und sich dort selbst zu beerdigen.
Diese wüste Sex- und Totschlag-Story besticht in erster Linie freilich wegen ihrer kruden und bizarren Einfälle, deren geschmackloser Anstrich im krassen Gegensatz zur eleganten, edelen Form der hübsch arrangierten, sorgsam ausgestatteten s/w-Bilder steht. Für Zitate-Liebhaber gibt es zudem viele vage Verweise, die überwiegend etwas selbstzweckhaft kombiniert worden sind: Gerd Reda nennt im Booklet der Bildstörung-DVD unter anderem die Universal-Horrorfilmklassiker "Frankenstein" (1931) und "The Mummy" (1932), den Laurel & Hardy-Klassiker "Fra Diavolo" (1933), Wilders "Sunset Boulevard" (1950) und Clouzots "Les Diaboliques" (1955) - alles durch die cinema of transgression- und ero guro-Brille betrachtet.

Während die meisten Zitate etwas willkürlich eingestreut werden - wenn auch unter der Idee, traditionelles Kino mit dem Tabubruch der Post-Porno & -Splatter-Ära zu konfrontieren -, nehmen "Laura" (1944) und der film noir insgesamt eine zentrale Rolle ein. "Laura" - zugleich auch der deutlichste, direkteste aller Bezugspunkte von "Singapore Sling", zumal selbst der Soundtrack teilweise übernommen wird - war vielleicht in puncto Ausstattung kein sehr typischer film noir (im Hinblick auf die Ausleuchtung schon eher!), was jedoch seine Handlung anbelangt, so ist er eines der großen Paradebeispiele & Aushängeschilder des film noir geworden: Ein Held, der sich [Achtung: Spoiler!] mehr und mehr in einer düsteren Geschichte verstrickt und dabei den Boden unter den Füßen verliert, der einer Toten, die letztlich doch sehr lebendig ist und zwischenzeitlich selbst eine Mörderin sein zu können scheint, hoffnungslos verfällt, der ihren Liebhaber als Täter aus Eifersucht entlarvt, welcher jedoch nicht seiner Laura, sondern in der Eile und im Dunkel der Nacht in Lauras Anwesen einer anderen Dame ins Gesicht geschossen hat. Das Verrätselte ist bereits purer film noir, ebenso die erotische Spannung, die regelmäßig mit der spannenden Gefahr verschmilzt: Man liebt Tote, man tötet Geliebtes, die Beschäftigung mit dem Tod, mit Mördern, Toten und undurchsichtigen Kriminalfällen ist insgesamt sehr reizvoll und verführerisch - schließlich können die Ermittler nicht bloß des Geldes wegen nicht von ihren Fällen lassen, während das Publikum in der Regel seinen Blick nicht abwenden mag. Jacques Tourneur spitzt in "Out of the Past" (1947) - dieser Titel! - solche Beziehungen zu und lässt seinen Schnüffler einer mörderischen, kühl berechnenden, stets die Seiten wechselnden femme fatale verfallen, mit der er schon früher konfrontiert worden ist und mit der er sich schließlich am Ende des Films auf der gemeinsam Flucht der Polizei ausliefert: ein selbstmörderisch anmutender Plan, der mit dem Tod beider Figuren endet: sie erschießt ihn ob seines Verrats, die Polizei erschießt infolgedessen sie; In "Cat People" (1942), dem Umschlagen des film noir in das Gebiet des phantastischen Horrorthrillers, lässt Tourneur seine weibliche Hauptfigur während erotischer Begierde und sexueller Spannung in eine tödliche, reißende Bestie mutieren. Preminger, der in "Laura" nur den Verdacht aufkommen ließ, dass die begehrte Frau auch tödlich sein könnte, lässt Jahre später in "Angel Face" (1952) - erneut: der Titel! - ebenfalls eine unschuldig wirkende Schönheit zur mehrfachen Mörderin werden, die auch der Hauptfigur zum Verhängnis wird. Femme fatales stürzen als Frauen ohne Gewissen in Wilders "Double Indemnity" (1944) - auch wieder so ein Titel! -, in Siodmaks "The Killers" (1946), in Welles' "The Lady from Shanghai" (1948) oder - etwas abgeschwächter - in "Gilda" (1946) die begehrenden Männer tatsächlich oder beinahe in ihr Verderben (das im Extremfall ein tödliches sein kann). Je jünger der film noir, desto härter und direkter fällt die enge Bindung von Tod und Erotik aus: die verführerische, platinblonde Schönheit in "Kiss Me Deadly" (1955) - need I say it! - öffnet im furiosen Finale die für alle Beteiligten lebensbedrohliche Büchse der Pandora, in "Vertigo" (1958), dem stilistischen Ausbruch aus dem film noir unter Beibehaltung seiner Themen, liebt die Hauptfigur eine Frau, die sich für die bald sterben müssende Wiedergeburt einer Ahnin hält, eine zweite Frau, die der ersten nach ihrem Tod bis auf das Haar gleicht, erkennt letztlich, dass beide Personen identisch sind und entlarvt die Geliebte und vermeintlich Tote nicht bloß als Mordkomplizin, sondern treibt sie versehentlich in jenen Tod, den sie scheinbar (und eine Andere tatsächlich!) schon einmal erfahren hat. Pathologisches Fehlverhalten gewinnt in diesen späteren Filmen eine größere Rolle und auch die Hasslieben, die tödlich endenden Verführungen und die todessehnsüchtige Liebe können eingedampft werden zur engen Bindung von Sexualität und Gewalt in Form einer (Gruppen-)Vergewaltigung (in einer der beklemmendsten, beinahe an den späteren David Lynch erinnernden Szenen in Welles' "Touch of Evil" (1958)).

Wenn man diese Ausrichtung des film noir berücksichtigt, dann ist "Singapore Sling" ein Neo-film noir der besonderen Art: Während neo noirs wie "Chinatown" (1974), "Blade Runner" (1982), "Blood Simple" (1984), "Angel Heart" (1987), "Kiss of Death" (1995), "Lost Highway" (1997), "The Man Who Wasn't There" (2001), "Road to Perdition" (2002), "Sin City" (2005) oder "The Black Dahlia" (2006) ihre Handlungen in die Gegenwart verlagern, stilistisch auf die ganzen, oftmals technisch bedingten Neuerungen der letzten Jahrzehnte zurückgreifen und/oder dramaturgisch neue Konventionen bedienen, ist "Singapore Sling" dagegen ein neo noir, der den Themenkomplex des film noir mit der ganzen tabubrechenden Freizügigkeit aus den letzten 20-30 Jahren der Kinogeschichte fortschreibt, seinen Kern herausarbeitet und radikalisiert. Hier gerät der film noir nahezu durchgängig zum sado-masochistischen, nekrophilen Kino der Verlockung. Sex & Gewalt, Lustmorde & Verbotenes verführen mit ihrer morbiden Erotik das Publikum ebenso, wie es die durchtriebenen Engelsgesichter ohne Gewissen mit ihren doppelten Identitäten und tödlichen Küssen im film noir stets mit den Helden und Antihelden getan hatten; wobei alle Figuren in ihrer fanatischen Fixierung, in ihren zerstörerischen und/oder selbstzerstörerischen Trieben noch extremer angelegt sind als in den film noirs (selbst den späteren der 50er Jahre). Ein Film des todessehnsüchtigen Exzesses - reizvolles cinema of transgression, konsequent aus dem film noir hervorgegangen und ihn auf eine Art und Weise aktualisierend, die für den neo noir ziemlich unüblich ist.
Großartige Erkenntnisse, erhellende Einsichten wird man während des Filmgenusses vermutlich nicht erlangen, aber formal ist der günstig produzierte Film beachtlich und zudem funktioniert er hervorragend als teilweise schwelgerischer, vereinnahmender, teilweise irritierender, verstörender Erotikfilm, solange man sich mit der derben Körperlichkeit und dem morbiden Grundton arrangieren kann: ein verführerischer kleiner Film über den Reiz der Gefahr und die Befriedigung der Überschreitung & Auflösung für die einen, ein geschmackloser Gag für die anderen.

8/10

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