Die gängige Meinung, Bruno Mattei sei ein grundsätzlich schlechter Regisseur, ist wie die
im deutschen Sprachraum übliche Aussprache seines Nachnamens:
nicht ganz richtig. Erwartet man anspruchsvollen Arthouse - Genuss ist man bei diesem Herren,
der ähnlich wie sein Zeitgenosse und Geschäftspartner Joe D'amato vor allem ein Handlungsreisender
in Sachen Kino und kein Künstler war. Aber für den kleinen Filmhunger ohne überflüssige Kopfarbeit
am Freitagabend war der gute Mann immer mit einem auf das geneigte Publikum maßgeschneiderten Film
am Start.
Nur war der Stoff halt meistens von der Stange der damaligen Kinocharts eingekauft und man bekam
es bei Produktionen mit dem Namen Matteis (oder seinem Pseudonym "Vincent Dawn", dass hier ebenfalls Premiere feiert) meist mit einem handfesten Rip off eines Filmes zu tun, in einigen Fällen auch zweier oder mehr Filme. Hier beschränkte sich Mattei der Bequemlichkeit (und nicht zuletzt des finanziellen Erfolges der Vorlage) wegen auf den 78er
Romero - Horrorhit "Zombie". Streng genommen sind alle anderen Genrebeiträge aus dem italienischen
Dunstkreis allesamt zu eigenständig in ihren Ideen, um als die dreisten Kopien durchzugehen, als die man sie gerne darstellt: Die Hölle der lebenden Toten ist dahingehend der wahre Jakob und DAS zum Preis eines falschen Fünfzigers!
Mit einem schicken Day for Night-Shot und dem ersten geklauten Musikstück des Abends kündigt sich das Unheil an:
unter den optischen Eindrücken frühstmorgens gefilmter Fabrikanlagen und panikinduzierendem Lautsprechergeplärre werden wir Zuschauer Zeugen eines Störfalls im "Hope" - Center, einer Laboreinrichtung, in der aktuell fieberhaft semiwahnsinnige WIssenschaftler mit flexiblen Moraleinstellungen an der Lösung des Welthungers arbeiten. Zu dumm, dass ausgerechnet jetzt eines der Atomreaktormodule, die den Laden am Laufen halten, Zicken machen muss. Die beiden zuständigen Ingenieure, zwei abgebrühte Exemplare ihrer Zunft, die sich sogar nur im Maleranzug und mit übergeworfener Bleikapuze in den radioaktiven Moloch stürzen, dürfen zunächst noch mit geschultertem Geigerzähler
über den Sex mit einer neuen Kollegin plaudern ("Als Chemikerin ist sie 'ne Pflaume, aber als Pflaume ist sie nicht zu schlagen, Junge.") und dann einer im Reaktor kampierenden Ratte mit stranhlungsbedingtem Blutdurst zum Opfer fallen. Einer der beiden Pappenheimer zumindest: der andere stirbt an der Gifwolke, die sein Kollege, seine Hand sterbend um ein Ventil krampfend, noch in die Welt entlässt, bevor er ins Gras beißt. Eine Szene später - Mattei klaut tatschlich nun das Zombietheme von Goblin! - hat ein Sonderkommando der Polizei ein Gebäude voller Ökoterroristen zu stürmen, die die Schließung sämtlicher Hope - Werke fordert (Na, verstehen wir jetzt endlich alle, dass das die Bösen sind!?). Die diensthabenden Polizisten sind dabei nicht wirklich zimperlicher als das Klientel und geht in diesem Fall nach Manier einer tollwütigen Bulldogge vor. Fragwürdiges Highlight: Einer der Terroristen lässt unter einem lautstarken "Hände hoch!" seine Waffe fallen, nur um von einem weiteren, sich anschleichenden Polizisten die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen. Gegen diese Beamten ist sogar ein Maurizio Merli ein wahrer Pazifist!
Nachdem diese zur Musik von Luigi Cozzis "Astaron - Brut des Schreckens" sterbend noch das Ende der Welt und den dahergehenden Tod aller heraufbersachwören geht es für die vier uniformierten Amokbullen auf in afrikanische Gefilde, wo sie von reisenden Journalisten und jeder Menge Mondo - Stockfootage unterbrochen den Geschehnissen im Hope - Komplex nachgehen sollen. Im Umland schlurft und schmatzt derweil schon ein Großteil der Bevölkerung und der Rest der Truppe fällt schrittweise dem übrigens vom Hope initiierten virenbedingten Bevölkerungsschwund zum Opfer, bis der Film final das Eintreffen der Importseuche in der westlichen Welt zeigt und der letzte Zombie des Filmes seine Fratze als Freezeframe in die Kamera halten darf, unpassend begleitet von der zarten Titelmelodie zu Joe D'amatos Nekrophilieklopper "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf".
Der Film klaut, ziemlich oft und ziemlich dreißt. Aber die filmische kleptomanie des Herrn Matte - Iiiihhh täuscht nicht darüber hinweg, dass jener skriptseitig Wert auf Abwechslung und Unterscheidung zur allzu offensichtlichen Vorlage Wert legte. Einerseits sicherlich aus rechtlichen Gründen, andererseits aber auch, um die Fans des Altmeisters Romero mit neuen blutigen Gaumenfreuden ins Kino zu locken (respektive zum Kauf der Videokassette zu bewegen). Und derer gibt es hier reichlich. Besonders fies: Das Rausreißen einer Zunge mit dem anschließenden Herauslüpfen beider Augen der jungen Journalistin Lia. Der Verschwörungssubplot, demnach das Hope - Virus die dritte Welt entvölkern soll, ist heute bereits kalter Kaffee da auch in der Relität mittlerweile eine gerne geäußerte Verschwörungstheorie, sollte aber 1980 eine interessante mögliche Erklärung geboten haben. Die damit verbundene Sozialkritik wurde diesem Film übrigens mit dem Holzhammer eingeprügelt und dürfte es ohnehin nur in den Film geschafft haben, weil sie bei Romero bereits existierte Naja, immerhin ist Matteis Kritikpunkt ein anderer und kann sich vom Vorwurf des geistigen Diebstahles dann doch etwas weiter distanzieren.
Das eigensinnigste Alleinstellungsmerkmal des Filmes kommt mit Dartsteller Marco Garofalo daher, der hier den Ersatzbank - Kinski mimen und seinen Charakter nach allen Regeln der Schauspielkunst immer mehr gen Wahnsinn stoßen darf, was schließlich eingeschlossen in einem Aufzug voller Zombies und unter lautem Geschrei endet. Aber auch die anderen Darsteller des Filmes dürfen hier herrlichstes Overacting präsentieren. Bonus für deutschsprachighe Filmfans: hier hört man einige Stimmen der späteren langjährigen Simpsons - Synchronbesetzung, was den Film noch amüsanter macht: wer beispielsweise wissen will, was Rektor Skinner zwischen seiner Armeezeit und vor Beginn seiner Schulleiterlaufbahn gemacht hat findet seine Stimme hier als Sprachrohr des leitenden Hopewissenschaftlers Dr. Barrett wieder, während Norbert "Homer" Gastell José Gras als Lt. London ein strenges Stimmleben einhauchen darf, dessen geisteskranker Mitstreiter Santoro mit Willi Röbkes (u. a. Reverend Lovejoy, Snake und divberse andere Figuren) herrlicher Röhre markige Sprüche über die Tonspur verteilen und wahnsinnig lachen darf.
Zugegeben, zum selben Zeitpunkt hatte Großmeister Lucio Fulci bereits zwei große Zombiefilme im Rennen und rüstete bereits für den nächsten auf und auch Konkurrent Umberto Lenzi sollte 1980 zum "Großangriff der Zombies" blasen, der
nochmal etwas lebhafter daherkam als das, was sich uns hier bietet. Aber keiner bediente sich direkter und unverblühmter beim Urvater der modernen Zombies als Matteis DIebstahlproduktion, nur um dann doch noch die Kurve zu kriegen und sein eigenes Ding zu drehen. Was dem Film wohlgemerkt einen gewissen Trashcharme verleiht. Die Hölle der lebenden Toten ist eine Art Zombie 1.5 und auf Videoabenden mit Freunden DAS Bindeglied zwischen Romeros Horrorklassiker und einer ausgewählten Eigenkreation eines Fulci, Lenzi oder von mir aus auch Andrea Bianchi.
EIne kleine Anekdote zum Kulttstatus des Films: Full Moon Picturess, Haus - und Hoflabel des Produzenten Charles Band, ließ den FIlm, mit einigen Szenen aus einem anderen B - Streifen verschnitten und komödiantisch übersynchronisiert, als "Coronazombies" auf die Menschheit und den nun einmal mehr boomenden Video on Demand - Markt los. Der Humor dieser Fassung lässt zu wünschen übrig, zeigt aber, welcher Beliebtheit sich der Streifen immer noch erfreut. Hinzu kommt die süße Ironie, dass es nun einmal Bruno Mattei ist, von dem schamlos geklaut wurde. Zu schade, dass der Maestro nicht mehr unter uns weilt. Seine Reaktion dartauf wäre sicherlich interessant gewesen...