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Als der französische Filmkritiker Nino Frank den Begriff „Film noir“ benutzte, beschrieb er rückwirkend eine Reihe von Filmen, an deren Anfang zweifelsohne „Die Spur des Falken“ steht. Die Geburt des Film noir leitete John Huston mit seinem Regiedebüt ein, denn kein anderes Werk prägte den Stil der „schwarzen Serie“ so sehr.

Thematisch lehnt sich die „schwarze Serie“ oftmals an die Detektivgeschichten von Raymond Chandler und Dashiell Hammett an. Beide Autoren gaben die Vorlagen für die berühmtesten Vertreter des Film noir (Howard Hawks „Tote schlafen fest“ und eben John Hustons „Die Spur des Falken“). Im Wesentlichen steht bei jenen Detektivgeschichten nicht das Tatmotiv im Vordergrund, sondern die Art und Weise, wie die Ziele erreicht werden. „Die Spur des Falken“ ist ein einziges Verwirrspiel, in dem immer wieder falsche Fährten gelegt werden und Tricks, Lügen und Intrigen wesentliche Plotelemente sind. Dadurch wird die Sache auch außerordentlich interessant. Als Einleitung dient zumeist ein simpler Auftrag, der unabhängig von den wichtigsten Ereignissen steht und letztendlich nur der Anlass für das Verwirrspiel ist. Der Protagonist, in diesem Fall der Detektiv Sam Spade (Humphrey Bogart), wird dadurch in einen Sumpf nebulöser Machenschaften eingegliedert und wirkt wie eine Marionette in der undurchsichtigen Angelegenheit. Spade ist der dekadente Antiheld, der zwischen den Fronten steht und dessen lakonische, machohafte Souveränität immer mehr hinterfragt wird. Ähnlich wie der neuzeitliche „Stirb Langsam“ Actionheld John McClane alias Bruce Willis, bietet Bogart viel Identifikationspotenzial und ist vielmehr der mit Fehlern behaftetet Durchschnittsbürger, als ein Superheld. Dadurch wirkt er aber gleichzeitig sympathisch, auch wenn er selbst vor miesen Tricks nicht gefeit ist. Bogart ist jedenfalls schauspielerisch über jeden Zweifel erhaben - das was Bruce Willis für das neuzeitliche Actionkino darstellt, ist Bogart für den Film noir. Sam Spade steht für eine neue Art von Held – und Bogart steht für den Namen Sam Spade!

Weitere Elemente, wie das Objekt der Begierde (hier die mysteriöse, schwarze Falkenfigur) und die Femme fatale, Miss Wonderly (Mary Astor), die Spade in die Machenschaften involviert, machen „Die Spur des Falken“ zu einem Paradebeispiel für den Film noir.
Während des Spiels verschmilzt Schuld und Unschuld, neue Erkenntnisse lassen den Fall in einem anderen Licht erscheinen – eine Pointe folgt der anderen. Schlussendlich werden die kriminellen Machenschaften aufgeklärt, aber man mag nicht von einem Sieg des Guten sprechen, weil alle irgendwie als Verlierer dastehen.

Unterstützt wird die irritierende Wirkung durch technische Stilmittel, wie die low-key-Beleuchtung. Durch den bewussten Einsatz von Schatten und der zum Großteil dunkel gestalteten Bilder, wird ein düster wirkender Effekt bei der visuellen Wahrnehmung erzielt.
Trotzdem man mit inhaltlichen und visuellen Mitteln eine bedrückende Atmosphäre schafft, wird die „Die Spur des Falken“ nie zu einer schwermütigen Angelegenheit. Einerseits ist Spades bzw. Bogarts lässige Herangehensweise ein Grund dafür, aber auch die jazzartige, musikalische Untermalung stellt einen Kontrast zu den überwiegend düsteren Bildern her.

„Die Spur des Falken“ ist das Urbild der berühmten „schwarzen Serie“. Im Rahmen einer ausgeklügelten Detektivgeschichte erlebt der Betrachter, wie die Grenze zwischen Schuld und Unschuld irritierend verschwimmt und der amerikanische Traum im Gegensatz zum Western Genre demontiert wird. Am Ende stehen alle irgendwie als Betrogene dar und verlieren im Sumpf des Verbrechens ihren Glanz. Mit Humphrey Bogart wurde schon zu Beginn der Reihe die Idealbesetzung für den detektivischen Part im Moloch aus Lügen und Intrigen gefunden. Das Verwirrspiel bietet trotz der augenscheinlichen Melancholie pure Unterhaltung! Selbst über 60 Jahre nach der Produktion von „Die Spur des Falken“ kann man dessen Einflüsse im modernen Kino beobachten. (9/10)

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