Review

Kim Ki-duk also mal nett.
Der Mann, der in „Address Unknown“ wirklich alle vor die Hunde gehen und in „Samaria“ eine minderjährige Prostituierte aus dem Fenster springen ließ, zeigt uns nun, dass er auch anders kann.
Er erzählt die Geschichte eines einsamen jungen Mannes, der sich kurzzeitig in fremden Wohnungen einnistet, während ihre Besitzer verreist sind. Er stiehlt nichts, er wohnt nur dort, kümmert sich sogar liebevoll darum, wäscht, putzt und repariert, wenn nötig, kaputte Gegenstände. Das Einnisten in leere Häuser und das kurzzeitige anonyme Teilhaben am Leben ihrer Bewohner hilft ihm, seine eigene Leere auszufüllen. Eines Tages trifft er auf eine verwandte Seele, Sun-hwa, die mit ihrem sie verprügelnden Mann nicht wirklich glücklich ist. Sie schließt sich ihm an, bezieht fortan mit ihm gemeinsam fremde Wohnungen, und sie kommen sich allmählich näher.
Allerdings ist da noch immer Sun-hwas vor Eifersucht brodelnder Ehemann, und ein unglücklicher Umstand bringt Tae-suk ins Gefängnis, wo er fortan seine Zeit in Einzelhaft in einer vollkommen leeren, weißen Zelle verbringen muss.
Was nun folgt, ist nicht der von Kim gewohnte totale Absturz seiner Protagonisten, auch wenn es einige drastische Szenen zu sehen gibt und Einsamkeit und Melancholie aus allen Ritzen dringen. Diesmal ist er nett zu seinen faszinierenden Charakteren, die übrigens von Jae Hee und Lee Seung-yeon sehr eindringlich und überzeugend gespielt werden. Ein bemerkenswertes Stilmittel ist die Wortlosigkeit der beiden. Strotzen Kims Filme generell schon nicht vor besonders gesprächigen Charakteren, sind es hier fast ausschließlich die Nebenfiguren, die gelegentlich reden. Tae-suk kommt ohne ein einziges Wort aus und schirmt sich so von seiner Umwelt ab um sich in seine eigene Welt zu flüchten. Nur Sun-hwa, von der man lange Zeit ebenfalls den Eindruck hat, sie könne stumm sein, findet Zugang zu ihm.
Ansonsten wird der Film gewohnt langsam, still und unspektakulär erzählt. Musikalische Untermalung ist rar, aber schön, Schnitte sind ebenso wie Worte Mangelware. Bilder und Klänge, in denen sich der Seelenzustand der abgebildeten Figuren spiegelt. Doch dieses typisch karge wandelt sich während Tae-suks Zeit im Gefängnis, wo die Atmosphäre eine deutlich geheimnisvollere, fast traumgleiche Färbung annimmt und den Weg zum großartigen Finale ebnet. In diesem Finale kommt Sun-hwa erstmals dazu, drei Wörter über ihre Lippen zu lassen – welche, ist wohl nicht schwer zu erraten, aber der Zusammenhang, in dem sie gesagt werden, ist genial. Dieses Ende gehört zu einem der beeindruckendsten und schönsten, die ich überhaupt je in einem Film gesehen habe. Es stimmt schon, wenn die FAZ schreibt, dass man aus dem Film glücklicher herauskommt, als man hineingegangen ist.
Voller Eleganz und wunderschöner Metaphorik. Absolut sehenswert.

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