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Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug?
Ja, es ist ein Flugzeug! Und drinnen sitzt der „Aviator“, namentlich Howard Hughes, Multimillionär und Flugfanatiker! Und wer spielt dieses tollkühne Männchen in seiner fliegenden Kiste? Der Leo ist’s und setzt zum Sturzflug auf die Oscars an, für Gott und Vaterland und Martin Scorsese im Besonderen.

Jau, wir haben es bei „The Aviator“ mit einem Produkt der Berechnung zu tun. Selten wurde in den letzten Jahren so aus dem Vollen geschöpft, während auf jeder Mitarbeiterstirn die Absicht prangte, bei den nächsten Academy Awards so richtig abzufegen. Jeden Dollar, den Martin Scorsese investiert hat, um diese Filmbio des bei uns relativ unbekannten Flugpioniers und Exzentriker in Szene zu setzen, kann man schlußendlich auch auf der Leinwand, monumentale Bilder, die man nicht so schnell vergessen soll. Wird man nicht, soviel kann ich schon mal garantieren...

Es ist jedoch nicht die typische Filmbio geworden, nicht das tiefgehende intime Portrait eine kaum verständlichen Mannes, bei dem man an allen Ecken und Enden die großen und wahren anderen Stars durchs Bild laufen sehen kann. Stattdessen hangelt sich das Drehbuch durch ein Best-of der vermutlich spektakulärsten Lebenspunkte Hughes in den Jahren 1928-1948, der als Produzent, Regisseur und vor allem als Kämpfer gegen das Monopol der Panam-Fluggesellschaft reüssierte.
Die Werbung in Deutschland machte dann viel Wind um die Hollywood-Seite des Films, auch wenn die für die Story relativ gesehen wenig interessant ist. Es sind mehr oder minder die weiblichen Begleitungen Hughes‘, die hier Tinseltown ausmachen, viel mehr Gewicht liegt auf dem Drama, mit der TWA-Gesellschaft gegen die mächtige Panam anzugehen und Geschwindigkeitsrekorde zu brechen. Nebenbei bleibt noch Zeit für zahlreiche Ausflüge in die Paranoia der Hauptfigur, einer geradezu krankhaften Angst vor Keimen und Infektionen, die in mehreren Zusammenbrüchen gipfeln.

Tatsache ist, daß der Film so den Zuschauer nie zur Ruhe kommen läßt. Stets ist etwas Neues zu entdecken, grüßt ein anderes bekanntes Gesicht, werden historische Ereignisse und Legenden zu unvergleichlichen Bildern legendärer Pracht verwoben, ein Kinofest für die Augen.
Aber die Methode hat so ihre Tücken. Zunächst einmal gestaltet sich der Aufbau des Films zwar vordergründig chronologisch, bietet aber wenig Anhaltspunkte über die Zeit, die zwischen den Szenen wirklich vergeht bzw. vergangen ist. Zu selten erfährt man, wann man sich wirklich befindet, wie lange Hughes mit welcher Schauspielerin befreundet war, wie lange eine Konstruktion tatsächlich gedauert hat. Der opulente Bilderbogen fordert so trotz guter darstellerischer Leistungen seinen Preis, denn bisweilen werden Ereignisse hier zu dramaturgischen Zwecken neu angeordnet, vor allem die visuell beeindruckende Zusammenbruchsszene mit einem total verwahrlosten di Caprio, der sein Urin in Milchflaschen auffängt, dürfte wohl eher in eine Epoche einzuordnen sein, die lange nach dem Ende des Films liegt.
Das allerdings ist Filmbios nachzusehen, dramaturgisch schwerer wiegt die Tatsache, daß Hughes selbst ein Rätsel geblieben, das sich Scorsese nicht zu deuten traut. Eine Anfangsszene, in der Hughes Mutter ihm die Furcht vor Keimen beibringt, ist bei weitem nicht Grundlage genug für diese enorme Form der Neurosen, die der erwachsene Flieger später entwickelt. Die plakative Exploitation des Zustandes ist dann aber auch wesentlich interessanter, denn es gilt diesen Mann völlig neu zu entdecken.

Schauspielerisch ist die Besetzung ein Fest für jedermann, wobei di Caprio besondere Aufmerksam erfordert. Interessant ist, daß er nur in den Anfangsszenen (um 1930) etwa in dem richtigen Alter für Hughes damals war, aber wesentlich überzeugender wirkt, wenn er mit Oberlippenbart in den späteren Szenen einen Mittvierziger simuliert. Wenn der Schein nicht trügt, erwartet uns von di Caprio noch ein beeindruckendes Spätwerk. Oscarverdächtig ist die Leistung trotzdem nicht, aber dennoch sehr gut. Der Rest des Cast glänzt jedoch mehr durch die eigenen Namen, als durch die Leute, die man darstellt. Kate Beckinsale hat auch hier wieder zu wenig zu tun, um als Ava Gardner zu überzeugen, Cate Blanchett brilliert als Katherine Hepburn, fällt aber mehr durch exzessives Overacting auf, Jude Law als Errol Flynn geht beinahe ebenso unter wie der Kurzauftritt von Gwen Stefani. Da machen Baldwin und Alda als die bösen Buben schon eine intensivere Figur.
Insgesamt scheint es aber für alle eine Lust gewesen zu sein, den jeweiligen Part zu spielen.

Höhepunkte des Films sind sicherlich aber die Flugszenen, von besonderer Güte und der effektvolle Absturz des Millionärs zu Beginn des letzten Drittels ist eine der brutalsten und schmerzhaftesten Szenen, die man zu dem Thema je gedreht hat. Wenn er jedoch als zerbrochenes, entflammtes und blutendes Wrack seinem ersten Retter ins Ohr brüllt, er sei Howard Hughes, der Flieger, dann ahnt man, daß hier der Figur ein Denkmal gesetzt wurde, ohne die Möglichkeit zu besitzen, unter die Oberfläche zu schauen, weil das nie jemandem gelungen ist.

Es ist ein prachtvoller Film, aber so poliert wie manipulativ und seine definitivsten Punkte sind die historisch verbürgten Premieren- und Flugdaten, wenn auch Scorsese sich sicher genug ist und das Datum für das Publikum einblendet, weil hier endlich etwas Verbürgtes zu sehen ist. Ansonsten verzichtet der Meister auf Genauigkeit und „druckt die Legende“, wie es so schön heißt, zumindest bebildert er sie derart.
Und unterstrichen wird das alles durch das Fehlen jeglichen Schlußtextes, der uns über das weitere Schicksal der Beteiligten doch bitte Aufschluß hätte geben können, doch das wäre in Scorseses Augen „Legendenschändung“ gleichgekommen. Was hätte er auch zu berichten gehabt: Hughes richtete RKO nieder und wurde zum mackenbewehrten Sonderling, dessen Leiche schließlich per Fingerabdruck identifiziert wurde; Gardner hatte Alkoholprobleme galore, Flynn soff sich tot, wenn er nicht Sexprozesse am Allerwertesten hatte und die bisexuelle Hepburn zog ihre ewige Affäre mit dem Trunkenbold Spencer Tracy bis zu dessen Tod hin.
Am Ende muß Hughes hier leuchten und auch wenn seine Ticks in der Schlußszene die Oberhand gewinnen, bleibt der Eindruck, daß er die „Spruce Goose“, sein riesiges Tragflächenboot in die Luft bekommen hat. Es war das einzige Mal, für alle Zeit, aber knabbern wir nicht an Legenden.

„The Aviator“ ist Kino wie damals in den 50ern, überlebensgroß und schillernd, eine unwirkliche Pracht, ungeheuer wahr und wahrhaftig, doch niemals richtig der Realität verhaftet. Es ist nicht Scorseses beste Arbeit, auch wenn das Darstellen von lichten und dunklen Seiten seiner Figuren zu seiner Spezialität gehört, aber es ist eine gute. Es ist eine Lust am Kino, aber die wahre Tiefe, die Offenbarung, das Abgründige geht unter dem Schein ein wenig verloren. 8/10, wenn auch knapp!

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